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Wie angekündigt, wird Rüdiger Suchsland unter anderem bei NEGATIV über das Festival von Cannes berichten. Als Appetizer für Cannes veröffentlichen wir ein Interview mit ihm in zwei Teilen. Dieses ist der zweite Teil, den ersten lesen Sie hier.

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Nun sind wir in unserem Gespräch ganz weit weg von Cannes, und mir fällt auch nichts ein, was ich Dich dazu fragen könnte.

Naja, du kannst mich zum Beispiel fragen, warum ich Cannes so toll finde, was ich da überhaupt mache?

Ich fragte aber doch nach etwas anderem, nach Mannheim-Heidelberg, und wieso dieses Festival nie richtig groß geworden ist, nicht so wie die Berlinale. So redete Rüdiger Suchsland über die Notwendigkeit der Festivals sich neu zu erfinden, was bei der Berlinale längst fällig sei, und langsam schwenkte die Diskussion in Richtung Cannes:

Wir sind jetzt in einer Epoche, schon seit mindestens fünf Jahren, wo die Festivals mehr und wieder und stärker der Ort des Autorenkinos sein müssen, und nicht des Arthouse-Mainstreams, nicht des von Europäischen Institutionen breit geförderten Films aus außereuropäischen Ländern. Genau das ist die Berlinale im Augenblick und das ist schlecht für diese Filme um die es geht.

Hängt es aber nicht mit der Tatsache zusammen, dass solche immer weniger entstehen, dass Koproduktionen als Trend den Autorenfilm einschränken?

Der Eindruck ist, dass in den letzten zwei Jahren weniger Filme entstanden sind, das hängt aber mit den Streiks in Hollywood zusammen. Und auch damit, dass es im Augenblick schwierig ist, dass diese Generation des europäischen Autorenkinos, die in den letzten 15-20 Jahren den Ton angegeben hat, ihre Nachfolger findet. Und jetzt sind wir bei Cannes. Es gibt natürlich viele Absolventen der Filmhochschulen, viele Erstlings- und Zweitlingsfilme, aber die wenigsten kommen darüber hinaus.

Wenn sie es überhaupt nach Cannes schaffen, dann schaffen sie es aus der Sémaine oder aus der Quinzaine Ecke sehr selten in die offizielle Selektion. Und das liegt daran, dass die offizielle Selektion blockiert ist, durch die aus meiner Sicht eher abgestandenen Autorenfilmer, die meist über 50 sind: Die Dardenne Brüder, Almodovár, Kaurismäki und es gibt sicherlich Leute, die würden auch Lars von Trier und Terrence Malick dazu rechnen, wenn man nur auf das jetzige Programm schaut.

Ich freue mich auf Terrence Malick, weil ich bisher jeden Terrence Malick Film sehr gemocht habe und sehr gut gefunden habe. Ich finde den Trailer für seinen neuen Film zwar furchtbar, aber da ist immer noch Hoffnung, man muss diesen Film sehen! Andererseits, kann man auch sagen: this film stinks, weil er zu lange herumliegt, und weil Malick schon seinen neuen Film macht und deswegen auch schon eine Weile nicht mehr unmittelbar damit zu tun hat. Bei Lars von Trier habe ich den Trailer gesehen und finde ihn wunderbar.

Siehst Du die zwei auch im Zusammenhang, wegen des kosmischen Blicks?

Die haben beide den Anspruch, dass es immer um das große Ganze geht, das hat sie immer schon verbunden. Man kann ebenso ziemlich sicher sein, dass es bei Dardenne um arme, hässliche Proletarier gehen wird, bei Almodovár um schöne Frauen und bei Kaurismäki um saufende finnische Männer. Ich werde sie mir auch anschauen und ich freue mich, bei NEGATIV darüber zu schreiben. Es kann allerdings sein, dass das, was ich schreibe, dann dem Namen des Magazins alle Ehre macht. Aber es ist besser, seine eigenen Vorurteile zu reflektieren, als so zu tun, als hätte man die gar nicht.

Kann man in Cannes viele Filme am Tag sehen?

Ja, wenn es gut geht, sechs bis sieben am Tag. Das schöne in Cannes ist, dass man da gezwungen wird, egal was man am Abend vorher gemacht hat, – und man macht da irgendwas -, dass man dann trotzdem gezwungen wird einfach um halb acht aufzustehen, weil man um 8:30 im Kinosaal sein muss. Und das wird nicht jeden Tag gelingen, und das ist ganz schwer, wenn man ja schon im Programm geschrieben sieht, dass ein Kaurismäki um neun kommt, und zweifelt, ob man sich das wirklich antun will. Aber es kann ja sein, dass einem Josef Schnelle, der ja ein Freund ist, aber mit zum Teil ganz anderem Geschmack, und der ja Kaurismäki mag, doch erzählt, der Film sei Scheiße. Und dann geht man natürlich rein. Denn vielleicht ist er dann ja interessant. Aber wie viel man schaut, hängt immer davon ab, wie viel und wann man schreibt.

Mir geht es so, dass ich den einen oder anderen Wettbewerbsfilm auslassen werde, und dafür in Un Certain Régard oder Quinzaine oder Sémaine gehe, und dann schauen wir mal, was uns da so bevorsteht. In Cannes klingen aber alle Filme so – und in der Mund zu Mund-Propaganda ist es auch nicht anders -, dass man den Eindruck hat, sie gesehen haben zu müssen, und dann hat man Lust, es zu machen. Es geht dann um Lust, darum, dass man nie das Gefühl hat, wie bei der Berlinale, einen Film sehen zu müssen, sich ins Kino zu zwingen. Dazu kommt noch, dass es in Berlin so kalt ist, und in Cannes so warm. Da denkt man auch „Wow, Super-Luft“ wenn man am Strand entlang geht. Und man hat den Duft vom gestrigen Abend, nicht gerade in den eigenen Kleidern, weil man hoffentlich ein frisches Hemd an hat, aber man geht dann trotzdem hin und man hat einen erwartungsvollen Tag. Dann scheint noch die Sonne – es ist das Gegenteil von Depression.

Außerdem trifft man Leute, die alle unter einer gewissen Grundenergie stehen, unter Spannung sind. Man trifft dort keine Schlaffies, also es sind die Leute, die, ob Händler oder Kritiker, Filme lieben, diese Leidenschaft ausstrahlen, und natürlich ihre Sachen verkaufen wollen. Gleichzeitig hat man eine grundsätzliche Begeisterung, zur Hälfte gerichtet auf die Filme und zur anderen Hälfte darauf, dass man in Cannes ist. Man hat diesen Moment, wo man es natürlich toll findet, dass man selber zu dieser durchaus ausgewählten Gruppe gehört, die eine Chance hat, da zu sein und als erster der Welt darüber zu berichten. Das ist toll!

Wie fühlt man sich unter den anwesenden Schreibenden, wie ist die Kommunikation?

Ich fühle mich schon wohl unter den Schreibenden. Was an Cannes auch sehr schön ist, ist dass man Freunde hat aus aller Welt, die man dann wieder sieht. Ich verbringe nicht viel Zeit mit den deutschen Kritikern, außer mit den paar, mit denen ich mich befreundet fühle. Ich möchte entweder mit Leuten Zeit verbringen, mit denen ich gerne was trinke, oder mit Leuten, deren Kritiken ich gerne lese, oder mit welchen, mit denen ich Fußball zusammen schauen kann. Und die dann auch nicht gerade für die Vereine sind, die ich ganz schwachsinnig finde.

Wenn ich diese drei Kriterien anlege, gibt es nicht so viele einheimischen Kritiker,
aber viel ausländische: Spanier, Türken, Argentinier, den einen oder anderen Franzosen oder Lateinamerikaner, viele Holländer. Dann lernt man bei jedem Festival irgendwen wieder kennen, was toll ist. Dann gibt es welche, die man seit Jahren vom Sehen kennt und man nickt sich zu und weiß, man gehört zu dieser Gruppe, irgendwie auch Söldner, die durchs Land reisen und sich irgendwie in irgendwelchen absurden Presseräumen begegnen. Es ist auch einfacher, zumindest für jemand, der charakterlich so gestrickt ist wie ich, leichter, ausländischen Kollegen Respekt entgegenzubringen als Einheimischen. Weil ich die weniger lese, höchstens, wenn ich sie besser kenne.


Pirates und Kung Fu Panda?

In Pirates gehe ich, aber in den anderen weiß ich noch nicht. Ein Festival lebt zum großen Teil auch davon, dass es Stars gibt, die über den Teppich laufen. Das gab es jedes Jahr, wird auch weiterhin so sein und alle würden das machen, würden sie diese Sachen kriegen. Diese Filme, wo so ein Haufen Leute hinkommt, die für nichts gut sind, als dass sie auf dem roten Teppich laufen, aber dafür sind sie halt gut. Das hat auch eine doppelte Folge: Das ist einerseits Scheiße, weil der Platz weg ist, um über was anderes zu schreiben. Auf der anderen Seite ist es gut, weil die ganzen Vollidioten vom Boulevard damit beschäftigt sind, die stehen mir nicht im Weg. Und die wollen alle Interviews machen. In der Zeit habe ich, als Indiana Jones hier war, Lars von Trier und Charlotte Gainsbourg einzeln gekriegt, und Ang Lee auch.

Da war Finanzkrise und es war super. Ich bin total für die Finanzkrise, und will, dass wir eine neue haben. Denn der Effekt ist: Es wird weniger Dreck produziert. Autorenfilme kosten nichts, die werden noch produziert. Die Leute interessieren sich mehr für die kleineren Filme und die kleineren Kritiker, weil sie wichtiger werden, und dann fahren manche – in der Sprache von Dieter Bohlen – „Vollpfosten“ der Filmkritik nicht mehr nach Cannes. Die sind einfach nicht da; dafür Wohnungen, Kinositze, Interviewplätze. Das sind Typen, die nur aufs Geld schauen, nur Dreck verkaufen können, und wenn dieser nicht da ist, bleiben sie Zuhause. Die Typen, die uns Cannes verderben. So freue ich mich, wenn die alle nicht hinfahren, weil ihnen alles nicht bezahlt wird.

Wie lange darfst Du jemanden interviewen?

Nein. Mit manchen schon, mit den Asiaten zum Beispiel. Oder mit dem Rumänen, Andrei Ujica, mit ihm habe ich eine Dreiviertelstunde allein in Cannes geredet, so etwas gibt es schon. Aber mit Lars von Trier habe ich acht Minuten geredet, mit Charlotte Gainsbourg vielleicht zehn, es waren allerdings Fernsehslots, aber immerhin war es einzeln. Du musst es auch so sehen, eine Gruppe für 20-25 Minuten oder einzeln acht bis zehn ist gut. Selbst wenn sie eh nur das Gleiche antworten und auf Autopilot sind. Da muss man sie irgendwas fragen, damit sie nicht auf Autopilot sind. Mit Ang Lee auch so, aber ich habe letztes Jahr mit Hong Sang-soo sicherlich eine halbe Stunde einzeln geredet, das geht auch. Sobald die Leute aus Asien kommen will die keiner interviewen, außer es ist Ang Lee.

Weerasethakul letztes Jahr?

Um das hatte ich mich gar nicht bemüht. Ich konnte mit dem Film nichts anfangen. Ich bin jemand, der Leute interviewt, erst recht in Cannes, die mich wirklich interessieren oder deren Film ich richtig toll finde. Und es ging mir in diesem Fall nicht so. Wenn eine Zeitung gesagt hätte: „Mach‘ Weerasethakul und Du bekommst 150 Zeilen“, dann hätte ich das gemacht, aber nur dann. Um nochmal einen schönen Satz zu liefern: Natürlich gehen wir alle an so einem Ort auf den Strich. Wir sind da die Edelnutten. Man arbeitet, weil man dafür bezahlt wird, man macht eine Menge Aufträge, weil man Geld verdienen muss, weil ja auch der Lebensunterhalt teuer ist.

Da kommt nun natürlich nochmal einer wie Ekkehard Knörer ins Spiel, über den man vielleicht sagen kann, der ist anders. Oder jemand, der eben ein special-interest-Segment bedient – wie eine Domina [lacht]. Das weiß ich in seinem Fall gar nicht so genau. Aber er ist mit Sicherheit niemand, der nach Cannes gehen würde und so etwas machen würde, was viele Kollegen tun, und was ich auch, zumindest viel eher tue, als er. Knörer macht dann manchmal schon Themen, bei denen ich auch denke: Das interessiert ihn jetzt genauso wenig wie mich. Warum muss ich das lesen? Aber in der Regel macht er zumindest den Eindruck, dass er tatsächlich nur das macht, was ihn wirklich interessiert. Und es ist wunderbar, wenn er sich das leisten kann, oder ein so mönchisches Leben führt, dass er sich das leisten will – aber das trifft auf mich beides nicht zu. Ich kann und will es mir nicht leisten.


Wie hat sich Cannes über die Jahre hinweg erhalten?

Ich glaube, dass Cannes das große Problem hat – weniger als die Berlinale, aber dennoch -, dass es zu einer Neuerfindung zurzeit nicht in die Lage zu sein scheint. Es ist eine interessante Frage, ob dies mit der Lage des Kinos zu tun hat? Es könnte ja sein, dass es diese neuen Trends, die man gerne entdecken würde, zurzeit einfach nicht gibt. Es gibt zwar einzelne neue Regisseure, aber weder neue Gruppen noch klar erkennbare bisher ungekannte Tendenzen. Ich denke, man muss im Nachhinein sagen, dass die 90er Jahre extrem fruchtbar waren. Und dass es eine ähnliche Fruchtbarkeit und Innovation, auch im Mainstream, in den Nuller-Jahren nicht gegeben hat.

Die Aufgabe eines Filmfestivals ist die, ein Forum, eine Bühne zu werden und für neue Generationen, für neue Entdeckungen zu sorgen. Die wichtigen Trends sind in den letzten 20 Jahren immer noch nach wie vor in Cannes gesetzt worden. Der bekannteste der letzten Dekade war sicher Dogma, aber genauso wichtig die Entdeckung und das Verbreiten des asiatischen Kinos. Sicherlich kann man da einschränken: Das chinesische Kino wurde auch im Forum der Berlinale entdeckt, und Zhang Yimou hat lange vor Cannes in Berlin den Hauptpreis gewonnen – aber einer wie Wong Kar Wai hat seinen allerersten Film in Cannes gehabt.

Wir haben im letzten Jahrzehnt die Entdeckung der Rumänen gehabt. Man fragt sich zwar dabei, ob jetzt noch was kommt, ob man rumänische Autoren hat, bei denen man nicht nur den Eindruck hat, da ist jetzt gerade enorm was los in Rumänien und da sind Leute, die machen sehr gute Filme auf dem gleichen Niveau wie jedes andere Land des westlichen Kinos, sondern man auch das Gefühl hat: Es gibt eine eigene rumänische Filmsprache, die sich von anderen Filmsprachen unterscheidet. Das Gefühl habe ich noch nicht, ich habe das Gefühl, das, was sich unterscheidet, sind eher die Inhalte: Eine bestimmte Form von Elendsästhetik (in aller Sympathie gesagt), von arte povera, von Miserabilität, von Pessimismus – und das hat seine Grenzen. Es gibt andererseits ein Paar richtig gute rumänische Filme, die in Cannes bezeichnenderweise nicht gelaufen sind, zum Beispiel Pescuit Sportiv von Adrian Sitaru, den Cannes in letzter Minute aus Un Certain Régard herausgeschmissen hat, eben weil es nicht zu ihren Vorstellungen passte. Dann landete er in Venedig, in einer Nebenreihe. Bei
dem hatte ich das Gefühl, das ist ein universaler Film, der aber in seiner Härte und latenten Ironie etwas hat, das ich sonst in Europa nicht sehe. Oder The Happiest Girl in the World. Die finde ich viel besser als 432 oder Aurora. Ich konnte auch letztes Jahr in Cannes Tuesday, after Christmas mehr abgewinnen als den anderen.

Cannes hat das entdeckt. Und das Festival kann das ganz gut. Was es nicht machen kann, ist Filme erfinden. Und nun sind die Rumänen vorbei, die Philippinen vorbei, die Berliner Schule vorbei. Was jedoch wichtiger ist, ist, dass man Stile entdeckt, denn die sind nachhaltiger. Es gibt tausend nicht ausgereizte Stile. Und ein Festival soll den Rahmen ausweiten, der sagt, was im Kino möglich ist. Das kann Cannes schon viel besser als andere. Aber man wird erst in Venedig sehen, ob Cannes die tollen Filme abgelehnt hat oder ob es sie nicht gab. Wenn ich aber das diesjährige Line-up sehe: Da gibt es zu viele alte Jungs, von denen ich nichts erwarte. Nanni Moretti gehört auch dazu, selbst wenn ein Film über den Papst von ihm sicher lustig ist.

Zudem ist Cannes kein Publikumsfestival, was dazu führt, dass die Atmosphäre professioneller ist, nicht so vulgär wie bei der Berlinale. Es gibt auch Venedig, oder Locarno und San Sebastian, wo es auch leichter ist, reinzukommen und eine Karte zu kriegen, aber nie so leicht wie bei der Berlinale. Vielleicht ist gerade in einer kapitalistischen Gesellschaft, das, was leicht zu bekommen ist, nicht so viel wert. In Cannes ist es schwer reinzukommen und, umgekehrt, das, was man da sieht, genießt dann deine volle Aufmerksamkeit. Jeder weiß auch, ich bin hier in einer privilegierten Position, die ich nicht nur genießen sollte, sondern ich muss auch was daraus machen.

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