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Wie angekündigt, wird Rüdiger Suchsland unter anderem bei NEGATIV über das Festival von Cannes berichten. Als Appetizer für Cannes veröffentlichen wir ein Interview mit ihm in zwei Teilen. Dieses ist der erste Teil.

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Nach meiner ersten Berlinale dieses Jahr würde ich damit anfangen, Dich zu fragen, ob die großen Festivals als alternative Plattformen zur Kinoauswertung der Filme funktionieren.

Die diesjährige Berlinale war deine erste? Die Berlinale ist ein anderes Ding, etwas sehr Spezielles aus einer Reihe von Gründen, aber ich glaube, dass Festivals prinzipiell gut funktionieren, besser denn je. Darum gibt es ja auch immer mehr Festivals.


Ich sehe das im Dokumentarfilm, aber im Spielfilm nicht wirklich. Es gibt kritische Stimmen zu den meisten großen Festivals, etwa Sundance, das vor kurzem noch einer der wichtigsten Entdeckungsorte für Filme war. Es scheint heute aber nur noch Cannes als Instanz zu geben.

Nein, es gibt schon viel mehr als Cannes. Sundance ist, glaube ich, ein sehr spezielles Festival. Ich war da noch nie, also kann ich es nur von außen sagen, aber das ist schon ein Festival, das um einige Persönlichkeiten zentriert ist, und auch sehr von seinem Mythos lebt. Das ist ja auch ein bisschen was Vergangenes, das gibt es inzwischen 25 Jahre, aber das kann man natürlich in seinem Rang in der Festivallandschaft nicht mit Berlin und den anderen großen A-Festivals vergleichen. Nach dem endgültigen Zusammenbruch von „New Hollywood“ um 1980 – Stichwort Heaven’s Gate – gab es einen Moment der Schockstarre, und dann kamen schon in den frühen Achtzigern die ersten Independent Filme, und diese wären auch gegenüber Spielberg und Scorsese, also den sogenannten New Hollywood-Leuten, noch ein ganzes Stück independent gewesen. Die in Sundance haben ziemlich schnell Karriere gemacht – und mit ihnen auch der Independent-Film als Marke. Er hat sich ganz schnell zu einem Label entwickelt, das hat nur drei bis vier Jahre gedauert: Die Coen-Brüder gehörten mit Blood Simple zu den ersten, genauso Soderbergh. Natürlich würden schon manche in der Independent-Szene sagen, diese Leute sind ja gar kein Independent, die sind viel zu Mainstream. Und da hat es ja schon sehr bald eine Absetzbewegung vom Sundance, wenn man so will: nach links gegeben, das Slamdance. Independent ist zu einer Marke geworden, die sich auch extrem gut verkauft hat und die ihre eigene Dynamik entwickelt hat.

Festivals verändern extrem ihre Aufgabe, und sie sind inzwischen sicher auch gefährlich für das Kino in mancher Hinsicht. Cannes am wenigsten, aber diese ganzen kleinen Nischen-Festivals sind deswegen für das Kino gefährlich, weil sie ihm das Wasser abgraben. Vor allen Dingen den Kinobetreibern, den Leuten, die über das Jahr hinweg ihr Publikum pflegen müssen. Viele Festivals leisten der Verwandlung der Kultur in Eventkultur Vorschub. Das tut sogar so ein Festival wie Nippon Connection. So gut, so sympathisch das auch ist, wird es für die Frankfurter Kinobetreiber viel schwerer, japanische Filme zu zeigen. Man sieht ja auch in Frankfurt, dass die Szene der Programmkinos gegen Null läuft. Natürlich nicht wegen Nippon Connection, es ist auch schwer zu sagen, wer da angefangen hat. Aber so etwas wie Nippon Connection wird erst groß, wenn die Programmkinos verschwinden. Andererseits verschwinden sie, weil es solche Festivals gibt. In Mannheim und Ludwigshafen, wo ich mitarbeite, sind die Kinobetreiber extrem schlecht auf die Festivals zu sprechen. Das hat natürlich mehrere Gründe. Zum Beispiel, dass unser Direktor sich nicht besonders bemüht, die Beziehungen zu den Kinos zu pflegen. Auf der anderen Seite, bemühen sich die Kinos auch nicht, diese Beziehungen zum Festival in irgendeiner Form zu pflegen.

Mannheim ist ein spezieller Fall. Sie haben zwar das Cinema Quadrat, das zeigt aber Filme, die sonst nicht laufen. Und sie haben die zwei Multiplexe, die sich die Hollywood- und Arthouse-Schienen partnerschaftlich teilen. Atlantis und Odeon haben dort die großen Probleme, aber eben schon wegen den großen Kinos.

Das Atlantis funktioniert aber, glaube ich, in Mannheim noch sehr gut. Sie haben einfach ein jüngeres Szene-Publikum und die wahren Cineasten und Cinephile in Mannheim sehe ich sowohl im Quadrat, als auch im Atlantis. Sie ziehen schon am gleichen Strang. Mannheim hat auch eine interessante Kinoszene, sie haben mehr Programmkinos als Frankfurt. Ich finde es so öde hier in Frankfurt, davon abgesehen, dass sie keine Sportbars haben und dass man hier keine Zeitung am Sonntag kaufen kann, außer man fährt zum Bahnhof. Frankfurt ist eine heruntergekommen Stadt, die klappen ja die Bürgersteige hoch um 14:00 Uhr am Samstag. Wenn man hier die Einkaufsstraße lang fährt, ist es total öde, es ist kein Wunder, dass die Eintracht absteigt.

Ich kenne mich mit Fußball gar nicht aus.

Schade, sehr schade. Ich bin sehr glücklich an diesem Wochenende, weil ich Dortmund Fan bin, seit 1979, und die sind ja gerade heute Meister geworden.

Ist die Saison schon vorbei?

Nein, sie ist noch nicht vorbei, aber die sind so früh Meister geworden, weil sie so gut sind.

Wie wird man Fan einer Mannschaft?

Es ist wie in der Liebe, man verliebt sich eben. Ich hab nie in Dortmund gewohnt. Als Kind fand ich sie toll, weil sie als einzige in der Bundesliga gelb-schwarze Trikots hatten. Ich glaube das war mir mit elf Jahren wichtig. Und dann hatten sie ein paar Spieler, die ich mochte: ich könnte noch immer die Mannschaftsaufstellung herbeten. Ich glaube, dass ich jemand bin, der in Fußball immer Mannschaften mag, die erstens kampfstark sind, und die ein Publikum hinter sich haben, das einen hochpeitscht, so dass extreme Stimmung entsteht. Und dann mag ich Mannschaften, die sich tendenziell in einer Underdog-Position befinden, zumindest moralisch, selbst wenn sie extrem erfolgreich sind.

Zum Beispiel mag ich in Spanien Barcelona, die sind natürlich extrem erfolgreich, aber sie sind trotzdem gegen Real Madrid Underdogs. Das sind die Linken, die Katalanen, die gegen die Faschisten spielen. So muss man es einfach sehen. Oder in Italien Vereine wie AS Bologna, wie AS Rom und FC Bologna und AC Turin und Livorno, das sind Vereine, die in den jeweiligen Gegenden Underdogs sind. Teilweise siehst du manchmal Clubs, und findest sie super, und das macht dann ein einziges Spiel, dass du dich in sie verliebst. Darum schaue ich immer in Frankreich, was Montpellier macht, weil ich sie mal gesehen habe, wie sie 5 : 1 in irgendeinem schwachsinnigem UEFA-Cup Spiel gewonnen haben. Aber das war ganz super, ich weiß noch, was sie für Trikots an hatten.

Ging es nie um die Stars? In meiner Kindheit mochte ich Inter Mailand, weil Ronaldo da spielte. Aber ich mochte auch Juventus, bis sie von Dortmund im Finale der Champions League geschlagen wurden. Hatte damals sehr gelitten, wo Del Piero eingewechselt wurde und ein Tor, aber
eben nur eines, machte.

Das kann sich ändern. Ich mochte zum Beispiel AC Mailand. Und den holländischen Fußball sehr, zumindest den der Nationalmannschaft.

Dass dieser immer als Clockwork Orange bezeichnet wurde, als Mechanik.

Ja, ist aber was anderes. Es gibt ein Buch, was nicht „Clockwork Orange“, sondern Brilliant Orange heißt, und das wurde auch von einem Engländer geschrieben. Es geht um die Kulturgeschichte des holländischen Fußballs. Ich kann diesen Mechanik-Vorwurf nicht akzeptieren, das Gegenteil ist der Fall. Es gibt immer wieder Clubs, die damit großen Erfolg haben. Und holländische Trainer, die sehr erfolgreich sind. Und damals hat AC Mailand insgesamt vier holländische Nationalspieler im Team gehabt, glaube ich, und hat einfach super gespielt. Das ist schon eine Weile her, in den Neunzigern. Da waren Gullit, van Basten, Rijkaard, aber in der Zeit habe ich begriffen, dass der Club auch der von Berlusconi ist und wer Berlusconi ist. Es ging dann nicht mehr. Und jetzt hoffe ich immer, dass Mailand verliert. Aber beim Fußball spielen so viele Faktoren hinein, es sind unbewusste, irrationale Entscheidungen, und in mancher Hinsicht auch bewusste (dass man beschließt, etwas gut zu finden) aber es ist etwas Emotionales. Genau wie bei Filmregisseuren. Im Englischen sagt man „I can relate to“, man findet eine Beziehung dazu.


Ob man dann in eine Haltung gerät, dass man manches nicht anschaut, weil man annimmt, dass es diese Beziehung nicht gibt? Wie Du neulich auf einer Pressevorführung in Frankfurt über Ekkehard Knörer und Oliver Stone gesagt.

Erstens geht es nicht darum, dass ich mir etwas nicht unter der Prämisse anschaue, dass ich schon vorher weiß, wie etwas sein wird. Ich würde nie sagen, um nochmal die Fußballmetapher zu verwenden, dass FC Bayern per se ein Scheiß-Spiel machen muss, weil es der FC Bayern ist. Ich mag den nicht, aber ich muss trotzdem akzeptieren, dass sie zum Beispiel im letzten Jahr mit van Gaal die Rückrunde extrem gut gespielt haben. Ich mag nicht diesen Dogmatismus.

Ich akzeptiere aber Liebe. Wenn einer mir sagt, er liebt Kaurismäki, dann muss ich das akzeptieren. Das ist ok, es ist kein rationales Argument, und wenn er es mir erklärt, verstehe ich es sogar vielleicht. Übrigens kann man Kaurismäki sehr gut auf Fußball ansprechen. Ich habe mit ihm ein Interview gemacht während der Europa Meisterschaft 2004 und, da er auch in Portugal wohnt, konnte ich sehr gut mit ihm über Fußball reden, und das hat mich sehr über das Interview hinweg getröstet, weil mich Kaurismäkis Filme nicht interessieren. Er hat mehr Bock gehabt, über Fußball zu reden, klarerweise, hätte ich auch.

Ich glaube, dass Bert Rebhandl an Fußball interessiert ist – in Facebook mitbekommen.

Es kann sein, das muss ich ihn mal fragen. Bert Rebhandl ist aber grundsätzlich ein angenehm undogmatischer Mensch. Wir kennen das Phänomen ja alle: Manche Filme interessieren einen weniger, manche eben mehr. Es gibt immer Filmemacher, denen man dogmatisch gegenüber steht, aber man kann niemandem die Fähigkeit grundsätzlich absprechen, gute Filme machen zu können. Das tue ich bei ziemlich wenigen. Obwohl ich erklärter Kaurismäki-Verächter bin, würde ich es bei ihm nicht tun. Aber bei Sönke Wortmann und Doris Dörrie. Deren Filme hasse ich wirklich. Das sind aber auch die einzigen, die mir einfallen, und bei Dörrie bin mir nicht ganz sicher.


Gerade die zwei, weil Du diese Beziehung zur „Berliner Schule“ hast?

Ja, mein Verhältnis zur „Berliner Schule“ ist wohl wie eine Beziehung. Da gibt es Tage, da ärgert man sich übereinander. Und welche, wo man diese Beziehung am liebsten gar nicht hätte. Und dann wieder Tage, wo man es ganz toll findet, und sich nichts Schöneres vorstellen kann.

Dann gleich zu Unter Dir die Stadt, hast Du ihn nicht gemocht, weil er so konstruiert ist?

Es gibt viele Gründe, warum ich ihn nicht gemocht habe. Und es ist interessant, dass du jetzt diesen Film nennst. Es gibt Leute, die empfinden den Text, den ich drüber geschrieben habe, als einen sehr positiven Text. Christoph selbst weiß aber, das hat er mir auch gesagt, dass man, wenn man mich kennen würde, merken würde, dass ich den nicht mag. Und ich kann da nicht widersprechen. Ich glaube zwar, „nicht mögen“ ist ein zu starkes Wort, aber ich habe da eine ganze Menge Einwände. Mir war er vor allem viel zu gekünstelt.

Ich hab einfach kein Wort geglaubt. Und die Atmosphäre habe ich als aseptisch empfunden. Da fehlen mir Emotionen und etwas, das mich berührt. Und dann finde ich, dass die Figuren Kunstfiguren sind, sehr konstruierte Figuren. Nicht mal wie Puppen, sondern holzschnittartig. Ich denke, dass der Film eine Enttäuschung ist, gemessen an den Filmen, die Christoph vorher gemacht hat, und an dem eigenen Anspruch, auch wenn Christoph sich gerne ein bisschen darauf zurückzieht, dass er den Anspruch gar nicht hat, den die Kritiker aus seinen Filmen lesen. Das sind immer Ausreden und der Christoph ist jemand, der, wie wir Kritiker, auch sehr gut ist mit dem Mund, und deswegen fällt ihm am Ende immer noch ein Gegenargument ein. Er ist ein Besserwisser – das bin ich auch, insofern habe ich dafür auch alles Verständnis, aber ich kann es dann auch genauso nennen. In dem Fall war der Film dann meiner Meinung nach nicht besser.

Es wird auch dadurch nicht besser, dass es Kritiker gab in Cannes, die total unter der Gürtellinie argumentiert haben, und dass der Umgang der deutschen Filmkritik mit Christoph Hochhäußler im Besonderen und mit der Berliner Schule im Ganzen ein ziemlicher Skandal ist. Da muss man als Erstes jemanden wie Lars-Olav Beier nennen. Ich finde, dass er sich selbst dabei auch ins Knie schießt, und nur belegt, dass man ihn nicht wirklich ernst nehmen kann, als Kritiker, jedenfalls so wie er über Christophs Film geschrieben hat letztes Jahr. Da hat jeder Respekt gefehlt. Mir geht es nicht darum, dass dieser Respekt prinzipiell gegenüber allen deutschen Filmemachern eingefordert wird, aber was ich einfordern kann, ist eine gewisse Neugier. Neugierig heißt dann: Ich möchte verstehen, was der Filmemacher sich selber denkt. Gerade wenn ich den Film alleine nicht kapiere, und dafür nachdenken muss, oder mal in Büchern nachschlagen muss. Dieser Respekt hat aber auch gegenüber dem Festival von Cannes gefehlt. Aber wenn das Festival wirklich so blöd ist, wie Lars-Olav Beier unterstellt, wenn er sich darüber mokiert, dass das Festival so einen Film ausgewählt hat, dann muss ja DER SPIEGEL eigentlich gar nicht mehr h
infahren. Dann würde ich einfach sagen, zu so einem schwachsinnigen Festival, das lassen wir doch links liegen; die sich nur für Sachen interessieren, die publikumsfeindlich sind, weil DER SPIEGEL so eine Publikumszeitschrift ist, die sich richtig um die Gunst der Leser und des Volks bemüht – mit so einer Argumentation sind wir schnell wieder auf einer ganz schiefen Ebene: Es war Goebbels, der auch gesagt hat, dass die Kritiker dem „Volk dienen“ sollten und nicht „volksfeindlich“ sein dürfen. Wenn wir auf diesem Niveau sind, dann muss DER SPIEGEL auch nicht nach Cannes fahren, dann sparen die wenigstens wahnsinnig viel Geld, das nämlich Lars-Olav Beier kostet, damit er so etwas schreiben darf. Das muss es nicht geben.

Dieselbe Beziehung wie zwischen Ekkehard Knörer und der Berlinale?

Das hat jetzt aber nichts mit Cannes zu tun.

Ich bestehe darauf, damit wir die Landschaft in Deutschland ein bisschen erkunden.

Bei allem Respekt, den man Ekkehard Knörer gegenüber hat und dem Perlentaucher oder Cargo, sind sie noch nicht das Leitmedium, das der Spiegel ist. Deswegen kann ich das nicht ganz auf dem gleichen Niveau sehen. Da ist Knörer doch jemand aus dem Internet, auch wenn jemand ziemlich wichtiges. Ich glaube, auf der anderen Seite, dass jeder seine Liebes- und Hassbeziehungen auch zu Festivals hat. Bei mir ist es auch so: ich habe eine grundsätzliche Liebesbeziehung zu Cannes und eine problematische zur Berlinale, die eine ganze Menge Gründe hat. Insofern kann ich ganz gut Ekkehard Knörer verstehen, dass er sich mit der Berlinale auch schwer tut, und es kann ja bei ihm, auch wenn das sicher viele Ebenen hat, zumindest die eine geben wie es sie bei mir gibt: Wir müssen alle sehr viel arbeiten bei der Berlinale, viel mehr als woanders. Deswegen freut man sich nicht darauf. Das ist ein Selbsthass, der manchmal abgelenkt wird auf das Objekt, das gar nichts dafür kann.

Dazu kommt bei der Berlinale erstmal der Stil, die Ästhetik. Jenseits der Filme, völlig egal was da im Einzelnen gezeigt wird, hat sie einen vulgären Auftritt. Das verkaufen sie als Volksnähe und sagen „Wir sind ein Publikumsfestival“, was zum Argument für jede denkbare Niveaulosigkeit wird. Ich habe bei der Berlinale das Problem – und ich kann mir vorstellen, Knörer geht es auf der Ebene ähnlich wie mir -, mit Dieter Kosslik, wenn man die Gelegenheit bekommt, mit ihm zu reden, dann redet man 30, wenn es hoch kommt 45 Sekunden über Kino, und dann ist er schon wieder beim Essen. Und dann gleich im nächsten Satz, dass man kein Fleisch essen soll, und bei seinen Predigten. Da hat er dann mal wirklich erkennbare Leidenschaft. Ich würde mir einen Festivaldirektor wünschen, der gut Essen geht (und der Fleisch isst im Übrigem, vielleicht hilft das dem Filmgeschmack, vielleicht ist das ganze Problem von Dieter Kosslik, dass er kein Fleisch isst) der sich aber auch für Kino interessiert. Man kann ja gegen Moritz de Hadeln möglicherweise wirklich eine ganze Menge sagen, aber er konnte auch 45 Minuten über das Kino reden. Dieter Kosslik hat schon ein Buch über Bagel geschrieben, aber noch keins über Filmfestivals oder Filme. Das ist eine grundsätzliche Schieflage bei der Berlinale.

So ist dann auch der Geschmack, nach dem die Sachen ausgewählt werden. Unter Dieter Kosslik ist die Berlinale zu einer Ballermann-Veranstaltung geworden. Es gibt ganz viele Nebenveranstaltungen, die gar nichts mit dem Filme-zeigen zu tun haben. Das Zeigen selbst ist breiter geworden, er hat zusätzliche Reihen geschaffen, den Wettbewerb reduziert, also das Herzstück und Aushängeschild eines Festivals, und er hat die Zeit, in der man als hochgelobtes und verehrtes Publikum schauen kann, trotz aller Publikumsliebe auch reduziert. Nach 22:30 kannst du in keinen Filmen mehr gehen, während dies unter de Hadeln noch oft nach 0:00 möglich war. Und wenn man alles für das Publikum zu tun behauptet, dann sollte man doch damit anfangen, dass man dem Publikum nicht vorschreibt, wann es die Filme zu sehen hat. Dass man ihm mindestens diese 10 Tage im Jahr die Möglichkeit gibt, auch unter der Woche mal um Mitternacht einen Film zu sehen, wie in dieser klassischen Institution des Midnight-Movies, in welcher ja auch eine gewisse Stimmung herrscht und auch ein bestimmtes Publikum angezogen wird. Aber auch für die anderen: Ganz banal gesagt, die Leute, die drei Wettbewerbsfilme mit Müh und Not ertragen haben, die dann auf eine Party gehen, und dann vielleicht diese Party langweilig finden und noch einen guten Film schauen wollen. Diese sind früher ins Forum, oder in die Retrospektive gegangen, oder ins Panorama. Meinetwegen soll er auch eine eigene Reihe machen, mit seinen liebsten Fressfilmen aus den 60ern, vielleicht würde ich da auch reingehen. Hauptsache spät. Ich habe jetzt nur über mich gesprochen, aber das würde ich dem Ekkehard Knörer auch unterstellen.

Dazu kommt, glaube ich bei Knörer, dass er sehr politisch ist, und kulturpolitische Interessen hat, was ich für mich auch in Anspruch nehmen würde – aber was bei mir einfach zusammengeht mit einem etwas anderen Filmgeschmack als der Ekkehard Knörer hat, und dass ich denke, dass er oft in seinem Filmgeschmack, radikal am Arthouse-, Experimentalfilm und vor allem am Autorenfilm orientiert ist, und dass er diese gegen die kulturpolitischen Interessen der Berlinale, die ja teilweise offensichtlich sind und zu denen die Berlinale auch selber steht, ausspielt. Das ist dann aber kein investigativer Moment, da wird nichts entlarvt.

Entlarvt insofern, dass er sich mit den Worten weiter wagt als alle Anderen. Aus Deiner Perspektive ist er aber hauptsächlich im Internet und das verliert dann die Wirkung.

Na ja, Internet ist nicht das Problem, der Punkt ist der: Mich nerven eine Menge Sachen an Knörer, gleichzeitig steht er natürlich auf der richtigen Seite. Ich würde ihn immer verteidigen, als eine unabhängige Stimme, eine die man braucht, die der deutschen Filmkritik sehr gut tut, die etwas wagt, etwas probiert, die mit großem Einsatz operiert – und da geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um seine Liebe zum Film (und ihm geht es auch nicht in erster Linie um Karriere, auch wenn man mit der Haltung eine aufbauen kann). Das bereichert die deutsche Filmkultur.

Wie nötig sind solche Persönlichkeiten, wie Ekkehard Knörer und wie Du, für die Filmlandschaft? Wenn die Landschaft ein runder Tisch wäre, dann gehört ihr zu den Extremen, die am Tisch sitzen, während viele anderen in die Mitte gehören würden.

Ja, das ist nötig, weil die Landschaft der runde Tisch ist, an dem wir gerade sitzen. Hier in Frankfurt, wo wir gerade das Inte
rview machen, sind am Tisch viele Plätze frei. Und es wäre gut, wenn wir hier Ekkehard Knörer dabei hätten. Und dann würde ich sagen, dann würden wir einen fünften Stuhl dazu setzen und drauf dürfte auch Lars-Olav Beier sitzen, wenn die anderen paritätisch besetzt sind, denn er wäre nicht der dritte oder vierte, den ich dazu bitten würde.

Das Problem der deutschen Filmlandschaft, meiner Meinung nach, ist, dass diese Filmkultur nicht existiert. Und de facto gibt es zwei Filmlandschaften: Die alltägliche ist parzelliert – da sitzt der Knörer in seiner Ecke da und ich in meiner hier und wir haben keine Kommunikation. Er redet nicht mit mir, ich nicht mit ihm und ich glaube, er hat auch kein Interesse daran, noch weniger als ich das habe. Es ist vielleicht nur was persönliches, vielleicht hängt es mit seinem Geschmack zusammen, aber vielleicht redet er nur nicht mit mir. Ich glaube aber auch nicht, dass er mit Lars-Olav Beier redet. Vielleicht ist es eine Temperamentfrage: Ich rede auch gerne mit Leuten, die anderer Meinung sind als ich und vielleicht tut er das nicht. Insofern haben wir beide unsere Rollen, wie im Kasperletheater: der Knörer ist das Krokodil, ich bin der Polizist und vielleicht ist der Lars-Olav der Kasper. Und Bernd Neumann ist die Prinzessin.

Wenn aber jeder in seiner Ecke sitzt und alles so parzelliert ist und kein Dialog stattfindet, dann kann es auch nicht funktionieren. Man liest sich dann doch, aber es kommt alles über Bande und es kommt nie zur Synthese. Wahrscheinlich werden der Knörer und Lars-Olav Beier und noch fünf andere Leute und ich dann in zwanzig Jahren immer noch in den Ecken sitzen und das Gleiche erzählen wie heute. Das ist ein extrem frustrierender Ausblick. Besser wäre, wir würden zusammensitzen und einige Punkte finden, wo wir uns einigen und andere wo „we agree to disagree“, aber da kann man einen Waffenstillstand schließen und für die Sachen kämpfen, worüber man sich einig ist. Dann gibt es bestimmt auch drei Punkte, über welche man sich weiter streiten muss. Aber es folgt nicht so viel daraus. Dann passiert noch im Internet das allermeiste, wenn ich an diesen Dialog (der keiner ist) zwischen Wolfram Schütte und Ekkehard Knörer denke, über Das Weiße Band.

Das ist das einzige, das es in Deutschland gab?

Ja, das einzige. Und dann gibt es noch, und ich muss es so brutal sagen über Kriegsmetaphern, auch wenn der Knörer sagen würde, das ist unangemessen, aber vielleicht stimmt er mir doch zu: Es gibt einen großen bösen Feind und im Grunde genommen sind der Knörer und ich im Widerstand gegen den Faschismus. Bloß gehören wir verschiedenen Linien an. Ich würde sagen: er ist ein Stalinist und mich würde er wahrscheinlich als aristokratischen Adelswiderstand der Offiziere wahrnehmen (ich sehe das ein bisschen anders), es ist aber egal wer zu welcher Gruppe gehört, vielleicht trägt die Metapher auch nicht mehr, aber es ist schon klar, dass ich kein Diener des Satans bin, und er auch nicht.

Aber wir haben das Fernsehen, das auch im Prinzip faschistoid funktioniert, im Sinne, dass es um Gleichschaltung, Manipulation, um Unterdrückung des Widerstands geht, darum, dass man Nonkonformismus nicht zulässt, dass die Filmszene zu einer Maschine wird, die wie geschmiert läuft, zu einer Industrie. Und wir sind Leute, die da stören.

Kann man es faschistisch nennen, wenn die Maschine von selbst läuft?

Die Maschine wird schon angetrieben. Ich würde das nicht unterschätzen und darum nenne ich es auch so, weil es um Interessen geht. Es gibt Leute, die daran interessiert sind, dass es so ist und nicht anders, und die verdienen damit Geld. Sie haben damit auch Macht. Es geht ihnen nicht nur darum, dass man Geld verdient, sondern auch darum, dass die Leute manipuliert werden, dass sie ruhiggestellt werden. Ich habe kein Bild von diesen Filmindustrieunternehmen, nach dem es denen nur um Geld geht und wenn sie plötzlich mit kommunistischen Propaganda-Filmen verdienen würden, dann würden sie nur noch das machen. So einfach ist es nicht. Sie würden ein paar Sachen drehen. Die Filme von Michael Moore, zum Beispiel, werden von der Industrie finanziert. Aber das funktioniert nur, weil er der Clown ist, in einem Betrieb, wo alles ernst ist. Wenn alle wie er wären, dann würde das nicht mehr gehen.

Wir haben eine Situation, wo wir sehr wenige sind. Wie das gallische Dorf, und da sitzen alle vernünftigen Filmkritiker rum. Dann gibt es den Schmied und den Fischhändler, die sich bekriegen, aber es ist irgendwie klar, wenn es gegen die Römer geht, dann halten wir auch zusammen. Das einzige, das uns fehlt, ist ein Zaubertrank, wir haben keinen Miraculix. Das ist die Situation der guten deutschen Filmkritik: dass wir in einer extremen Minderheitsposition sind, dass wir uns gerade erlauben können, unser Ding zu machen, zur Hälfte, weil es niemanden interessiert, und zur anderen Hälfte, weil wir so einfach nicht zu bekämpfen sind. Aber wir haben keine Position, von wo aus wir gefährlich sind, von wo aus wir Rückeroberungskriege führen könnten.


Siehst Du aber eine Möglichkeit, dass eine Diskussionskultur zwischen Kritikern geschaffen wird? Das hieße zum Beispiel, dass Du zu CARGO oder Perlentaucher gehst und kommentierst.

Natürlich hieße es das im Grunde – und in einem gewissen Sinn mache ich es nicht, weil mir die Zeit fehlt und weil ich es stattdessen in meinen eigenen Texten mache. Und zum anderen, weil ich es grenzwertig finde, wenn man es nicht offen auf einer eigenen Plattform macht, wo man in diesem Fall Knörer und mich Pro und Contra schreiben ließe. Dann gibt es noch die Situation, dass wenn so etwas passiert, der Kommentator immer in der Position desjenigen ist, der es angeblich besser könnte und das wirkt dann respektlos.

Was interessant im Zusammenhang mit diesem filmisch-industriellen Komplex ist, ist wie das Internet funktioniert. Es gibt solche Magazine wie eures, wo unabhängige Meinungen entstehen können, die auch veröffentlicht werden. Diese Toleranz könnte aber eine falsche Toleranz bedeuten. Die Tatsache, dass überall alles möglich ist, heißt noch nicht, dass jede Stimme das gleiche Gewicht hat. Bestimmte Balla-Balla Medien im Internet haben ein sehr viel größeres Gewicht als NEGATIV, und als artechock, und als critic.de.

Dann muss ich auch kritisieren, dass je größer solche unabhängigen Medien sind, diese um so weniger in der Lage sind, sich zusammenzuschließen, aufeinander zuzugehen. Im Internet macht jeder sein Ding und diese Parzellierung gilt auch f
ür die unabhängige Filmkritik und führt dazu, dass das Internet mit seinen verführerischen Medien (wir haben das iPhone und das iPad, übersetzt als „ich“) zu einem Ich-Netz führen. Worum es gehen muss, ist, dass wir ein „We“-Netz haben. Und das wird irgendwann zwangsläufig passieren, es gibt aber noch ein tiefes Tal der Tränen, das wir durchgehen müssen, doch wird es zu neuen Vergesellschaftungsformen im Internet kommen und Institutionen. Bis es dahin kommt, macht es nur begrenzt Spaß. Aber das Internet ist ein Teil unserer Welt und diese verändert sich, also wird es dazu kommen. Außerdem ist es ein völliger Schwachsinn und eine unglaubliche Form von Narzissmus, davon auszugehen, dass alles so beschissen bleibt, wie es gerade ist.

Meinst Du aber nicht, dass dieses „We“-Netz eine institutionelle Größe und Bedeutung haben wird, die zu diesen faschistischen Formen führt, wie Du sie im Fernsehen siehst?

Das glaub ich nicht. Weil ich nicht glaube, dass das „Wir“ automatisch faschistisch ist. Ich glaube, dass der Faschismus die Idee des „Wir“ kontaminiert hat und da jetzt jedes „Wir“ unter Verdacht zu stellen, hieße auch, dem Faschismus zu viel Macht zuzugestehen, auch noch im Nachhinein. Davon abgesehen, nur mal „in Klammern“ gesagt: Man sollte nicht voreilig immer von Faschismus reden.

So wie es Leute gibt, die Techno faschistisch finden, nur weil da Menschen im gleichen Rhythmus stampfen. Jede Vorstellung von Geselligkeit wird verboten, weil es ein böses politisches Projekt war, aus Leuten, die im gleichen Rhythmus gestampft haben, eine Volksgemeinschaft zu formen.

Es ist genauso wie wenn man einer wie Leni Riefenstahl oder auch Eisenstein nicht zugesteht, dass sie gute Filme gemacht haben, auch wenn sie ohne Frage Propagandafilme gemacht haben. Dabei kann man von diesen Filmen trotzdem was lernen und das gilt auch für Leni Riefenstahl, das ist einer von den wenigen Punkte, wo ich Seeßlen nicht zustimme. Ich glaube, dass er sehr recht hat mit einer Bemerkung, die er zu Leni Riefenstahl geschrieben hat: Dass ihr Werk nämlich die Frage dauerhaft stellt, was an der Popkultur faschistisch ist. Aber ich denke umgekehrt, müsste man auch fragen, was an Faschismus Popkultur ist. Es gibt auch Momente am Faschismus, die zumindest auf etwas verweisen, was nicht total von der Hand zu weisen ist. Auch wenn es vom Faschismus sofort pervertiert wird. Dazu gehört diese Form von „Wir“, die ist legitim. Das Aufgehen des Individuums in einer Masse, in einer Augenblicksgemeinschaft, – die muss gar nicht höher sein -, Selbstvergessenheit, Selbstverlust, Selbstaufgabe, das sind Ideen, die es lange vor dem Faschismus gab, in der deutschen Romantik, aber auch in bestimmten Formen in der Aufklärungstradition.

Die haben unter anderem etwas zu tun mit Kunsterfahrung, mit Ästhetiken. Ästhetisierung ist immer schlecht angesehen, mindestens, weil man ihr den Drang zur Oberflächlichkeit unterstellt, oft auch weil sie in Verbindung mit dem Faschismus gebracht wird, wie Walter Benjamin es gemacht hat mit der Ästhetisierung des Politischen. Aber warum soll Moralisieren und Politisieren immer gut sein und Ästhetisieren schlecht? Da kann man nicht alles so kategorisch sehen, sonder man muss auch genauer hinschauen. Benjamin hat die Ästhetisierung des Politischen als die Politisierung der Ästhetik propagiert, aber ich glaube, dass Ästhetisieren auch das Politisieren der Ästhetik sein kann, dass man manche Dinge in der Oberflächlichkeit, in einer Erfahrung von Schönheit besser versteht, als man sie durch Analyse versteht. Es ersetzt die Analyse nicht, aber die Erkenntnis ist schon da, wenn die Analyse kommt.

Du hast mir vorhin gesagt, dass man als Kritiker nicht zu viel reflektieren soll, um diese Dimension der Erfahrung im Text beizubehalten. Ich bin zwar damit einverstanden, aber ist das nicht eine Form von Narzissmus, beziehungsweise ist das nicht die Art wie Kunst entsteht, und nicht die Kritik der Kunst?

Ich glaube nicht, dass gute Kritik etwas Nachgeordnetes ist, etwas Parasitäres gegenüber der Kunst. Gute Kritik kann auch eine Kunst sein. Sie muss nicht in erster Linie dem Film gerecht werden, sondern ein guter Text sein, sich selbst gerecht werden. Das ist natürlich Narzissmus, das kann man zumindest so nennen, aber es gilt das gleiche wie für die Ästhetisierung: Narzissmus gehört dazu. Es gibt keine Liebe ohne Selbstliebe. Wenn du dich selber hasst, dann kannst du jemanden anderen nicht lieben, insofern gehört der Narzissmus dazu.

Was der Narzissmus-Vorwurf meint, ist, dass der geliebte Gegenstand nur noch zum Objekt wird, um die Selbstliebe zu bestätigen. Das ist etwas anderes, darum kann es nicht gehen. Es gibt natürlich, platt gesagt, Kritiker, die wichsen dauernd, wenn sie schreiben, das sind die Narzissten. Aber ich gehe von mir gar nicht als Künstler aus. Das sollen Andere tun. Ich freue mich, wenn sie meine Texte gut finden. Aber ich lasse mir auch nicht sagen, dass ich ein Parasit bin. Oder dass ich einem Filmemacher wie Sönke Wortmann dankbar sein soll, dass er so tolle Filme macht, weil ich sonst überhaupt nicht schreiben könnte. Um Günter Rohrbach zu zitieren: wir arbeiten keine drei Jahre an einer Kritik, auch wenn es nicht um Filme von Günter Rohrbach geht, wir machen etwas ganz anderes, und das wollte er gar nicht verstehen – nicht aus Dummheit, sondern aus Ressentiment gegen Kritik als solche.

Kritik ist eine Arbeit, die viele Filmemacher nicht machen können, weil sie davon nichts verstehen, und wo nur Scheiße dabei rauskommt, wenn sie es doch tun – genauso wie bei uns, wenn Kritiker anfangen, Filme zu machen. Ich habe eher Misstrauen gegenüber Kritikern, die heimlich oder ganz unheimlich Drehbücher schreiben. Es gibt einzelne Fälle, wo das gut gelingt, und es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm, im ersten Fall gibt es viele gelungene Beispiele, aber im Spielfilm ganz wenige, und selbst einer wie Hans-Christoph Blumenberg, der schon ziemlich gute Filme gemacht hat, ist für mich nicht richtig ein Gegenbeispiel, weil ich seine Kritiken weit besser finde als die Filme.

Der zweite Teil des Interviews folgt in Kürze!