Seite auswählen

Der Horizont ist in POLICEMAN eine Grenze. ©GM Films

Der Horizont ist in POLICEMAN eine Grenze. ©GM Films


„Ein Skizzenbuch über politisches Kino aus Israel“, schrieb Nikolaus Perneczky in der Cargo anlässlich des Kinostarts von HA SHOTER (POLICEMAN). Dieses Skizzenbuch nimmt eine symmetrische Struktur an und beobachtet in kritisch starren Kameraeinstellungen eine Gruppe israelischer Polizisten eines Sondereinsatzkommandos in der ersten Hälfte, um in der zweiten eine Gruppe junger israelischer orthodoxer Sozialisten unter die Lupe zu nehmen. Palästinenser gibt es auch, aber nur auf Papier. Zwei wurden getötet und zwei verletzt von den Polizisten, die nun deswegen im Zentrum einer gerichtlichen Untersuchung stehn.

Die einfache, bisweilen grobe ideologische Symmetrie des Debütfilms von Nadav Lapid entpuppt sich nach und nach als Spirale. In ihrem Mittelpunkt befinden sich der Polizist Yoram und seine Kollegen. Ein Mal in der ersten Hälfte des Films tragen sie ihre Uniformen, doch richtig martialisch wirken sie in ihrer Freizeit: Beim Training, Tackling, Radfahren, wenn sie sich mit kräftigen Schlägen auf die bloßen Schultern, den Rücken oder in die Hände grüßen, und die Tonspur es verstärkt transportiert. Sie reden nur das Nötigste, doch sie, und das mutet unheimlich an, lassen selten den Macho raushängen. Stattdessen strahlen sie Verantwortung aus: einander, ihren Frauen und ihren (zukünftigen) Kindern gegenüber – denn sie bauen weiter an „dem schönsten Land der Welt“. Strikt funktional ist ihr Leben, und das zeigt POLICEMAN überdeutlich bei jeder Gelegenheit. Zum Beispiel in der Art, wie die vorwiegend statische Kamera die Figuren aus der Umgebung heraus isoliert und ihren Bewegungen und Worten Gewichtung verleiht, diese als zielgerichtete Taten hervorhebt. Manchmal kadriert sie aber absichtlich unkonventionell: Gesichter oder Arme außerhalb des Bildrahmens machen auf Öffnungen in dieser filmischen Parabel aufmerksam, auf Möglichkeiten eines Blicks jenseits der starren Struktur des Films, auf ein Makrobild Israels, das wir uns im Zeichen der gezeigten Funktionalität ausmalen sollen.

In einem Aufzug trainiert Yoram kurz nach dem Filmanfang Klimmzüge. Seine Muskeln spannen sich, die Tür geht auf und da steht seine Mutter. Er besucht sie, um sie zu informieren, dass er jeden Moment Vater wird. Sie sagt ihm, er wäre sehr schön. In dieser kleinen Szene, die mit einer einzigen Bemerkung drei Generationen umklammert und ihre Ideologien und Beziehungen zueinander auf ein Ideal der Effizienz reduziert, wurde mir klar, dass alle Öffnungen jenseits des konkret Gezeigten in POLICEMAN so funktional sind, wie das Gezeigte selbst. Sie führen alle zurück auf die Lebensart der Figuren, auf die Starre des Films, auf ihren Mittelpunkt Yoram.

Revolution im Reagenzglas ©GM Films

Revolution im Reagenzglas ©GM Films


Die jungen linke Extremisten in der zweiten Filmhälfte sind alle Anfang Zwanzig und sind alle entschlossen, die Reichen, die das Land ausrauben, zu töten und den Armen zur Gleichberechtigung zu verhelfen. Die Entschlossenheit, mit welcher sie ihre Ziele deklamieren, und die Konsequenz, mit welcher sie diese verfolgen, führen im Rahmen der starren Struktur des Films auf den ersten Teil zurück, auf das Absolute der Männerkörper. Doch im Unterschied zu den Polizisten sind sie immer wieder wankelmütig. Sie müssen sich immer wieder vor anderen beweisen. Ihrer Entschlossenheit stehen oft Emotionen und Gefühle im Weg – das Menschliche eben, das Spontane, dass sich dem ritualisierten Umgang der Charaktere aus dem ersten Teil miteinander entgegensetzt. Aber dafür gibt es im Israel des Films keinen Platz. Darum kommen diese kleinen Lebenszeugnisse kaum zur Geltung – sie machen nur auf die Leere aufmerksam, die das Land jenseits eines in Lapids Vision inhärenten Leistungsdrucks charakterisiert. So führt der Film, Verzicht für Verzicht, auf den Kern seiner Spirale zurück, auf Yoram.

Am Ende wird diese Gegenüberstellung zur abschließenden These von POLICEMAN. Die zwei Parteien treffen aufeinander, zwei bis drei Sekunden lang, im Dunkeln, und die im Verlauf des Films aufgebaute immense Spannung wird aufgelöst, das Portrait eines Landes wird sloganisiert: Effizienz oder Nichts.

Über den Film schrieb auch Michael Kienzl bei critic.de.
Empfehlenswert zum Thema sind auch die Filme von Eyal Sivan.

Pin It on Pinterest