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rio getränk

Rio, das beliebteste Erfrischungetränk meiner Kindheit
-und nein, dieser Post wurde nicht bezahlt :)

Ich war eines der glücklicheren Kinder im postsozialistischen Rumänien. Unter den Freunden meines Vaters gab es einen stark übergewichtigen Herren, der gleich nach der Revolution eine Videothek eröffnete. Und wie es so ist unter Freunden, durfte mein Vater aus diesem Laden eine Weile kostenlos Filme ausleihen. Da unser Farbfernseher 1992 gleichzeitig mit einem Videoplayer im Haushalt eintraf, assoziierte ich Videofilme mit diesem Übergang von Schwarz-Weiß zu Farbe, vom matten Kommunismus zur schön bunten Welt der importierten Spielzeuge der Klassenkameraden mit Verwandten im Ausland und den leckeren zwei-Liter-PET-Sprudelgetränken mit Früchtegeschmack. Vielleicht waren mir deshalb alte Filme unsympathisch.

Schon in der zweiten Klasse durfte ich mit in die Videothek und mir auch Filme aussuchen. Sie hauste in zwei umgestalteten Garagen, die einst einem Appartment eines typischen Randviertel-Blockhauses zugeordnet waren. Darin war aber keine lichtgraue Dacia zu sehen, sondern, sobald man eintrat, eine Wand voller in Tesa eingeschweißter Karteikarten. Pro Film gab es einen Platz an der Wand, und jeweils zwei dieser Karten. Die erste, in rot beschriftet, signalisierte, dass der Film Teil des Bestandes ist. Die zweite, in grün, zeigte an, dass der Film nicht ausgeliehen ist. Man nahm sich also einige grüne Karten von der Wand, ging damit zum Schalter und bekam im Gegenzug Videokasetten, die der Freund meines Vaters zuhause mit seinen drei Videorecordern von einer piratierten Kopie oder gelegentlich von einem Original aufnahm. War nur die rote Karte da, merkte man sich den Titel für das nächste Mal.

garage rumänienIn der Zeit kurz nach der Revolution schien sich keine Behörde für Piraterie zu interessieren und das Filmgeschäft aus der Garage lief entsprechend. Ebenso wenig Interesse galt dem Jugendschutz. Ich war zu feige, mir BRAM STOCKERS DRACULA anzuschauen, oder TWIN PEAKS, oder andere Filme, an die ich mich nicht mehr erinnere, aber ich durfte grundsätzlich immer dabei sein, wenn der Film noch vor 21:00 lief. Immer wieder erzählte mein Vater von den Filmen, die er spät schaute, nachdem wir ins Bett mussten. Einer davon, der mich eine Zeit lang besonders faszinierte, drehte sich um einen Werwolf. Es gab auch eine Serie, die immer um 23:30 Uhr ausgestrahlt wurde, und einmal am Wochenende durfte ich wach bleiben und mitschauen. Da bin ich schon während des Vorspanns eingeschlafen.

Da aber alles grundsätzlich erlaubt war, fand ich schnell einige spezielle Ecken in dieser Videothek. Die Filme waren in Kategorien geordnet, die sich teilweise mit Genres deckten: Action, Komödie, Drama, Thriller, aber auch Superaction, Commando, Bruce Lee oder Psychisch. Meine Mutter begeisterte sich für die letztere, bei mir standen Commando, Bruce Lee, Karate, Jiu Jitsu, Kickboxing, Ninja und Superaction hoch im Kurs. Manchmal auch Science-Fiction. Ich war damals ständig verführt von diesen überlebensgroßen Persönlichkeiten, die ihren Auftrag um jeden Preis erfüllten und meistens noch so schlau und professionell waren, um zu dritt, viert oder manchmal sogar alleine ganze Armeen, gar Diktaturen außer Gefecht zu setzen.

In der Zeit steigerte ich mich entsprechend in solche Wunschfantasien. Meine Schwester musste ganz oft mit mir Ninja spielen, um nur ein Beispiel zu nennen.Wir nutzten dabei Besenstiele als Katanas und Deckel der Amigo-Nescafé-Dosen als Sterne und ich nahm jede Baustelle um das Haus herum als Parkour in Angriff. Irgendwie entwickelte sich diese Commando-Superaction-Leidenschaft so weit, dass ich einen Großteil meiner Kindheit davon überzeugt war, Militärgymnasium und Militärakademie seien die tollsten vorstellbaren Orte der Welt. Zum Glück kam die Pubertät diesem Lebensweg in die Quere.

Dieser Gedankenstrom startete mit der Frage, was wohl in meiner Kindheit meinen Lebensweg bestimmt haben könnte. Doch, auch wenn sich hier lesen ließe, dass die Videos aus meiner Kindheit mich auf Umwegen zur Filmwissenschaft führten, scheinen mir solche Implikationen zu reduktionistisch. Sie passen und werden entsprechend inflationär im Film verwendet, haben aber wenig mit der Wirklichkeit gemein. Eine solche Verbindung wird am Anfang des Films angerissen, über welchen ich heute schreibe: BLACKFISH. Es werden Orca-Trainer von Sea World gefragt, wie sie zu ihrem Job kamen und die Frage führt immer wieder zurück in die Kindheit. Man ist selber dort gewesen, als Besucher, angelockt von der Faszination dieser gefährlichen Tiere nach klassischen Attraktionspark-Mustern. Doch man blieb hängen, verliebte sich in die Tiere und kam immer wieder zurück, um irgendwann einen Job nah bei den Orcas anzutreten. Man war – liest sich das – eben anders als der normale Besucher, dem es nur darum geht, den Preis der Eintrittskarte durch das Erlebnis beglichen zu sehen. Man nahm die Tiere auch wahr, interessierte sich für diese, für ihre Bedürfnisse, man war eben kein Ignorant. Aber gleichzeitig blieb man einer von ihnen, von den vielen, die bei der Faszination anfingen.

Blackfish Still

Blackfish ©NFP

Der Film blendet immer wieder in Form von Sea World Werbespots Belege ein. Das Unternehmen macht eben das, was jedes Unternehmen aus der Unterhaltungsbranche machen sollte: Faszination und Emotionen kapitalisieren. Um einen Überblick in dieser Konstellation von Orcas, Pflegern, Sea World und Publikum zu bekommen, begibt sich der Filme auf diese Ebene der Vermarktung und was dabei rauskommt, ist insofern interessant, als das es den Versuch verkörpert, die Geschäftspolitik des amerikanischen Konzerns mit eigenen Waffen zu schlagen. Als Film kapitalisiert BLACKFISH genau wie Sea World an den Emotionen seines Publikums.

Einerseits geschieht das implizit, indem das Leben eines der berühmtesten Orcas exemplarisch betrachtet wird, von seiner Gefangennahme im Alter von zwei Jahren, über das aggressive Training in der ersten Phase seines Lebens, über verschiedene Angriffe auf mehrere Trainer und bis hin zu seiner aktuellen Lage. Im Verlauf dieser nachgezeichneten Lebensreise des Orcas kommen verschiedene Walforscher zu Wort, um auf die krassen Unterschiede zwischen dem Wissen über Wale bei Sea World und in der Wissenschaft aufmerksam zu machen. Denn der Konzern biegt sich die Wirklichkeit so zurecht, wie sie gerade am besten vermaktbar ist.

Andererseits werden die Wale selbst zu einer Projektionsfläche für die Emotionen des Zuschauers. Ihr hochkomplexes Sozialleben in der Herde und die Misshandlungen, denen sie durch Menschen ausgesetzt sind, stehen stark in Kontrast. Allmählich, und daher auch der Name des Films, BLACKFISH (den Indiander in Ehrfurcht nutzten, um die Tiere zu bezeichnen), wird ein mythisches Bild einer missverstandenen Spezies konstruiert, das wir als Zuschauer nur ungern durch die Rücksichtlosigkeit von Sea World demontiert sehen.

Und schließlich drittens werden unsere Emotionen um die interviewten Wahltrainer kanalisiert – jene Zuschauer, die bei den Tieren bleiben wollten und um diese herum ihren Lebensweg gestalteten. Sie, stellt sich heraus, sind keinesfalls weniger naiv als das restliche Publikum, denn ihr Umgang mit den Walen und, noch wichtiger, ihr Wissen über die Tiere, unterliegen streng dem durch Sea World regulierten Wissensfluss – so der Film. Sie haben sich in ein Tier verliebt, und dieses hat sie um ihr Leben gebracht – so könnte die philosophische Feststellung des Films summiert werden.

Orca Jaws

BLACKFISH © NFP

So ist BLACKFISH ein sehr politischer Film – es werden mit der Blu-Ray auch Informationen zur Verfügung gestellt, die uns auf die ersten Stationen eines Engagements für die Tiere hinweisen. Ein Film mit einer formell ausgefeilten Strategie, die als Kommunikationsinstrument womöglich sehr ingeniös ist, doch fehlte mir was darin. Ich dachte länger, das hätte mir mir zu tun, mit meinem Anspruch auf eine Bodenständigkeit, die zumindest stellenweise ambitioniert wäre, auch die Facette um den Konzern unter die Lupe zu nehmen, anstatt sich in melodramatischer Motivik zu vertiefen.

Doch vor einigen Tagen hatte ich das Glück, Barbara Kopples HARLAN COUNTY zu sehen, eine Dokumentation über die Streiks der Bergbaugewerkschaften in der im Titel genannten Region der USA. Diese Dokumentation war mindestens ebenso politisch engagiert und karikierte sogar rücksichtslos die Bergbaugesellschaften, doch wollte sie in ihrer Machart mich so viel mehr beeindrucken. Im Unterschied zu BLACKFISH ist sie dem Cinema Verité verflichtet. Die Bewegtbilder sind so einprägsam, so einfach und roh, dass sie die Struktur, die sie in der Postproduktion auferlegt bekommen, permanent überwinden. Sie sind ein Stück Alltag aus der untersten Schicht des rücksichtslosen amerikanischen Kapitalismus und müssen darum, im Unterschied zu BLACKFISH, nichts beweisen. Denn anstatt eine Beweisführung zu organisieren, greifen sie nach uns durch den Bildschirm und reißen uns aus allen vorstellbaren Bedenken. So gesehen, geht es nicht anders als festzustellen, dass BLACKFISH in der Sterilität seiner Formstrategien gefangen ist, dass er ein Film ist, mit zu viel Selbstbewusstsein, als dass er einen so erreichen kann, wie HARLAN COUNTY.

harlan county doku barbara kopple

HARLAN COUNTY © arsenal berlin

Nach diesem Vergleich muss ich eine Frage im Raum stehen lassen, denn die Antwort darauf habe ich nicht. Es geht um die, nach der Naivität eines HARLAN COUNTY, nach seiner Adäquatheit im Kontext der Gegenwart. Ist ein Film wie BLACKFISH nicht doch einer, der unsere Gesellschaft, getrieben durch Verstrickungen von Marketing und PR-Mechanismen eher spiegelt und ihr somit auch gerecht wird, als ein wie ad-hoc entstandener, ehrlich-naiver Film über die unterste Schicht eines ausbeuterischen Systems?