Seite auswählen
Still aus „Nerven“, 1919 Medium close-up von Erna Morena als Marja Kameramann: Helmar Lerski Copyright: Filmmuseum München

Still aus „Nerven“, 1919
Medium close-up von Erna Morena als Marja
Kameramann: Helmar Lerski
Copyright: Filmmuseum München

VON CALIGARI ZU HITLER* ist der Film, der aus dem Kritiker Rüdiger Suchsland einen Regisseur gemacht hat. Benannt nach dem gleichnamigen Buch von Siegfried Kracauer, dessen Thesen zu Film und Gesellschaft Rüdiger immer wieder auch in seinen Texten aufgriff, ist dieser Dokumentarfilm der Versuch einer filmischen Durchleuchtung des Kinos in der Weimarer Republik.

Dieser Versuch ist offenbar gelungen, wie einige Stimmen nach der Weltpremiere letzte Woche in Venedig feststellten. So schätzt beispielsweise Dietmar Dath im Festival-Blog der FAZ das Arrangement, dass Suchsland aus dem Material und den Ideen Kracauers komponiert. Beim Deutschlandfunk leitet Christoph Schmitz aus dem Film die Wichtigkeit der Aufbewahrung des Filmerbes ab.

Gesehen habe ich den Film vor etwa einem Monat, in relativ prekären Konditionen. Auf einem Laptop, in der Bahn, während einer viereinhalbstündigen Verspätung. Es geschah in einer Zeit, in welcher ich mich damit plagte, keine Filme mehr sehen zu wollen und es brachte mich ein Stück näher, diese Zeit zu überwinden. Gleich im Anschluss folgten sogar zwei von R. W. Fassbinder – die einzigen mir unbekannten deutschen Filme, die ich zufällig dabei hatte.

Am Anfang eroberte mich Rüdigers wohlbekannte Stimme, die aus dem Off das machte, was sie sonst auch immer macht: Eine Kaskade an Ideen, diesmal um die Bilder des Films herum, strömen zu lassen. Mal um sie zu begleiten, mal als Erklärung, mal um sie aus neuen Blickwinkel zu durchleuchten und mal um sie zusammenzubringen. Und während der Titel programmatisch eine politische Botschaft ankündigt, entfaltete sich der Film überraschenderweise als eine facettenreiche filmstilistische und gesellschaftliche Untersuchung der Weimarer Zeit.

„Im Kino bündelten sich auch wenn nicht alle, so doch sehr viele Tendenzen des Zeitalters und der Erschütterung des gesellschaftlichen Lebens im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg: Die latente Untergangsangst der deutschen Gesellschaft in ihrem Tanz’ auf dem Vulkan, zwischen hedonistischer Lust und Krise ohne Alternative – dieses explosive Gemisch speiste nach 1918 die neue Kunst des Kinos. “

… schreibt Rüdiger auf der Homepage des Films, und an diesem kaleidoskopischen Blick, den Rüdiger nach fast jeden Gespräch hinterlässt, fand ich einen großen Gefallen. Er ist manchmal streng geplant, fast geometrisch in seinem Umgang mit der Filmstruktur, doch immer wieder schweift er kurz ab, um auf Öffnungen aufmerksam zu machen, oder hält inne, wie eben auf dem Vulkan, und lässt die Bilder für sich sprechen. Darin sah ich wieder (auf neuem Weg, denn Dokumentarfilme schaue ich zu selten) diese allgemeine Verbindung zum Film, die mit jedem Werk frische emotionale Energie schöpfte und nach mehr verlangte. Dafür möchte ich Rüdiger danken.

Und bald, denn einige Einstellungen blieben mir besonders in Erinnerung, auch für NERVEN, FRÄULEIN ELSE und BRÜDER.

Erstmal aber teile ich diese Momente der Aufregung vor einer Vorführung in Venedig. Da ist das Cool ersetzt durch ungeduldige Schweißperlen. Irgendwann, mitten im Video, können die Finger im Vordergrund einer Totale nicht ruhig bleiben und gegen Ende ist endlich die Euphorie da. Die Bühne, die Aufregung, der Film:

Dass ein solcher Film heutzutage realisiert werden kann, ist natürlich der Ambition des Regisseurs zu verdanken, aber auch den Menschen, die ihn umgeben, die ihn zu Institutionen verbinden wie die Murnau Stiftung, dem Deutschen Filminstitut, ARTE oder LOOKs Filmproduktionen.

Seine Weltpremiere feierte der Film letzte Woche in Venedig, in den Kinos wird er auch demnächst zu sehen sein, dank dem Real Fiction Filmverleih. Wer sich für den Film interessiert, sei auf die Film Homepage von VON CALIGARI ZU HITLER verwiesen. Und wer dort nicht entdeckt, was er braucht, findet die entsprechenden Kontakte.

von caligari zu hitler plakat

© LOOKS Filmproduktionen / Real Fiction Filmverleih

*Die Homepage des Films habe ich realisiert

Pin It on Pinterest