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Sansa sucht in der Krypta von Winterfell die Nähe ihrer verlorenen Familie – und trifft auf ihren neuen Vertrauten Littlefinger

Sansa sucht in der Krypta von Winterfell die Nähe ihrer verlorenen Familie – und trifft auf ihren neuen Vertrauten Littlefinger.

In SONS OF THE HARPY sind die Protagonisten aus GAME OF THRONES auf sich gestellt: Daenerys verliert in Meereen einen wichtigen Berater und Freund. Littlefinger lässt Sansa allein mit den Boltons in Winterfell zurück. Tommens Herrschaft wird in King’s Landing durch die Sparrows herausgefordert, Tyrion befindet sich in neuer Gesellschaft und die charmanten Schurken Jaime und Bronn schlagen sich in Dorne durch. Eine Bewährungsprobe für jeden einzelnen. Wer wird sie bestehen? Wer wird an ihr Scheitern? Auch der Zuschauer ist sich selbst überlassen. Im ambiguen Spiel der Serie liegt es in seinem Ermessen, wie die entfalteten Entwicklungen zu bewerten sind. Denn: Der Triumph des Einen ist die Niederlage des Anderen. Handlungen haben Konsequenzen, das Ende eines Konfliktes bringt zwei neue hervor. Ereignisse sind nicht gut oder schlecht, Figuren nicht schwarz oder weiß.

Alles ist letztlich eine Frage der Perspektive. So werden in SONS OF THE HARPY zwei Bilder ein und derselben Person gemalt: Rhaegar Targaryen. In der Krypta von Winterfell erzählt Littlefinger Sansa, wie Robert Baratheons Rebellion und der Tod von zehntausenden Menschen in einer romantischen Geste ihren Anfang nahm: Nach dem Sieg auf dem Turnier in Harrenhal stellte Prinz Rhaegar seine Zuneigung zu Lyanna Stark öffentlich zur Schau, als er ihr den Siegeskranz überreichte – statt seiner Braut Elia Martell. Den Rest kennt Sansa aus den Erzählungen ihrer Eltern: Rhaegar hat ihre Tante Lyanna entführt und vergewaltigt, Robert und Eddard zogen in den Krieg, Rhaegar, das Monster, und der Rest seiner Familie wurden geschlagen. Demgegenüber stehen die Erinnerungen von Ser Barristan Selmy. Er beglückt Daenerys mit einer Facette ihres Bruders, von der sie bisher nicht wusste. Selmy erzählt die Geschichte von Rhaegar dem Gutmütigen, der es vorzog, sich unter das gemeine Volk zu mischen und ihm Lieder zu singen, statt zu töten.

Diese zwei unauflösbaren Varianten derselben Figur verdeutlichen, dass es in Westeros keine objektive Wahrheit gibt. Die Historie des Landes sind keine Fakten, sondern bloße Erzählungen. Was wirklich passiert ist, lässt sich nicht ermitteln. Es ist unwichtig. Interessanter zu fragen ist, aus wessen Perspektive das Geschehen reflektiert wird, was den Erzähler antreibt und welche Bedeutung das Erzählte für die handelnden Figuren hat. Ein kleiner Versuch der Serie, an die komplexe Erzählweise der Buchvorlage anzuknüpfen, in der Autor George R.R. Martin das Geschehen komplett in Point-of-View-Kapiteln verschiedener Figuren präsentiert.

It’s all part of the plan

Cerseis Machtspiele in King’s Landing haben für ihren Sohn Tommen negative Folgen. Nicht immer läuft alles wie geplant in Westeros.

Cerseis Machtspiele in King’s Landing haben für ihren Sohn Tommen negative Folgen. Nicht immer läuft alles wie geplant in Westeros.

SONS OF THE HARPY zeigt, wie Figuren in riskanten Plänen um eine bessere Zukunft spielen. In King’s Landing tragen Cerseis Ränkespiele erste Früchte. Stück für Stück reduziert sie den Small Council zur One Woman Show. Um Verhandlungen mit der Iron Bank aufzunehmen, schickt Cersei den Master of Coin, Lord Mace Tyrell, nach Braavos. Der Anwesenheit ihres Oberhauptes geraubt, erfahren die Tyrells gleich den nächsten Schlag, als Loras von den Sparrows in Ketten gelegt wird. Diese wurden zuvor von Cersei als Miliz des Glaubens eingesetzt und mit dem erforderlichen Waffenwerk ausgerüstet. Cerseis Gegenzug scheint perfekt: Die Position der Tyrells in King’s Landing ist mit einem Mal erheblich geschwächt. Enttäuscht über Tommens Machtlosigkeit zieht sich Margaery zu ihrer Großmutter Olenna zurück, um sich ganz der Rettung ihrer Familie zu widmen. Doch birgt der Plan auch etwas Gefährliches. In der Auseinandersetzung mit den bewaffneten Sparrows scheute König Tommen die Konfrontation und stellte so seine Schwäche öffentlich zur Schau. Zudem wird er von den Fanatikern als Bastard und Perversion der Natur beschimpft – was darauf schließen lässt, dass die Sparrows von seiner Mutter keine sehr hohe Meinung haben dürften.

ln Winterfell treibt Littlefinger weiterhin ein gefährliches Spiel. In der Krypta der Burg offenbart er Sansa seine Absichten. Er wettet darauf, dass Stannis den ehemaligen Sitz der Starks auf seinem Marsch in den Süden einnehmen und Sansa als Warden of the North einsetzen wird. Falls Stannis wider Erwarten verlieren sollte, liegt es an Sansa, Ramsay für sich zu gewinnen und die Boltons von innen heraus zu zerstören. So lässt er Sansa in gutem Glauben in Winterfell unter Feinden zurück, um Cerseis Ruf nach King’s Landing zu folgen. Doch wird Littlefingers Plan aufgehen? Bisher hatte die Serie noch nie Einblicke in die nächsten Züge des gefährlichen Emporkömmlings gegeben. Die großen Intrigen von Westeros passierten stets hinter verborgenen Türen. Nicht ihr Prozess wurde gezeigt, sondern lediglich ihr erfolgreiches Ergebnis. Wenn man Protagonisten beim Planen zusah, wurden diese Pläne meist durchkreuzt oder endeten im Gegenteil. Wird das Gleiche auch mit Littlefinger und Sansa geschehen? Der gefährlichste Faktor in ihrem Spiel ist Ramsay, den Littlefinger als auch Sansa sträflich unterschätzen. Einzig der Zuschauer hat einen Eindruck davon, wozu das Monster im Stande ist. Suspense in Reinform!

Jenseits der Narrow Sea scheint Ser Jorah Mormonts Plan jedenfalls zum Scheitern verurteilt, wie sein Gefangener prognostiziert. Treffsicher deduzierte Tyrion in Holmes’schen Schlussfolgerungen aus der Erscheinung des Bären die Identität und Motivation seines Entführers. Mormonts Absicht, den Lannister an Dany auszuliefern, um ihre Gunst wieder zu gewinnen, wird von Tyrion als Akt der Verzweiflung entlarvt. Doch: Verzweifelte Situationen verlangen nach verzweifelten Maßnahmen. Mormont und Tyrion können gar nicht früh genug in Meereen ankommen. Dany steckt bis über beide Ohren in Schwierigkeiten. Zum eigentlichen Eröffnungstag der fighting pits – von dessen Wert Hizdahr zo Loraq die Drachenkönigin nach wie vor nicht überzeugen kann – sorgt ein weiterer Anschlag der Sons of the Harpy für schwerwiegende Verluste: In den Straßen von Meereen gerieten Ser Barristan Selmy und Grey Worm in einen Hinterhalt. Zahlenmäßig ihren Angreifern unterlegen, leisteten die beiden erbitterten Widerstand, bis sie schwer verletzt zu Boden gingen. Die Opfer, die Danys gescheitertes Unternehmen zur Befriedung der Sklavenbucht fordert, werden immer höher.

Vater und Tochter

Daddy’s girl: Im Umgang mit dem Speer erweist sich Obara Sand als würdige Tochter von Oberyn Martell.

Daddy’s girl: Im Umgang mit dem Speer erweist sich Obara Sand als würdige Tochter von Oberyn Martell.

Einige der Handlungsstränge aus SONS OF THE HARPY drehen sich um das (nicht immer einfache) Verhältnis zwischen Vater und Tochter. An der Mauer zeigt sich Stannis‘ Fähigkeit zur Güte einmal mehr im Umgang mit seiner Tochter Shireen. Wie schon bei ihrem ersten Auftritt in KISSED BY FIRE steht Shireen für Stannis‘ gute Seite, während Shireens Mutter Selyse den grausamen Fundamentalismus des Königs unterstreicht. In einem der bisher hellsten Momente der Staffel bringt ausgerechnet Stannis Baratheon seine Tochter (wie auch den Zuschauer) zum Lächeln. Er erzählt, wie verbissen er um Shireens Leben nach ihrer Erkrankung gekämpft hat, selbst als alle anderen die Hoffnung aufgegeben hatten. Shireen ist überglücklich und schließt den unbeholfenen Stannis in die Arme. Es ist das Nächste zu einer Liebesklärung, wozu der strenge Lord von Dragonstone fähig ist.

In Dorne macht sich unterdessen Jaime auf dem Weg, Myrcella aus den Händen der Martells zu befreien. Wie auch die anderen gemeinsamen Kinder mit seiner Schwester wird er sie nie als die seine lieben können. Die verzweifelte Rettungsaktion ist nur eine Ersatzhandlung, um Cersei seine Liebe zu demonstrieren, seinen vernachlässigten Vaterpflichten nachzukommen und das Schuldgefühl für Tywins Tod von Tywin abzubauen. Jaime befindet sich in einem Rennen gegen die Zeit: Die Sand Snakes haben von der Ankunft des Kingslayers Wind bekommen und versuchen nun, vor ihm Myrcella in den Water Gardens zu erreichen. An der Prinzessin wollen Oberyns kampflustige Töchter zusammen mit Ellaria Sand Rache an den Lannisters nehmen. Während Jaime versucht, seine Mission im Geheimen durchzuführen, um einen Krieg zu vermeiden, legen es die Sand Snakes auf eine offene Konfrontation an.

Der Konflikt in Dorne zählt zu einem der spannendsten Erzählstränge der Staffel. Beide Seiten haben sehr gute Gründe für ihre Handlungen, Jaimes Beschützerinstinkt ist ebenso nachvollziehbar wie der Hass der Martells auf Haus Lannister. Eigentlich möchte man den Martells ihre Rache gönnen und die Lannisters verlieren sehen, doch nicht auf Kosten der unschuldigen Myrcella. Außerdem ist das Gespann der beiden sympathischen Schurken Jaime und Bronn einfach zu charismatisch. Wieder einmal ist der Zuschauer hin- und hergerissen. In der Auseinandersetzung verschiedener Interessen und Motive gibt es kein Gut oder Böse. Nur Gewinner und Verlierer.

Andere Gedanken:

  • You know nothing, Jon Snow. Dieser Satz wird Jon bis ans Ende der Welt verfolgen. Die Szene zwischen Melisandre und ihm war seltsam. Jon stellt seine Standhaftigkeit ein weiteres Mal unter Beweis. Interessanterweise hielt er Melisandres plumpen – aber bisher erfolgreichen – Verführungstechniken nicht durch seine Treue zur Nachtwache stand, sondern durch seine Liebe zu Ygritte. Als die Rote Priesterin durch die Tür verschwand, fragt man sich wie Jon wahrscheinlich auch in der Situation: WTF just happened?
  • The Small Council is getting smaller and smaller. Nach Kevan Lannisters harschem Austritt in THE HOUSE OF BLACK AND WHITE ist mit Tyrells Abreise ein weiterer Sitz im Small Council frei geworden. Fehlt nur noch der Grandmaester Pycelle. Wer kümmert sich eigentlich um die liegen gebliebenen Aufgaben des Small Councils? Müsste Cersei nicht in einem Papierkrieg untergehen?
  • Bronn und Jaime unterhalten sich darüber, wie sie am liebsten abtreten würden. Köstlich. Klingt nach einer unterhaltsamen Umfrage für Westeros-Fans: Welche Todesart wählst du?
  • Zum ersten Mal ist Dorne im Titelvorspann zu sein. Anders als die bisherigen Schauplätze wird das Land nicht durch eine repräsentative Stadt oder Burg dargestellt (wie etwa Winterfell für den Norden, Riverrun für die Riverlands oder die Eyrie für das Tal der Vale), sondern durch die Animation einer undefinierbaren Festung (Sunspear?)
  • Die verstaubte Feder, die Sansa am Grab von Lyanna Stark findet, stammt von Robert Baratheon aus der Pilotfolge WINTER IS COMING.
  • Mace Tyrell fühlte sich doppelt geehrt, als Cersei dem naiven Lord von Highgarden Ser Meryn Trant von der Königsgarde für die gefährliche Reise zur Seite stellt. Der Kontrast aus Tyrells strahlendem Gesicht und der unheilversprechenden Visage von Meryn Trant in der Szene ist beinahe herzzerreißend.
  • Apropos Kontraste: Der Gegensatz zwischen dem bescheidenen, ruhigen Auftreten des High Sparrows und der radikalen Brutalität seiner Glaubensmiliz ist beunruhigend. Haben wir das wahre Gesicht des obersten Spatzen noch nicht gesehen?
  • Nein! Nicht Ser Barristan! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!
  • Die Kampfszene in Meereen zwischen den Sons of the Harpy und den Unsullied war sehr gelungen inszeniert. Doch warum musste sie ein so bitteres Ende nehmen?
  • GAME OF THRONES schafft es immer wieder, die besten Konstellationen für einen buddy movie zusammen zu kriegen: Nach Brienne & Jaime, Tyrion & Bronn, Sandor & Arya und Brienne & Pod steckt auch in Bronn & Jaime und Tyrion & Jorah großes Potenzial.
  • Via Twitter äußerte sich Tyrion Lannister beredt wie eh und je zum Kuss von Littlefinger und Sansa. Was waren eure Reaktionen?
  • Alternativer Titel für das Recap: Fifty Shades of Greyscale.

Bildcopyright: HBO