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Im Rahmen unserer Interviewserie zum Thema Filmkritik anlässlich des einjährigen Jubiläum von NEGATIV veröffentlichen wir heute ein weiteres Interview. NEGATIV sprach mit dem deutschen Filmkritiker Rochus Wolff.

Der 1973 geborene Rochus Wolff ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Film und Geschlechterfragen. Er arbeitet seit 2004 als Filmkritiker, zunächst vor allem für critic.de, und schreibt jetzt auch regelmäßig für kino-zeit, filmstarts, splatting-image, deadline und blairwitch.de. Texte von ihm sind auch in der taz, im Missy Magazine und in der Kritischen Ausgabe erschienen. Er ist Herausgeber des Genderblog und lebt derzeit in Paris.
Sein Filmblog (samt gelegentlichem Podcast) trägt den programmatischen Titel Butt-kicking Babes.

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1. Worin sehen Sie ihre Rolle als Filmkritiker?

Ich sehe mich beim Schreiben zuallererst als Autor – und damit ist für mich der Versuch verknüpft (und durch seltsame moralische Vorstellungen auch so etwas wie eine Verantwortung), mir über das Gesehene einigermaßen differenzierte und informierte Gedanken zu machen und diese auch noch möglichst lesbar und interessant auf den Bildschirm zu bringen. Für mich ist das eine enorm subjektive Arbeit, mit der ich aber Argumente und Assoziationen in einer Außenwelt verankern will, die über den Film und meine persönlichen Grenzen hinausgeht, also Bezüge zu kulturellen und politischen Räumen herstellt.

Aus diesem Selbstverständnis (das viel trockener klingt als es sich anfühlt) ergeben sich aber dann von Film zu Film, präziser noch: von Text zu Text ganz unterschiedliche Rollen, die ich nach außen vertrete: wenn ich vor furchtbaren Filmen (derer man als Kritiker viel zu viele sieht) verzweifelt warne, wenn ich kleine oder große Meisterwerke preise oder einfach meiner Verwirrung über einen Film möglichst sortiert Ausdruck zu verleihen versuche.

2. Wie unterscheidet sich diese Rolle heute im Vergleich zu früher, vor dem Internetzeitalter?

Für mich persönlich hat sich diese Rolle praktisch nicht verändert, weil ich stets zu einem großen Teil für Onlinemedien gearbeitet habe. Meine Arbeit ist allerdings durch die Entwicklungen im Internet deutlich verändert, nicht zuletzt: erleichtert worden. Das gilt umso mehr, weil ich seit einiger Zeit in Frankreich und Deutschland, aber stets für deutsche Medien arbeite: Das Internet ist dabei als Kommunikationskanal natürlich enorm wichtig, erlaubt es den Zugriff auf Informationen über Landesgrenzen hinaus, den es so vor wenigen Jahren noch nicht gegeben hätte.

Insgesamt hat aber wohl eine Entthronung der Kritiker_innen insofern stattgefunden, als es nun leicht möglich ist, ihre Texte mit denen Anderer zu vergleichen – seien es professionelle Kolleg_innen, seien es Menschen, die Film lieben und es lieben, darüber zu schreiben. Zugleich gibt es fantastische neue Möglichkeiten und Formen, über Film zu sprechen – etwa in Videobeiträgen oder Podcasts – und die Freiheit, nahezu beliebig komplexe und beliebig lange oder kurze Texte zu verfassen. Das Internet kennt kein Zeichenlimit.

3. Wie schätzen Sie die Bedeutung des Internets als Diskussionsplattform – sowohl für die Leser, als auch für die Kritiker untereinander – ein?

Tatsächlicher Austausch über Filme findet meiner Meinung nach online immer noch viel zu wenig statt, obwohl das Netz ideal dafür ist, sich mit unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen, sie nebeneinanderzustellen und die eigene Meinung, Haltung und Wahrnehmung damit zu kontrastieren. Ich würde mir nur wünschen, dass es statt des Hintereinanders von hauptsächlich monologisch angelegten Texten (so sehr sie sich auch auf andere beziehen mögen) öfter einen tatsächlichen Dialog der Autor_innen und Kommentator_innen gäbe. Man findet das gelegentlich in den Diskussionssträngen der besseren Blogs und Seiten, ich glaube aber, dass da viele Möglichkeiten des Internets (auch in technischer Hinsicht) noch nicht ausgenutzt werden.

Was aber heute schon geschieht ist die Intensivierung des Austausches zwischen Kritiker_innen, oft auch nur in kurzer Form, über soziale Netzwerke: facebook und twitter sind für mich zum Beispiel enorm wichtige Instrumente der Kommunikation geworden, die es mir zugleich erleichtern, Menschen offline kennen zu lernen, auf die ich sonst vielleicht nie zugegangen wäre. Auch das ist etwa in Frankreich sehr hilfreich für mich.

4. Hat das Internet den kritischen Umgang mit Filmen beeinflusst?

Allein schon der Umstand, dass man über das Internet nicht nur den Blick auf eine größere Bandbreite an Positionen zum Film werfen kann, sondern auch auf eine größere Bandbreite von Filmen, drängt mir diesen Eindruck auf. Das betrifft ja sowohl alte Filme, die nun leichter zugänglich sind, als auch Produktionen aus aller Welt, die man früher womöglich nur auf entlegenen Filmfestivals zu sehen bekommen hätte (wenn man überhaupt je von ihnen erfahren hätte). Man kann sie nun mit wenigen Mausklicks bei Händlern am anderen Ende der Welt bestellen kann. Von anderen Distributionsmethoden ganz zu schweigen.

Darüber hinaus tragen auch Datenbanken wie die IMDb dazu bei, dass man sich heute viel detailliertere und diversifiziertere Informationen beschaffen kann; Aggregatoren und Sammelstellen von moviepilot über allocine und rottentomatoes bis hin zu den zahlreichen hervorragenden Presseschauen ermöglichen es zudem, rasch auf viele unterschiedliche Meinungen zu einem Film zu stoßen. Das sind unschätzbar wertvolle Instrumente.

5. Welche Webseite würden sie unseren Lesern ans Herz legen?

Dürfen es auch zwei sein? Es gibt eh’ so viele. Dann zum einen Women and Hollywood, in dem Melissa Silverstein rund um alles bloggt, was der Titel schon sagt. Und zum anderen Celebrity Gossip, Academic Style von Anne Helen Petersen: lange, kluge Texte über die Wechselwirkungen von (nicht nur) Film, den Medien und “Stars”.

Hier finden Sie alle Interviews aus dieser Reihe.