Seite auswählen

Die Geburt der Filmfestivals aus dem Geiste der Diktatur – zum 70. Jubiläum: Ein Blick auf die Geschichte der Mostra

„This is Major Tom to Ground Control/ I’m stepping through the door/ And I’m floating in a most peculiar way/ And the stars look very different today“

David Bowie, „Space Oddity“, 1969

***

Piloten ist nichts verboten: Steil senkte sich die Cessna über dem Lido herab, gleich zweimal hintereinander überflog die deutsche Maschine – „gefährlich niedrig„, wie die Zeitgenossen seinerzeit berichteten – das Casino und die noblen Strandhotels, bevor sie nur wenige Kilometer neben dem damals noch sehr beschaulichen Festivalgelände wohlbehalten landete. Im Cockpit: Kein anderer als Heinz Rühmann persönlich. Der deutsche Superstar ließ es sich nicht nehmen, in der eigenen Privatmaschine einzufliegen, um Anfang September 1956 bei dem Filmfestspielen seinen Film DER HAUPTMANN VON KÖPENICK persönlich vorzustellen. Regie führte Helmut Käutner, und am Lido nahm die Erfolgsgeschichte dieses Films ihren Anfang, die bis zu einer Oscarnominierung im folgenden Jahr führte. (West-) Deutschland war „wieder wer“, auch im Weltkino – eine von vielen Anekdoten einer Festivalgeschichte, in der das deutsche Kino eine prominentere Rolle spielt, als etwa bei der Konkurrenz in Cannes.

***

Vom Flugzeug her gesehen liegt da nur ein kleiner dünner Strich im Morgendunst – trotzdem ist der Lido seit diesem Mittwoch für knapp zwei Wochen das konkurrenzlose Zentrum der internationalen Filmwelt. Fast jedes Jahr gibt es hier irgendeinen Grund, Jubiläen oder eigene neue Einfälle zu feiern. Vor 81 Jahren eröffneten zum ersten Mal auf dem Lidostrand, der die Lagune von Venedig zum Meer hin abschließt, die Filmfestspiele von Venedig, und damit ist man hier das erste und älteste Filmfestival der Welt. Es muss ein sehr exklusiver Ort gewesen sein, in jenen ersten Jahren, nachdem der legendäre Conte Volpi das Festival 1932 ins Leben gerufen hatte; dieses erste Filmfestival der Welt, ein Kind der Diktatur. Volpi war nicht nur eine Weile in Benito Mussolinis Kabinett Kulturminister, sondern vor allem der Besitzer des Hotels „Excelsior“, einer der schönsten Herbergen auf dem luxuriösen Lido, und er gründete das Festival keineswegs aus Kunstinteresse, sondern aus einem weitaus profaneren Grund: Um in der Nachsaison Anfang September noch einmal den Tourismus anzukurbeln. Im eigenen Haus gab es ein Kino, also lud man Regisseure und Stars und vergab am Ende einen Preis. Mussolini brauchte nicht lange, um die Chance zu erkennen, die „Mostra“ in eine Propagandashow umzufunktionieren. 1938 gewann Leni Riefenstahls OLYMPIA den Hauptpreis, damals „Copa Mussolini“ genannt – der erste von mehreren deutschen Festivaltriumphen. Wie auf OLYMPIA, der immerhin noch manch‘ schwer bestreitbare filmische Qualitäten hat, kann man auf einige andere nicht wirklich stolz sein: Auch DER GROßE KÖNIG lief hier und dann noch JUD SÜß, der ebenfalls einen Preis gewann.

***

Die Rechnung aus Tourismus und Politik ging auch ansonsten auf, die Idee der Filmfestivals war geboren, und das „Modell Venedig“ fand – Mussolini hin oder her – bereits in den 30er Jahren schnell Fans und Nachahmer: 1936 folgte die UdSSR mit Moskau, in Cannes kam nur der Krieg dazwischen, aber direkt danach, in den späten 40er, frühen 50er Jahren übernahmen die Demokratien das Konzept, und man gründete allerorten jene Filmfestivals, die bis heute eine führende Stellung, jedenfalls in Europa haben: Cannes, San Sebastian, Locarno, in Deutschland Berlin (1951) und Mannheim (1952). Wiederaufbauprojekte im Optimismus der Nachkriegszeit, oder wie in Berlin ideologische Flankenangriffe im Kalten Krieg.

***

Die Geburt der Filmfestivals aus dem Geiste der Diktatur – das wäre allemal auch gelegentlich einer Betrachtung wert, verbunden mit dem Nachdenken darüber, wie Demokratie und Film eigentlich zusammenpassen, wie viel der Blick des Kinos überhaupt mit Totalitarismus zu tun hat.

***

In den Anfangsjahren der Mostra und bis in die 50er konnte man am überschaubaren, ruhigen Lido noch sehr leicht mit den Filmemachern auf Tuchfühlung gehen. Heute dominieren wie überall die Security und wichtigtuerische „Star-Betreuer“, die jeden spontanen Auftritt verhindern, alles kontrollieren. Die Gewichte zwischen Herr und Knecht haben sich vertauscht, auch die größten Stars sind längst Gefangene ihres selbst geschaffenen Apparats, der sich verselbständigt hat und eines rigiden Zeitplans. Aber immerhin lockt die Schönheit der Lagunenstadt nach wie vor viele von ihnen hierher.

***

Aus deutscher Sicht ist Venedig vor allem mit dem „Neuen Deutschen Film“ verbunden. Dessen Kopf, der Münchner Alexander Kluge, triumphierte am Lido gleich doppelt: 1966 bekam er den Silbernen Löwen und den Juryspezialpreis für ABSCHIED VON GESTERN, 1968 gar den Goldenen Löwen für DIE ARTISTEN DER ZIRKUSKUPPEL: RATLOS. 1981/82 gab es dann sogar einen Doppelsieg: Zuerst den Goldenen Löwen für DIE BLEIERNE ZEIT von Margarethe von Trotta, ein Jahr später folgte dann der für Wim Wenders’ DER STAND DER DINGE. Diese Zeiten sind allerdings nicht nur in Deutschland vorbei. Ein Film wie DIE ARTISTEN DER ZIRKUSKUPPEL ist dermaßen schräg, dass er heute kaum im Wettbewerb laufen würde – never say never -, und nie und nimmer gewinnen könnte.

***

Seit Mittwochabend nun läuft die 70.Jubiläumsausgabe dieser Mutter aller Filmfestivals – zuerst allerdings traf man sich nur alle zwei Jahre, und ein Weltkrieg und finanzielle Nöte in den 1970er Jahren schufen dem Festival jeweils mehrjährige Zwangspausen.
Im Wettbewerb laufen 20 Filme, darunter ein deutscher Beitrag: DIE FRAU DES POLIZISTEN vom Düsseldorfer Philip Gröning.
An die lange und im Guten wie Schlechten abwechslungsreiche Tradition der Mostra erinnern vor fast jeder Vorstellung kleine Einspieler, die mit altem Dokumentarmaterial aus Wochenschauen die Festivalgeschichte Revue passieren lassen – das sorgt für viele Lacher – auch wenn der Hintergrund des Gezeigten oft alles andere als lustig ist – und manchmal sind diese Auftaktszenen besser als das, was danach läuft.

***

Besonders die Bilder der ersten Festival-Jahre geben eine sehr gute Vorstellung des Luxuslebens der europäischen Oberklassen zwischen Verdrängung, Appeasement und Kollaboration. Vom bevorstehenden Weltkrieg ahnt man natürlich einstweilen überhaupt nichts, die Klassengesellschaft ist noch halbwegs intakt, man trägt helle dünne Stoffe und ist freundlich zum Personal.

***

In der Jubiläumsretrospektive der „Venice Classics“ wird unter anderem Chantal Akerman geehrt. Man zeigt gleich zwei Filme Akermans, die hier vor 40 Jahren liefen. HOTEL MONTERRY (1972) ist ein Stummfilm über ein New Yorker Hotel, das bereits seinerzeit zum Zufluchtsort für viele vergessene Alte des „Big Apple“ wurde. Akermans Kamera erkundet unbekannte Orte.  LE 15/8 von 1973 stellt ein junges Mädchen aus Finnland ins Zentrum: Akerman beobachtet sie während eines ganzen Tages in einem Pariser Appartement, in dem sie als Au Pair arbeitet – das Portrait einer Post-68er-Jugend, die ihre Zukunft bereits lange vor Castingshows und Sozialen Netzwerken an die Konsumgesellschaft verschleudert hat. „Ich bin es gewohnt, dass meine Filme Teile des Publikums aggressiv machen“ resümiert Akerman, „auch wenn es keine Aggressionen in meinem Film gibt. Wenn sie aggressiv werden, verrät das etwas über sie selbst.“ Akermans Filme wirken heute wie eine doppelte Flaschenpost aus einer verlorenen Zeit – für das Kino wie für die Gesellschaft.

***

In Erinnerung sind älteren Festivalgängern auch noch andere Auftritte der Deutschen: Zum Beispiel Günter Grass, wie er 1984 bei einer Spontandemonstration wild fuchtelnd am Strand stand: Er protestierte gegen die Aufführung von CLARINETTA. Darin spielte immerhin keine Geringere als Claudia Cardinale Clara Petacci, die Geliebte Mussolinis. So einen Film, empörte sich Grass, dürfe man überhaupt nicht zeigen, der sei eine Verherrlichung des Faschismus. Nicht nur Piloten ist nichts verboten.