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Der Vorspann von PENNY DREADFUL zeigt Zeitlupen, dazwischen an einigen Stellen kurze Zeitraffer. Unter anderem sehen wir Spinnen und Schlangen. Spinnen und Schlangen wirken gerade deswegen so beunruhigend, weil sie sich die meiste Zeit besonders langsam, wie in Zeitlupe, bewegen, um dann, plötzlich, vorzuschnellen, zu springen, zu beißen. Ganz ähnlich erzeugen Filme oft den Horror, die Kamera und die Figuren bewegen sich langsam durch Räume und jeder Zuschauer weiß, dass irgendwann aus einer Ecke ein Monster springen wird.

Diesen Horror erleben wir auch in PENNY DREADFUL häufig. Vor allem aber sind es die Figuren, die mit diesem Schrecken leben. Er begegnet ihnen jedoch nicht nur in der Welt des schmutzigen und dunklen Londons am Ende des 19. Jahrhunderts, sondern er lauert vielmehr in ihnen selbst. Die zentrale Hauptfigur Vanessa Ives beschreibt ein Kratzen in ihrem Inneren, das jeden Moment zum Ausbruch bereite Monster in ihrem Selbst. In ihrem Fall ist es das Monster schlechthin, ein Dämon, der immer wieder von ihr Besitz ergreift, er ist Dracula, oder eigentlich: der Teufel. Die Dämonen der restlichen Hauptfiguren zeigen sich in anderen Formen, als Krankheit, als Übertritt einer letzten Grenze, als moralische Schlechtheit, als unbeherrschbarer Hunger, als Wunscherfüllung eines ungehörigen Wunsches, oder auch als Sicht vernebelnde Sehnsucht. Neben den vielen Kämpfen mit Waffen und Fäusten, die die Serie zeigt, finden die wahren Kämpfe in jeder Figur statt. Die staffelübergreifende Jagd nach der von dem Vampir entführten Mina, angeführt von ihrem Vater, dem Abenteurer Sir Malcom, und ihrer ehemals besten Freundin Vanessa, reicht nicht aus, um an die Serie zu fesseln. Die inneren Kämpfe der Figuren und ihre Beziehungen untereinander schon. Zur Gruppe stoßen Victor Frankenstein und der amerikanische Revolverheld Ethan Chandler hinzu, weiter spielen Dorian Gray, Van Helsing und Frankensteins Kreaturen eine Rolle in PENNY DREADFUL.

Es versammeln sich die Allstars der klassischen Phantasiefiguren, die selbstverständlich auch die Gründungsfiguren des phantastischen Films sind. Sie entstanden am Vorabend der wissenschaftlichen und technischen Durchdringung der Welt. Die neue Technik wird Hoffnungsträger und gleichsam Projektionsfläche für die Ängste, die in dieser Phase des Umbruchs auf allen Ebenen entstanden. Ihr Charakter ist noch nicht fest determiniert, ein Hauch des Magischen haftet noch an ihr. So verschwimmen Rationalität und Magie, ein Widerstreit, der sich auch in den Figuren sehen lässt.

In einer Schlüsselszene beschreibt Vanessa ihre Herangehensweise beim Ausstopfen von Tieren, das sie als Heranwachsende als Freizeitbeschäftigung betrieb. Ihr Trick war, dass sie hinter die Glasaugen immer Spiegel setzte, damit die Tiere nachher lebendiger wirkten. „I would put mirrors behind the whole world if I could.“ Im Verlauf der Serie finden sich viele Blicke in Spiegel, die Figuren selbst blicken hinein, noch öfter ist es aber die Kamera, die sich von ihnen löst und ihre Spiegelungen betrachtet. Im Spiegelbild kann nach Selbsterkenntnis gesucht werden. Die Hauptfiguren in PENNY DREADFUL haben sich selbst erkannt, sie wissen um das Monster in ihnen. Vielleicht ist der Blick in den Spiegel ein Instrument der Versicherung, dass sie noch Herr der Lage sind, oder er geschieht aus der Hoffnung, nur dem Selbst und nicht dem Monster darin zu begegnen, endlich normal zu sein.

Der Spiegel zeigt aber die Realität mit umgekehrten Vorzeichen, wenn der normale Mensch aus ihm herausblickt, könnte das nicht heißen, dass das Monster hineinsieht? Die Spiegel in den Augen des toten Vogels simulieren lediglich ein lebendiges Funkeln, sie erlauben keineswegs einen Blick in die Seele des Tieres, zeigen kein Leben, nur das spiegelverkehrte Diesseits. Einmal lässt Dorian Gray eine Fotografie von Vanessa anfertigen, es ist das erste Mal, dass sie fotografiert wird. Bisher sträubte sie sich dagegen. Für Gray enthalten Fotografien wenig Wahrheit, da sie nur Augenblicke festhalten. Ein Spiegelbild ist noch flüchtiger, aber es zeigt anstatt der reinen Oberfläche eines Augenblicks ihr spiegelverkehrtes Selbst. Ein Blick auf das Dahinter ist nicht zu erhaschen, vielleicht aber gibt das verschobene Abbild der Realität etwas von ihr preis, dient der Blick in den Spiegel also dem Erkennen der Welt in ihrem verzerrten Abbild. Gleich, aber doch das Gegenteil – so können auch die Monster im Inneren der Figuren beschrieben werden. Ebenso sind auch die Figuren untereinander ähnlich und gleichzeitig Gegenparts.

Als Vanessa als Kind nach dem Erleben eines Schocks, der ihre Welt ins Wanken bringt, das erste Mal die Präsenz von etwas Bösen in ihrem Leben spürt, deutet die Serie das auf der Tonspur durch eine verzerrte, unheimliche Stimme an. Vanessa schreckt auf und dreht sich um. Sie blickt aber nicht durch das Zimmer, sondern gleich in den Spiegel hinter ihr. Es scheint ihr bewusst zu sein, dass das Monster nicht durch das Haus wandert und sich stattdessen nur in ihr selbst erkennen lässt. Screenshot via Netflix.

Als Vanessa als Kind nach dem Erleben eines Schocks, der ihre Welt ins Wanken bringt, das erste Mal die Präsenz von etwas Bösen in ihrem Leben spürt, deutet die Serie das auf der Tonspur durch eine verzerrte, unheimliche Stimme an. Vanessa schreckt auf und dreht sich um. Sie blickt aber nicht durch das Zimmer, sondern gleich in den Spiegel hinter ihr. Es scheint ihr bewusst zu sein, dass das Monster nicht durch das Haus wandert und sich stattdessen nur in ihr selbst erkennen lässt. Screenshot via Netflix.

Am Ende der ersten Staffel steht die Frage, ob die Figuren wirklich ihr Monster loswerden wollen. Was wären sie ohne die inneren Kämpfe? Wie könnten sie als normale Menschen der Welt begegnen? Vielleicht wären sie gerettet, aber was wäre mit der Welt? Denn es ist deutlich: Sie sind die Helden, die diese Welt verdient.

PENNY DREADFUL ist Teil des Angebots des deutschen Netflix.

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