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Wenn ihr nicht mit mir verwandt/verschwägert, mein Agent, mein Psychiater oder mein Hund Scotty seid, kenne ich euch nicht. Aber ihr mich wahrscheinlich. Mein Name ist Calvin Weir-Fields und ja, ich bin (oder eher war) das Wunderkind Calvin Weir-Fields, das nach seinem High School Abbruch mit 19 seinen ersten Roman direkt auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet hat. Das ist jetzt etwas länger als zehn Jahre her. Danach habe ich mich auf meinen Lorbeeren ausgeruht und an meiner nächsten „classic American novel“ gearbeitet. Jedenfalls ist das die offizielle Story. Im Slackerlook zuhause rumgammeln, auf das leere Blatt in meiner Olympia starren und meine Neurosen auf meinen Hund abfärben lassen, kommt der Realität etwas näher.

Verändert hat sich meine klischeebeladene, Vom-Genie-zum-Versager Lebensgeschichte, als mein Psychiater mir die einfache Hausaufgabe gab, eine kurze Geschichte über einen Menschen zu schreiben, der meinen Hund Scotty trotz all seiner Ängste, Neurosen und Unansehnlichkeit mag. Ich bin kein Idiot – schon klar, dass „Scotty“ in dieser Geschichte eigentlich ich sein soll. Ich frage mich, ob sich jeder Patient ab einem gewissen Selbstreflexionsgrad von seinem Psychiater verarscht vorkommt. Nun ja, long story short, ich habe einen Schreibflash bekommen, als ich mir ein „ganz normales Mädchen“ mit dem ganz normalen Namen „Ruby Sparks“ ausgedacht habe, das zufällig nicht nur Scotty, sondern auch mich mag (Gotcha, Dr. Rosenthal!). Das einzige Problem dabei war, dass ich keine normalen Mädchen kenne. Aus Mangel an sozialen Kontakten ist mein Bild von einem „ganz normalen Mädchen“ von Indiewood-Filmen versaut. Deshalb denke ich, normale Mädchen sind schrullig, durchgeknallt, haben verrückte, aber liebenswerte Marotten, und lieben es, Dinge zu tun, die sich perfekt mit Zuckerwatten-Popmusik unterlegen lassen. Und sie lieben einen ohne ersichtlichen Grund, bedingungslos, für immer, wie ein Dawson und Joey Ding ohne Pacey (von der Serie DAWSON’S CREEK, wenn die noch irgendwer kennt). Ich fand meine Geschichte einen plausiblen, realitätsnahen Klassiker, bis mein Bruder Harry mich darüber aufgeklärt hat, dass Indiewood kein Neorealismus ist und die meisten Frauen und Beziehungen in der Realität anders aussehen.

Dann gab er mir den wunderbaren Rat, etwas zu schreiben, worüber ich auch tatsächlich Bescheid weiß. Das habe ich getan. Heraus kam eine sehr kryptische, hochreflektierte, metaphorische, ja fast schon philosophische Liebeserklärung an eine ganz spezielle Beziehung, quasi die einzige Beziehung, von der ich wirklich Ahnung habe – die zwischen dem Künstler und seinem Werk. Ich habe versucht darüber zu schreiben, wie man Wochen, Monate, Jahre schafft und prägt und feilt, um Perfektion zu erreichen, um so nah wie möglich an das innere Bild heranzukommen, das man von dem endgültigen Werk in sich trägt. Aber auch über das Dilemma der Wankelmütigkeit dieses inneren Bildes – wie es im steten Fluss steht, sich durch frische Erfahrungen und Stimmungswechsel verändert, verbiegt, nach anderen Formen der Befriedigung verlangt. Am Ende muss man einsehen, dass man entweder wie Marcel Proust endet (also nicht) oder das Werk mit dem quälenden Wissen in die Welt hinausschickt, dass es keine zweiten Chancen , keine Veränderungen mehr gibt (ich bin Schriftsteller – da gibt es nicht die Möglichkeit zu endlos vielen Director’s Cuts a lá BLADE RUNNER) . Ich gebe die Kontrolle auf, ich lasse mein Werk frei – mit dem Wissen, dass es sich verändern wird durch die Rezeption, durch die Zeit. Und ich tue es trotzdem, weil ich es liebe und es deshalb unperfekt sein darf. Und weil ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube und posthumer Ruhm deshalb für den Arsch ist.

Ich habe das Spiel gewonnen. Es wurde ein Bestseller und hat mich zurück an die Ruhmesspitze katapultiert. Aber wenn ich bei Lesungen Q-und-A’s meiner Leser beantworte (oder Kritiken lese), frage ich mich, ob es überhaupt irgendwer verstanden hat. Genauso wenig wie in meinem ersten Buch die blauen Kleider der Prostituierten deshalb blau waren, weil die Schürze der Mutter des Protagonisten blau war (manche Leser schaffen dich einfach mit ihrem psychoanalytischen Scheiß!), geht es in meinem neuen Buch tatsächlich um eine fantastische Liebesgeschichte zwischen einem durchgeknallten Mädchen und einem verklemmten Schriftsteller, der auf seine verschrobene Art ein liebenswerter Kerl ist. Es geht um ein egozentrisches Arschloch, das versucht einen literarischen Erfolg zu landen, und den ganzen anderen Kram, den ich oben erwähnt habe.

Ich bezweifle, dass ich nochmal ein Buch schreiben werde, weil ich jetzt wirklich über alles geschrieben habe, was mir im Leben passiert ist – sogar darüber, dass mir nichts passiert. Deshalb habe ich die Filmrechte an meinem zweiten Buch verkauft und sie den Regisseuren von LITTLE MISS SUNSHINE anvertraut. Ich komme nicht los von meinem Vertrauen ins verschrobene Indiewood. Jonathan Dayton und Valerie Jean Faris haben einen kompetenten Eindruck auf mich gemacht – sie schienen Proust gelesen zu haben, sprachen von der schmeichelhaften Idee, mich mit Paul Dano zu besetzen, und wirkten, als wüssten sie, wie man die philosophische Message meines Buches einem breiten Publikum schmackhaft macht. Heraus kam jedoch eine fantastische Liebesgeschichte zwischen dem durchgeknallten Mädchen Ruby Sparks und einem verklemmten Schriftsteller, der auf seine verschrobene Art ein liebenswerter Kerl ist (Surprise! Die Filmemacher haben das Niveau meines Durchschnittslesers…). Ruby ist das literarische „Werk“, das Calvin Weir-Fields‘ Schreibmaschine entsprungen und Fleisch geworden ist und dem Kanon eine weitere „ganz normale“ Indiewood-Schrulle hinzufügt (wenn auch im „Meta“-Kostüm). Aber mit der Zeit wird deutlich, dass eine romantische Beziehung nur mit einem autonomen Wesen und nicht mit einer work in progress möglich ist….

Weiter will ich auch gar nicht ins Detail gehen, ihr könnt euch das ganze ja im Kino oder auf kinox.to anschauen. Die Kernaussage meines Buches ist zwar beim genauen Hinsehen noch rudimentär erkennbar, aber das Ganze ist zugunsten der locker-flockigen Zuschauerunterhaltung so verwässert, dass ein christlicher Fanatiker den Film auch genauso gut als kirchliche Beantwortung der Theodizee-Frage lesen kann. Vielleicht ist die offene Lesart von RUBY SPARKS damit genialer als mein Roman. Vielleicht ist die Schwammigkeit auch einfach nur scheiße. Für das blöde Happy End gibt es so oder so keine Rechtfertigung.

Yours truly,

Calvin Weir-Fields

 

Bild-Copyright: 20th Century Fox

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