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Man merkt erst was man will, wenn man es nicht mehr hat. Diese Floskel trifft auf die Handlung der Komödie Resturlaub von Gregor Schnitzler zu. Der auf Tommy Jauds gleichnamigem Roman basierende Film thematisiert den Ausbruch eines durch die Midlifecrisis geplagten Protagonisten aus seinem Alltag. Doch nachdem er versucht hat, sein Leben völlig umzugestalten, merkt er schnell, dass er das, was er eigentlich zu hassen schien, ganz besonders braucht.

Der Protagonist Pitschi kann nicht fassen, dass sein Leben so langweilig verlaufen soll wie das seiner Freunde, die nur den Wunsch nach einem Haus und der Ehe haben. Spießigkeit ist sein größter Albtraum, doch steuert sein Leben gegenwärtig genau darauf zu. Was er zwar bemerkt, allerdings keinen ausreichenden Grund sieht, dies zu ändern. Als seine langjährige Freundin nun ein Kind von ihm möchte, nimmt Pitschis Panik überhand. Eine Reise nach Buenos Aires, inklusive Koks und hübschen Frauen, dient ihm als utopisch-skurriler Selbstfindungstrip, der ihm zeigt, dass er im Grunde doch das spießige Leben herbei sehnt, vor dem er zu fliehen versuchte.

Der Regisseur Gregor Schnitzler hat unter anderem schon Soloalbum, den Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre, verfilmt und damit einen sowohl lustig-unterhaltsamen als auch authentischen Film präsentiert. Allerdings ist er bei seinem neuesten Projekt bezüglich der Komik übers Ziel hinausgeschossen, wodurch sich aus den komischen Elementen eine eher alberne, unnatürliche und zu oft gesehene Trivialkomik entwickelt.

Die durch Switch Reloaded bekannte Martina Hill beipielsweise spielt die Frau von Arne, Pitschis bestem Freund. Diese Rolle versinkt komplett in nervtötendem Quaken à la Heidi Klum-Persiflage, was schon bald anstrengend wird. Auch der Mann, der seiner Freundin mit halb angezogener Hose hinterher läuft und im letzten Moment unbedingt noch hinfallen muss oder die kräftige Frau, die einen hilflosen, schmächtigen Mann beim Salsatanzen über das Parkett schleift, wirken wie schon tausend Mal gesehen und erscheinen innerhalb des Films eher als gezwungene Slapstickmomente.

Diese zwanghaft inszenierten Elemente strotzen vor Übertreibungen und erzeugen beim Zuschauer an einigen Stellen das Gefühl von Fremdscham. Als Beispiel sei hier der Gebrauch von Chillisoße genannt, welche als Potenzmittel missbraucht wird. Diese pubertäre Komik wird auch noch mit „Finger in‘ Po, Mexiko“ angekündigt, was eher zu einem Teenagerklamauk wie American Pie passen würde. Auch Details, welche im Buch auffälliger auftreten und eine wichtige Rolle für die Geschichte spielen, kommen im Film leider zu kurz. Zu nennen wäre die Kiesauffahrt, welche im Buch als Symbol für das Spießertum oft erwähnt wird, im Film allerdings erst gegen Ende thematisiert wird. Auch an anderen Stellen wird Hintergründiges zugunsten der simplen Komik weggelassen.

Diese filmische Unausgegorenheit verwundert angesichts der starken Vorlage. Obwohl, oder vielleicht gerade weil der Romanautor Tommy Jaud auch das Drehbuch zum Film schrieb, wird die Stimmung und die Thematik des Romans im Film nicht gut verpackt. Eventuell fehlt ihm in dieser Hinsicht eine Distanz zwischen Vorlage und Film, die Jaud nicht erreichen kann. Der Roman enthält, bei aller Komik, eine gewisse Ernsthaftigkeit in Bezug auf die Selbstfindung. Der vom Leben im beschaulichen Bamberg gelangweilte Mittdreißiger wirkt authentisch und der Leser kann sich in ihm wiederfinden. Der Protagonist des Films kann dieses Gefühl nicht zum Zuschauer transportieren. Es scheint, als hätte kein Umdenken bezüglich der Wirkung auf den Rezipienten bei der Übersetzung in das Drehbuch stattgefunden.

Nach der Fehlbesetzung Oliver Pocher in Jauds verfilmtem Bestseller Vollidiot ist nun auch Resturlaub dem Roman nicht ebenbürtig. Der Unterhaltungsfaktor, der länger als ein kurzer Sketchclip andauern und über den Zeitraum eines Spielfilms anhalten sollte, ist nicht gegeben. Dies führt dazu, dass der Eindruck einer TV-Produktion beispielsweise durch diverse unecht wirkende Dialoge erweckt wird, was durch Jauds Mitarbeit bei Brainpool und damit bei Formaten wie der Wochenshow und Ladykracher sicherlich nicht verwunderlich ist. Die Spezifik der Arbeit an einem Spielfilm scheint von Jaud wenig beherrscht.

Alles in allem ein Film, der leider viel Potenzial verschenkt und dem Zuschauer lediglich Klamauk präsentiert.

ResturlaubPressespiegel auf film-zeit.de
 

Resturlaub
R: Gregor Schnitzler
B: Tommy Jaud
K: Andreas Berger
D: Maximilian Brückner, Mira Bartuschek, Stephan Luca, Antoine Monot Jr., Dave Davis, Martina Hill, Melanie Winiger
Deutschland, 2011, 111 Min.
Sony Pictures Releasing
Kinostart 11.08.2011

FSK 12

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