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Nur ein einziges Mal ist der König der Diebe bei dem zu sehen, wofür er jahrhundertelang am berühmtesten und beliebtesten war: Zusammen mit seinen Gefährten überfällt er im Wald listig und mit einigem Witz den Korntransport nach York, der dem armen Volk ihr dringend benötigtes Saatgut wegschafft. Sehr kurz wird diese Standardsituation der Robin-Hood-Erzählung inszeniert, darauf folgt der wahre Schlüsselmoment des Films. Im Morgengrauen säen Robin Hood (Russell Crowe), die bekannten Gefährten Bruder Tuck, Will Scarlett und Little John zusammen mit den Dorfbewohnern das Getreide aus. Gleich darauf setzt der zum Wachsen benötigte Regen ein. Nicht den Höhepunkt der Handlung, sondern die Illustration der Essenz dieses Robin Hoods stellt diese Szene dar, ihre Wichtigkeit wird betont durch die nur in wenigen Momenten des Films eingesetzte Zeitlupe. Diesem Helden geht es nicht um Wiedergutmachung für Unrecht, nicht um den eigenen Status in der Geschichte des Landes, nicht einmal wirklich um eine Verteidigerrolle für die Schwachen, was zählt, ist die Freiheit, sich durch seine eigene Kraft, seine eigenen Taten, seinen eigenen Schweiß ein Leben zu sichern. Zudem geht es hier um den Ursprung, die Herkunft einer Legende.

Um das zu erzählen, wählt Ridley Scott möglichst realistische und auch um historische Korrektheit bemühte Aufnahmen. Es gibt sehr viel Schlamm, Schmutz und Schweiß, alles in gedeckten, eher kühlen Farben. Auch sein Hauptdarsteller, mit seinem verdrückten, groben Gesicht, wirkt viel weniger edel und vornehm wie seine Vorgänger, sei es ein kecker Errol Flynn oder ein romantischer Kevin Costner. Dazu Cate Blanchett als Maid Marion, keine mittelalterliche Edelfrau, sondern eher ein kühle und überlegte Kriegerin.

Hier wird schon deutlich, wie sehr der Film versucht einen neuen und anderen Zugang zu der Legende zu finden. Es geht sogar soweit, daß dieser Robin Hood nicht Robert von Loxley ist, er ist kein Ritter, sondern eigentlich Robert Longstrike, ein Bogenschütze in der Kreuzzugsarmee von Richard Löwenherz. Drehbuchautor Brian Helgeland erschafft wie in seinem Film Ritter aus Leidenschaft eine Hauptfigur, die sich, obschon eigentlich ein einfacher Mann, als Ritter ausgibt. Doch nicht um, wie es William (Heath Ledger) dort versucht, seine Sterne neu zu ordnen, sondern zunächst einfach, um sein Leben zu retten und zurück in die Heimat zu gelangen. Robin findet den sterbenden Loxley, der auf dem Weg nach England ist, um König Richards Tod zu verkünden, und nimmt seine Identität an. Aufgrund seiner Aufrichtigkeit, die er in einer früheren Szene sogar gegenüber seinem König nicht verrät, wird Robin aber in die Geschicke Englands verstrickt. Seine Moral gründet sich hierbei aber nicht auf Loyalität, der Religion oder einer bestimmten Weltanschauung. Sie ist vielmehr Kern oder Ausgangspunkt seiner Person, sowie auch der Robin-Hood-Geschichte. Zurück in England treibt Robin die zunächst unbewußte Suche nach seiner Herkunft an. Er versucht zu ergründen, was mit seinem Vater geschah als er ein kleiner Junge war, denn er erinnert sich kaum noch an ihn. Das Schwert des toten Loxley, das er zu dessen Vater nach Nottingham bringt, aber weckt mit seiner Inschrift „Rise and rise again, till lambs became lions.“ vergrabende Erinnerungen. Wie er vom alten Walter Loxley (Max von Sydow) erfährt, war sein Vater Ritter und Philosoph, der forderte, daß dem Volk mehr Freiheiten von ihrem König zugestanden werden sollten. So findet Robin also heraus, von wem er abstammt, und somit auch, woher seine moralischen Einstellungen kommen. Übertragen gesehen steht diese Aufarbeitung der Vergangenheit eben auch für die Suche nach der Wahrheit und der Realität hinter dem Mythos des gesetzlosen Freiheitskämpfers. Unterstützt wird Robin von Loxley, der eine Art Ersatzvater wird. In ihm und der Ehefrau des toten Sohnes, Lady Marion, findet er außerdem eine Art Familie, der er sich verpflichtet fühlt. Bei ihnen in Nottingham sieht er die Not der Menschen und hilft ihnen mit dem eingangs erwähnten Überfall. Auf der anderen Seite aber will der mit Frankreich packtierende Berater des neuen, unfähigen Königs John, Godfrey (Mark Strong), von dessen Machenschaften Robin zufällig erfährt, ihn töten lassen. Als dann Frankreich zu einer Invasion gegen England einsetzt und gleichzeitig Godfrey über Nottingham herfällt, ist Robin mittendrin in dem Kampf um seine Familie und seine Heimat. Dabei stehen ihm seine Gefährten bei, ebenso wie Marion, der Scott eine sehr wichtige Stellung fernab einer bloßen Geliebten verleiht, sowie sie die Figur bisher höchstens in Robin und Marian innehatte.

Um die Intrigen in England zu zeigen, wechselt der Film zwischen den verschiedenen Schauplätzen und Strippenziehern hin und her, doch Robin bleibt das absolute Zentrum des Films. Ganz nah bei der Hauptfigur und durch die realistischen Bilder, werden die Geschehnisse des Films beinahe physisch erfahrbar. Darin spiegelt sich die grundlegende Idee wieder, die Figur aus dem Reich des Mythischen in die Wirklichkeit zurückzuholen. Nicht nur durch die Variation der bekannten Legende, auch durch die für den Zuschauer fühlbare Härte und Rauheit des Lebens der Figuren, wird dieser Übergang bewerkstelligt. Hierhin unterscheidet sich der Film auch von Scotts früheren Historienfilmen Gladiator und Königreich der Himmel. Es geht um das direkte Leben, die Nahrung, die Körper. Daher finden sich nur sehr wenige Erinnerungsblicke in dem Film, keine Traumbilder, sogar wenig Landschaftspanoramen und ähnliches als Stimmungsbilder, wenn eher als Bilder von Übergängen und Reisen.

Robin Hood scheitert im Endeffekt mit seinem Versuch, Englands König zu einem Vertrag mit seinem Volk zu überreden, wird am Ende gar zu dem Gesetzlosen, als der er aus der Geschichte bekannt ist. Doch was er vollbringt, ist, daß er zumindest für einige Zeit die Menschen, die ihm am Herzen liegen rettet. Und er verwandelt sich in den Mythos, den wir alle kennen, doch dieses Leben erzählt der Film nicht. Somit wird klar, Scott ist die bloße Legende nicht wichtig. Entscheidend ist der Mann, der hinter ihr steht. Essenz des Films sind seine Taten, begangen aus Aufrichtigkeit, aus Liebe und aus der Idee der Menschenrechte, die dem Volk zugestanden werden müssen. Diese nur können das Leben sichern, wie der Regen das Gedeihen des Korns.

Wer sich frühere Leinwandauftritte Robin Hoods ansehen will, kann dies in unserer Videosammlung tun und diese auch gerne ergänzen!

Robin Hood
R: Ridley Scott
D: Russell Crowe, Cate Blanchett, Max von Sydow, Mark Strong
USA, Großbritannien 2010, 140 Min.
Copyright: Universal