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© Privatarchiv Reinhold Vorschneider

© Privatarchiv Reinhold Vorschneider

Durch Reinhold Vorschneiders Kameraführung wird uns gezeigt, was eigentlich die ganze Zeit vor unseren Augen war und doch nicht richtig gesehen wurde. Dies ist nur einer der Gründe, warum er in die „Familie des Marburger Kamerapreises“ aufgenommen wurde. Der Marburger Kamerapreis und die Kameragespräche sind seit 2001 eine erfolgreiche Verknüpfung universitärer und städtischer Zusammenarbeit und erfreuen sich stetig wachsender, internationaler Beliebtheit. Reinhold Vorschneider ist der Preisträger 2013, ein Preis, der für hervorstechende Arbeit mit der Kamera verliehen wird. Hier wird nun sein Name in einem Atemzug mit Raoul Coutard (2001), Frank Griebe (2002), Robby Müller (2003), Slawomir Idziak (2004), Walter Lassally (2005), Judith Kaufmann (2006), Eduardo Serra (2007), Renato Berta (2008), Wolfgang Thaler (2009), Jost Vacano (2010), Anthony Dod Mantle (2011) und Agnès Godard (2012) genannt. Eine Auszeichnung, die nach seinen eigenen Worten eine besondere Ehre für ihn ist und ihn stolz seinen Beruf verkünden lässt: er ist Kameramann.

Angela Schanelec beschrieb in ihrer Laudatio seine Arbeit mit einem Wort: Unbestechlichkeit. Er verstünde den Regisseur noch bevor dieser sich selbst versteht und verliere nie seinen eigenen Blick auf die Dinge. Entscheidend sei für ihn nicht die Filmtechnik, sondern natürliches Licht und Raumkonstellationen. Vorschneider nutze aber nicht das Licht oder fotografiere Menschen, sondern er fotografiere das Licht selbst und genau das mache seine Bilder so besonders und eindringlich.

„Wir wollen nicht nur von außen beobachten, sondern wir wollen auch Beobachtungen aus dem Erfahrungsraum, dem Wahrnehmungsraum der Protagonisten heraus.“

In diesem Zitat spricht Vorschneider über einen der gezeigten Filme im Rahmen der Kameragespräche. Es ist sein Film DER RÄUBER (2010), welcher unter der Regie von Benjamin Heisenberg entstand. Es ist der letzte Ausschnitt aus einem hin- und hergerissenen Leben, ein Leben bestimmt durch den Takt der Laufschuhe, ein Leben eines Marathonläufers und Bankräubers, das Leben des Johann Rettenberger. Gerade aus dem Gefängnis wegen versuchten Bankraubes entlassen, verfällt er scheinbar sofort wieder in alte Muster.

Aber war er von diesen überhaupt jemals weggekommen? Warum eine erneute Bankraubserie? Schulden? Geldgier? Wer ist dieser Rettenberger? Was ist sein Ziel?

Fragen, die der Film nicht beantwortet und auch gar nicht zu beantworten versucht. Es ist keine psychologische Analyse, es gibt keine ausschweifenden Dialoge, keine Schuldbekenntnisse oder Erklärungen. Es sind die Bilder in diesem Film, die erzählen, die uns genau das zeigen, was wir die ganze Zeit hätten sehen sollen, sie sind es die uns berühren.

Die Kamera bleibt immer nah am Protagonisten dran, bringt uns auf seine Seite, lässt uns in den rasanten Verfolgungsjagden mitfiebern und uns über gewonnene Marathonläufe freuen. Im ganzen Film scheint es überhaupt nur eine einzige Konstante zu geben: das Laufen. Das ist es, was Rettenberger kann, was er will und was er tut. Er läuft im Gefängnis seine Runden, er läuft um die Anerkennung, er läuft um sein Leben. Er läuft bis er nicht mehr laufen kann. Auf der Strecke bleiben die Chancen eines freien Lebens, ein Neubeginn und die Liebe zu seiner alten Flamme Erika.

In diesem Film zeigt Vorschneider, was für seine Arbeit interessant ist und was man mit einem gewissen Realismus der Bilder beschreiben könnte. Es ist das Licht, wie es sich auf den Personen spiegelt, wie es Räume erfüllt, Stimmung schafft. In solchen Aufnahmen braucht es nicht viele Worte. Man sitzt in seinem roten Kinosessel, sieht und versteht. Er könnte auch als der Kameramann des Halbdunkels beschrieben werden, denn er scheut sich nicht davor lediglich mit dem vorgefundenen Licht zu arbeiten, keine künstlich ausgeleuchteten Szenen, einfach natürliches Licht mal wirken lassen, es neu entdecken. So schafft er es auch der Dunkelheit verschiedene Facetten abzuringen, indem er lediglich in der Ferne oder in anderen Räumen helle Lichtinseln erzeugt. Dieses Phänomen sehen wir deutlich in Erikas Wohnung, in welcher Rettenberger sich eine Zeit lang einquartiert. Allein durch das Licht bekommt die große Altbauwohnung einen ganz besonderen Charme, etwas düster, alt und doch heimisch. Die Küche wird in mildes Hoflicht getaucht, dicke Gardinen verschlucken das Licht in den Schlafräumen, im Flur herrscht das Dunkel. Kleine Lichtstreifen unter Türen verraten ein Leben hinter diesen. Ein Leben, das Rettenberger nie wirklich erreicht. Gleichzeitig spielt Vorschneider mit dem Raum selbst. So werden Personen oft von hinten gezeigt, wie sie sich durch Räume bewegen, wie sie Räume wahrnehmen. Als Rettenberger zum ersten Mal Erikas Wohnung betritt, bekommt man das Gefühl die Wohnung abzuscannen, nach Vertrautem, nach Fluchtmöglichkeiten. Es scheint nicht das normale Betreten einer neuen oder bekannten Wohnung zu sein, sondern ein Erforschen von Neuem und gleichzeitig ein Heimkehren zu Altem. Vorschneiders Filme zeichnen sich durch eine enorme Präzision der Bilder aus, folgen einem genau durchdachten Konzept und könnten trotzdem nicht natürlicher sein.
„Es ist die Alltagserfahrung, für die Reinhold Vorschneiders Kamera uns die Sinne schärft.“

Weitere Filme Vorschneiders, die exemplarisch für seine Arbeit gezeigt wurden:
In der Vorreihe: IM SCHATTEN (2010), SWANS (2011), ORLY (2010), NACHMITTAG (2007) und SCHLÄFER (2005).
Im Rahmen der Kameragespräche: MEIN LANGSAMES LEBEN (2001), MADONNEN (2007) und DER RÄUBER (2010).