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In Identity Kills geht es um Verlust und Konstruktion von Leben und Gegenwärtigkeit. Was bedeutet es zu existieren, da zu sein, auf unserem Planeten, in Deutschland, in Berlin. Hier und Jetzt, im Moment, ganz konkret.

Brigitte Hobmeier spielt Karin Lohse, die ein ganzer Planet für sich ist, unabhängig von den Anderen, ein Fremdkörper, und sie ist dabei nicht nur eine brillante Schauspielerin mit einer ungeheuren Präsenz, sondern auch ein eigener Mensch. Man könnte sie für eine Fehlbesetzung halten. Wie kommt diese Frau an diesen Ort, fragt man sich? Und wieso fügt sie sich so schlecht ein, wieso passt sie so augenscheinlich nicht dazu? Aber sie zeigt eben genau das: Jede Person ist individuell, eigen, eine Welt für sich. Dabei ist Identität ebenso ein Konstrukt, wie die ganze Welt auch, unsere Vorstellung von ihr und von uns. Der Film als Vermittler, von Möglichem, Filme machen als Sichtbarmachen. Beim Sehen von Identity Kills erkennt man das, und doch scheint es, passiert dieses jeden Tag, irgendwo, irgendwem, genau so. Nicht als Geschichte, sondern als Bewegung, als Zustand, als körperlicher und seelischer Ausdruck. Die Improvisation erweist sich bei der Inszenierung von Sören Voigt als Glücksfall, als die Methode, die in der Lage ist seine filmische Versuchsanordnung auf mehreren Ebenen zu verankern, und scheinbar disparates miteinander zu verbinden. Der Dreh- und Angelpunkt, das Auge des Sturms, ist dabei Brigitte Hobmeier als Karen Lohse und ihre Impulse in der Interaktion mit ihrer Umgebung kommentieren alle Vorgänge. Beobachtete und Beobachtende zugleich: das Außen und das Innen. Die Grundlagen des Kinos. So einfach kann Filmemachen sein.

2004 hatte ich den deutschen Film für mich neu entdeckt. Im Kino sah ich mir ermuntert durch interessante Besprechungen im Film-Dienst Goff in der Wüste, Frau fährt, Mann schläft, und Marseille an und erkundete dank der Filmgalerie 451 und des heimischen Videoarchivs einer Freundin, durch die Filme von Rudolf Thome und Heinz Emigholz, sowie die sogenannte Berliner Schule, mir bisher unbekannte Welten. Identity Kills hatte ich in dieser Phase selbst aus dem Fernsehen aufgenommen, und was ich hierbei zu sehen bekam, war mindestens genau so wichtig: großartige Schauspielerinnen. Neben Brigitte Hobmeier waren das für mich vor allem Katharina Schüttler, Sabine Timoteo, Maren Eggert, Sophie Rois, Marie-Lou Sellem, Karoline Eichhorn, Marie Bäumer, Laura Tonke oder Jessica Schwarz. Der deutsche Film: voll von Talenten. Voll mit großartigen Schauspielern, Kameraleuten, Drehbuchautoren und Cuttern.

Es scheint mir, dass uns in Deutschland nicht nur eine Filmindustrie jenseits der Filmförderungspolitik der letzten 20 Jahre fehlt, sondern auch ein wirkliches Bewusstsein für die Vielfältigkeit unserer Filmlandschaft. Und geeignete Organe, die die frohe Kunde verbreiten. Dass manches schlecht läuft, es Probleme und Krankheiten gibt, und die Bürokratie immer wieder alles zu ersticken droht, lässt sich nicht leugnen. Aber im Kampf für mehr Freiheiten, mehr Anerkennung und bessere Filme, sollte man das Bestehende nicht vergessen.

Ein slowenischer Filmkritiker hat einmal über das slowenische Kino geschrieben, dass es immmer wieder den Fluch des Neuanfangs hätte. Aufgrund der geringen Produktionsmenge und der oft fehlenden Aufmerksamkeit, versuche jeder Filmemacher aufs neue den slowenischen Film zu erfinden. Im Prinzip ist das kein schlechter Ansatz. In Deutschland jedoch völlig unnötig. Denn es ist in gewisser Hinsicht alles da. Nur genutzt wird es zu selten. Und geschätzt und gewürdigt schon mal gar nicht. Zumindest nicht in der Fülle in der es verdient wäre.

So unbekannt und so ungewürdigt geblieben wie manch einer an dieser Stelle vermuten mag, ist Identity Kills glücklicherweise nicht (hier: http://www.filmzentrale.com/rezis/identitykillsab.htm gibt es beispielsweise einen schönen Text von Andreas Busche zu lesen). Aber doch genug im Niemandsland zwischen Low-Budget und Amateurproduktion angesiedelt, dass er zu den zahlreichen Filmen gehört, die in Deutschland jedes Jahr Gefahr laufen in Vergessenheit zu geraten. Nicht nur wegen der Zuschauerzahlen (die dann im Endeffekt auch nicht viel geringer sind als bei den letzten beiden Filme von Thomas Arslan oder Benjamin Heisenberg), sondern weil sie eigenwillig, sperrig, schwer kategorisierbar sind. Dass es im deutschen Kino zwischen dem vielgeschmähten „Kommerzfilm“ und der gerade angesagten neuentdeckten „Bewegung“ eine ganze Welt gibt, in der Filmemacher wie Rudolf Thome, Dito Tsintsadze, Eckhart Schmidt, Heinz Emigholz, Michael Hofmann, Lothar Lambert, Wenzel Storch, Ulli Lommel, Michael Klier, Matthias X. Oberg , Philip Gröning, Michael Blume oder Gerry Schuster ihre eigene Vorstellung von Kino entwickeln, fällt leider immer noch viel zu oft unter den Tisch. Das ist jedoch ebenfalls Gegenwart und Geschichte des deutschen Films, und meist machen die scheinbaren Einzel- und Grenzgänger nicht nur die leidenschaftlicheren Filme, sondern sind überhaupt für den Großteil der heimischen Filmproduktion verantwortlich zu machen. Die Ränder des Industrie-Förderungs-Dschungels entpuppen sich dann bei genauerer Betrachtung als das eigentliche Zentrum.

Wenn wir uns nicht um unsere Filmlandschaft kümmern, werden diese Regisseure und ihre Filme vielleicht einmal ebenso aus dem Bewusstsein verschwinden wie frühere Generationen von genialen deutschen Filmemachern. Wer kennt heute noch Filme von Marran Gosov, Roger Fritz, Adrian Hoven oder Michael Pfleghar? Das Sichtbarmachen von Vergangenem und Gegenwärtigem ist ein Problem, das heutzutage alle Filmländer in der ein oder anderen Form zu bewältigen haben. Die Kanonisierung und das ewige Widerkäuen des Immergleichen führt hierbei aber nur zu weiterer Amnesie und das Ausland wird es sicher nicht übernehmen die Mär vom expressionistischen Stummfilm und dem Neuen Deutschen Film als den zwei goldenen Zeitaltern des deutschen Films zu widerlegen. Papas Kino muss nicht sterben. Papas Kino muss gesehen werden.

Identity Kills
R: Sören Voigt
D: Brigitte Hobmeier, Mareike Alscher, Daniel Lommatzsch
Deutschland 2003, 81 Min.
Copyright: Living Films OHG

Über den Autor Sano Cestnik

Sano Cestnik war nach Emigration in jungen Jahren bereits mit 10 Stammzuschauer im örtlichen schwäbischen Kino, bevor seine Filmleidenschaft durch den Kauf eines Videorecorders mit 15 endgültig entfacht worden ist. Danach Aufnahme des Dialogs mit Gleichgesinnten durch das Internet und 2004 Neugründung eines englischsprachigen Filmforums, dem erste Versuche regelmäßig einen eigenen Blog zu führen folgten. 2008 dann Eskalierende Träume und Neuanfang durch das Schreiben in einer ihm verständlicheren Sprache. Filmkritiker fand er früher alle scheiße, bis ihn der Versuch, alle Texte André Bazins zu lesen, eines Besseren belehrte.