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Der Austin hat’s gsagt (mit bayerischem Extravokabular)

Xaver Edlinger (Daniel Christensen) ist Zimmermann und hat keine Ahnung von Sprechakttheorie. Trotzdem wird er in den ersten zehn Minuten dieses Münchner Polizeirufs mit gleich zwei Aussagen konfrontiert, die seine Wirklichkeit völlig über den Haufen werfen. Zuerst rumpelt Kathi (Barbara Bauer) in Xavers Werkstatt und zeigt ihm einen Test: „I bin schwanger“. Er schaut sie erschrocken an, bevor die Erkenntnis in seinem Kopf Halt findet, dann jubeln sie. Kathi fügt an: „Jetzt kon koana mehr wos sagn“. Am Telefon erfährt die Kommissarin in Ausbildung Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) von der anstehenden Verlobung ihrer Schwester, schaut dabei über die Dächer Münchens und mag sich nicht wirklich freuen. Stattdessen macht sie sich sofort daran, Prozessakten auszugraben. Xaver Edlinger wurde vor zwölf Jahren des Mordes an Anton Filser angeklagt, aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Damit wird klar, dass Kathi nicht nur von der Hochzeit gesprochen hat. Das wahre wirklichkeitskonstituierende Potenzial besteht tatsächlich darin, dass Xaver nach langer Zeit re-integriert werden kann in die Gemeinschaft, die seinen Freispruch bestenfalls hingenommen, aber nie wirklich akzeptiert hat. Wie der alte Beamte Unterkofer (ein Ornament: Siggi Zimmerschied) ganz bauernschlau sinniert: „A Gericht kann am Gerücht nix anham. Des bleibt ewig.“

In Abwesenheit ihres Chefs Hanns von Meuffels (Matthias Brandt), lässt Anna die Tatwaffe von damals – eine Bierflasche – neu untersuchen und kann Xavers DNS nachweisen. Unterkofer warnt sie, doch sturköpfig nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Und spricht auf der Verlobungsfeier ihrer Schwester den zweiten, ungleich fataleren Satz aus, der wie ein Brandsatz wirkt: „Der Xaver war’s!“ Die alte, nie gesühnte Schuld brodelt dicht unter der Oberfläche und wird damit wieder in die Gegenwart geholt. „Warst es?“, stellt Vater Filser (Andreas Giebel) Xaver zur Rede und gibt ihm eine saftige Schelln. Die Zeit für Antworten ist lange überfällig.

Währenddessen schlägt sich Hanns von Meuffels mit dem Hund seines Vaters herum, der auf den exzentrischen Namen „Frau Klein“ hört. Er scheint nicht der Typ für Tiere zu sein. Avanti wird nun aufgearbeitet, wie er ins leere Büro zurückkommt und aus dem Durcheinander entschlüsselt, was Anna vorhat. Und er stiert los, hechelt der Burnhauserin hinterher, schimpft und flucht, kommt hoffnungslos zu spät. Im Gasthof trifft Meuffels nur noch den Vater Filser an, der ihm nahelegt, dass er sich besser auch gleich wieder schleichen soll. Immer wieder wird er in diesem Fall anmerken, dass er gerade nichts verstanden hat. Dieser bornierte Menschenschlag und sein Dialekt erscheinen ihm als hoffnungslosem „Preissn“ und „Stoderer“ völlig verschlossen. Als er seine Assistentin endlich stellt, brüllt er sie an. Anna hat nicht nur ihre Kompetenzen weit überschritten, sondern vor allem das Recht gebrochen: Denn niemand darf zweimal für die gleiche Sache angeklagt werden! Ne bis in idem heißt dieser fundamentale Grundsatz des Strafrechts. Einmal freigesprochen heißt immer freigesprochen!

So beginnen die Ereignisse (nicht der Fall!) damit, dass die Polizisten Xaver wieder zurückbringen müssen. Doch das Dorf in das er zurückkehrt, ist nicht das, welches er verlassen hat. Annas Anschuldigung hat unverrückbare Tatsachen geschaffen. Was alle bereits insgeheim vermutet hatten, erscheint validiert. Dazu kommt ein Gefühl des Betrugs durch eine vermeintlich unfähige Justiz, die nun wieder nur den Täter ausspuckt, anstatt Gerechtigkeit zu schaffen. Meuffels, dem in der Zwischenzeit auch noch der Hund abhanden gekommen ist, bleibt dort, denn er weiß, dass Xaver keine Chance hat. Anna schickt er als Erziehungsmaßnahme zurück nach München zu den Akten, wo sie das beenden soll, was sie angefangen hat.

Bedächtig aber unaufhaltsam braut sich etwas zusammen im Dorf. Während Xaver seine Runde dreht – erst zu Kathi, mit der er flüchten will, und dann zu seiner Schwester Rosa (Sarah Lavinia Schmidbauer) – ist er bereits gefangen in einem unerbittlichen Mahlstrom, aus dem es kein Entkommen gibt. Es beginnt damit, dass „MÖRDER“ auf sein Auto gesprüht wird. Bevor er fliehen kann, rückt man mit einem Frontlader an und nimmt es ihm ganz weg. „Der muaß weg!“, sagen sie beim Wirt. Annas Bezichtigung materialisiert sich als bedrohlicher Mob, der mit Traktoren den Hof umstellt. Der Strom wird abgezwickt und die Scheinwerfer angestellt. Dann halten sie Wache, wie der Jäger vor dem Fuchsbau, denn irgendwann muss er da ja herauskommen.

So sitzen und brüten Xaver und Meuffels als erzwungene Schicksalsgemeinschaft in der niedrigen, düsteren Stube, die dumpf herabdrückt wie die unausgesprochenen Dinge der Vergangenheit, die nun ihren Tribut fordern. Meuffels erschüttert sukzessive Xavers Sicherheit. Kathi wird ihn nicht begleiten, nicht so lange eine potenzielle Lebenslüge zwischen ihnen steht. Tatsächlich macht sie einen Rückzieher. „Sie wollen alle ohne Wahrheit lassen“, stichelt der Kommissar – Matthias Brandt, gerade für diese Rolle mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet, gibt seinem Kommissar eine unaufgeregte Aura und mustert sein Gegenüber mit schmalen Augen. „Manchmoi, da muaß oana doa, wos oana doa muaß“, giftet Xaver zurück, doch davon verstehe Meuffels nichts. Die Unausweichlichkeit von Ereignissen ist das zentrale Motiv von Schuld, sowohl drinnen in der Stube wie draußen. Gewinner kann es keine geben, aber vielleicht ist das bei dieser Konstellation auch ganz richtig.

Doch der Kommissar wäre gar nicht uneingeladen bei ihm geblieben, wenn er das nicht ganz genau wüsste. Als Meuffels in der Morgendämmerung zu Fuß zum Haus von Rosa kommt wie ein einsamer Sheriff, dann verkörpert er die längst überfällige Aufklärung. Zu lange wurde geschwiegen oder gar nicht erst gefragt, wie Rosas Mann Max (stark: Michael Grimm). Der nagende Zweifel in den Köpfen ist ein schlimmerer Feind als der Mob vor der Türe. Die Filmmusik von Hans Wiedemann und dem Trio die.hammerling untermalt seine zunehmende Einsamkeit mit einem Motiv auf der Melodica. Xaver muss erkennen, dass er nicht fliehen kann, am wenigsten vor seiner Verantwortung. Darin liegt – wie die Aufklärung des alten Falles zeigen wird – seine Tragik, denn es wird nach Taten abgerechnet, nicht nach Gr
ünden.

Nach Denn sie wissen nicht was sie tun liefert Hans Steinbichler einen zweiten sehr wuchtigen Beitrag zum Polizeiruf 110. Die böse Diskrepanz zwischen einem Gerichtsurteil und der empfundenen Gerechtigkeit bildet das dunkle Herz dieses Polizeirufs. Schuld weicht von der Whodunit-Mördersuche ab: Niemand geht hier davon aus, dass Xaver es nicht war. Nur sagen muss er es halt. Einzig ein Geständnis kann den Fall neu aufrollen. Der Mob im Dorf hat da seine eigenen Methoden, sie kommen zu fünft und zerren ihn aus dem Haus, geben ihm ein, zwei mit. Filser senior belehrt den Kommissar, dass er es ihnen schon sagen wird. Meuffels muss sich den in solchen Fällen immer vorgebrachten Vorwurf schmecken lassen, dass die Polizei nur Gewalttäter schützt, statt sie dingfest zu machen. Doch in diesem wuchtigen Krimi-Heimatdrama hat es der Verdächtige am Ende selbst in der Hand. Die Verantwortung hat er bereits zwölf Jahre von sich gewiesen. Nicht umsonst hängen und liegen überall auf dem Hof Figuren des gekreuzigten Jesus, dem ein- oder beide Arme fehlen (bereits in der Werkstatt zu Beginn rahmen sie vielsagend den Blick durch das Fenster nach draußen).

Man kann einwenden, dass das Bergdorf-Setting und sein Personal großzügig ein Klischee bedienen. Und das mag daran liegen, dass der Autor dieser Zeilen selbst aus einem bayerischen Dorf stammt. Doch Steinbichlers Polizeiruf thematisiert ein Dilemma, das in vielen Krimis auch nördlich der Donau ebenso funktioniert und das ganz ohne Internet-Kampagne und Shitstorm-Wutbürgertum. Das starke und genau besetzte Schauspielensemble (Casting: An Dorthe Braker) überspielt so manche Drehbuchlücke, etwa die nie geklärte Frage, warum nicht seinerzeit Revision gegen Xavers Freispruch eingelegt wurde. Die Verwicklung, welche Täter und Opfer verbindet, ist durch einen Flashback absehbar, ohne aber dem Stand-Off am Ende seine Intensität zu nehmen, in dem der Fall und die Ereignisse der Nacht gleichermaßen ihr Finale haben. Im Licht des Tages besehen, wirkt das anders mit dem Mann, der tun muss was er eben tun muss.

Ein Problem allerdings bleibt diesem Polizeiruf: Die Rolle Anna Burnhausers. Ungläubig muss man zusehen, wie die Kommissarin in Ausbildung starrköpfig das Glück der eigenen Schwester sabotiert, den Chef hintergeht und rechthaberisch darauf besteht, dass ihr nun die Anerkennung gebührt, den Mordfall gelöst zu haben. „Matz“ nennt sie einer, was in der Mundart u.U. auch ein Kompliment sein kann, doch hier in seiner abfälligen Variante gemeint ist. So ist es eine (wenn nicht die einzige!) Schwäche dieses Falles, warum Anna eigentlich so selbstgerecht handelt. Ein kurzer Flashback deutet an, dass es vielleicht eine Art Verliebtheit gab zwischen Anton Filser und ihr, doch das reicht ebenso wenig aus wie die spät vorgebrachte Backstory, dass sie wegen Xaver Polizistin wurde. Um Ungerechtigkeit zu verhindern. Nur: Ihre Handlungen bringen nur noch größere Ungerechtigkeit hervor. Anna hat das Leben ihrer Schwester und ihr mögliches Familienglück zerstört. Grob packt Kathi sie am Lockenkopf und verlangt die Bestätigung, dass ihr ein Fehler unterlaufen ist. Bezeichnenderweise beteuert Anna aber nur, dass sie Xaver haben „auslassen müssen“. Bis zum Ende wird man keine wirklich überzeugende Entschuldigung von ihr hören. Mehr als einen offiziellen Rüffel bringt ihr die ganze Sache nicht ein. Die Figur Anna Burnhauser bleibt hier undurchsichtig und unter ihrem Potenzial, denn als eigensinnige Assistentin kann sie Meuffels nicht viel weiterhelfen.

Polizeiruf 110: Schuld (ARD/BR, 29.04.2012)
R: Hans Steinbichler
B: Stefan Kolditz
K: Christian Rein
D: Matthias Brandt, Anna Maria Sturm, Daniel Christensen, Barbara Bauer, Sarah Lavinia Schmidbauer, Michael Grimm, Andreas Giebel, Fred Stillkrauth, Doris Buchrucker, Siggi Zimmerschied u.a.
Prod: Zieglerfilm für BR

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