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san sebastian festival 2014

Zurück am Sandstrand der goldenen Muscheln

San Sebastián, endlich! Seit 2002 komme ich immer hierher. Nur letztes Jahr hatte ich aussetzen müssen, aus guten Gründen zwar, aber trotzdem hatte ich das Festival und den Ort vermisst. Denn dies ist neben Cannes das mir liebste Festival und im Gegensatz zu Cannes ist hier auch die Stadt großartig, die Menschen. Ich halte mich gern hier auf. Man kann gut einfach sein an diesem Ort, egal wie das Wetter ist, man kann mit anderen im Restaurant sitzen, oder allein im Café und sich die Leute und das pulsierende Leben angucken. Und es ist natürlich ein gutes Festival, eines das nur in Deutschland unterschätzt wird. Dort glaubt man tatsächlich, Locarno sei besser – dabei würde das, was dort im Wettbewerb zu sehen ist, hier allenfalls im Nachwuchswettbewerb laufen, von drei, vier Ausnahmen wie Lav Diaz, Martin Reijtman, dem französischen FIDELIO-Film und der brasilianischen Entdeckung VENTOS DE AGOSTO einmal abgesehen.
Die deutsche Locarno-Verehrung liegt meines Erachtens nur daran, dass deutsche Filmkritiker in Locarno gern Urlaub machen, während es hier Ende September oft schon zu kalt ist zum Baden. Diesmal allerdings nicht.

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Allein schon die Fahrt am Morgen, entlang der „Concha“, der größeren, muschelförmigen der zwei Buchten, die viel schöner ist als die von Cannes, ganz von fern an die Copacabana erinnert, und dem Preis des Festivals, der „Goldenen Muschel“, den Namen gibt. Eine Uferpromenade wie im 19. Jahrhundert und dieses nostalgische Flair, dieses Vergangenheitssatte ist es, das dem Festival seinen besonderen Charme gibt. Zwar könnte man das auch über Venedig sagen, aber Venedig ist eher ein wunderschönes begehbares Museum, und das Festival findet dort ja auch auf dem Lido statt, vor der Stadt. Hier ist alles mittendrin.
Wenn man dann morgens am Ufer entlangfährt, mein Hotel liegt an der anderen Seite der Concha, und man hat hier, wie ja auch auf anderen Festivals, ein Fahrrad gemietet, dann sieht man normales Leben. Eine reiche Stadt, aber auch eine sehr gelassene. Vor der Uferpromenade liegt ein breiter Strand und zusammen mit der etwa acht Meter hohen Mauer, die beides trennt und den hohen, sechs-, acht-, oder zehnstöckigen Gebäuden im Hintergrund, bildet dieser Strand eine Ansicht, die man von alten Bildern der Impressionisten oder Pointillisten zu kennen meint. Am Strand sind alle: Familien, alte Frauen, junge Männer, Mütter mit Kindern. Touristen und Sommergäste natürlich auch, aber normale Menschen bilden die Mehrheit. So auch vor und in den Kinos. Dies ist ein Festival, dass den Namen „Publikumsfestival“ wirklich verdient, weil hier keine hysterischen Schlangen zu sehen sind, kein Anstehen um fünf Uhr morgens nötig ist. Die Kinos sind mittelgroß und zum Teil sehr alt. Zwei sind umgebaute Theater aus dem 19. Jahrhundert, in dem San Sebastián zum Lieblingskurort der spanischen Oberschicht wurde. Riesig ist allerdings der „Kursaal“, ein modernes Gebäude am Ort, an dem vor hundert Jahren wirklich der Kur-Saal eines deutschen Architekten stand. In das größere der beiden Säle dieses Festivalzentrums passen weit über 1000 Zuschauer. Und ein Schachtelkino gibt es auch, mit ein paar anständig großen Sälen, wo die Wiederholungen und Retrospektiven gezeigt werden.

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Ich schreibe erst heute am fünften Tag des Festivals den ersten Blogtext, das hat aber nur den Grund, dass die Brotarbeit leider wieder einmal vorging. Wir freie Qualitätsjournalisten sind alle auch Söldner und Partisanen. Der bessere Grund sind dann natürlich die Filme selbst, und gerade bis zum Montagmorgen gab es ungemein viel zu sehen. Und der allerbeste Grund: San Sebastián ist ein Ort, in dem man sich begegnet. Wo einem immer wieder irgendwer über den Weg läuft, man für einen Kaffee, eine Zigarette, ein Bier, einen kurzen Snack oder alles zusammen anhält. Meine Lieblingsplätze sind dann die Bodega Donostiarra, die Bodega Narrika in der Altstadt mit der unverwüstlichen Wirtin Mari Carmen und vor allem das Artess Café neben den PrinCipe-Kinos.
Mit dem einen redet man dann über das argentinische, mit der anderen über das französische Kino, mit manchen, nicht nur Deutschen, über das deutsche Kino, darüber was an Christian Petzolds PHOENIX schön ist, und dass Christoph Hochhäuslers Film von allen Festivals abgelehnt wurde, selbst der Berlinale, und nun in Rom läuft, und darüber, dass der Flop von SCHOßGEBETE hochverdient ist. Oder man redet besser noch über Borussia Dortmund und Bayern München. So vergeht ein Tag wie im Flug, und der Text ist noch immer nicht geschrieben.

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Eröffnet wurde Freitagabend, angekommen bin ich aber schon Donnerstag. Eine der ersten Dinge, die ins Auge stachen, war die Flagge, die auf dem Sitz des baskischen Präsidenten gehisst war. Keine baskische, sondern eine blauweiße schottische! Donnerstag war ja der Tag des Referendums über die schottische Unabhängigkeit – Wahnsinn, wie schnell Ereignisse, die gerade erst medial hochgekocht wurden, dann wieder ins völlig Unbewusste versacken.
Die Basken würden sich eine solche Abstimmung auch wünschen, vermutlich würde sie am Ende ähnlich ausgehen, zumal das Baskische weit mehr Folklore ist, als es die etwa zehn Prozent Hardcore-Nationalisten wahrhaben möchten. Aber es verrät doch einiges über das, was in manchen baskischen Köpfen los ist.

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Wenn man hier auf das Programm in und um den Wettbewerb schaut, dann ist bereits die Papierform gut. Es gibt hier Jahre, da ist vieles schwach, aber andere, da kann San Sebastián mit Venedig mithalten. 2014 ist so ein Jahr. Eine kurze Zwischenbilanz sieht so aus, dass ich hier mindestens vier Filme gesehen habe, bei denen man sich fragt, warum sie eigentlich nicht in Venedig gelaufen sind. Mindestens einen davon, Christian Petzolds PHOENIX hat Venedig abgelehnt, und das war eine Fehlentscheidung. Weitere Filme gibt es, die man nicht im Venedig-Wettbewerb zeigen muss, die ein Marco Müller in seiner Zeit als Venedig-Boss aber gezeigt hätte, weil Mülller Genre-Kino und leicht trashige, interessant abgleitende B-Movies genauso liebt, wie José Luis Rebondinos, der Direktor von San Sebastián.
Noch gar nicht mitgerechnet habe ich hier jetzt Filme wie JAUCHA vom Argentinier Lissandro Alonso, der dann in Cannes in „Un Certain Regard“ lief, und hier in der Reihe „Horizontes Latinos“ gezeigt wird, einen Showcase der besten lateinamerikanischen Filme des Jahres, in dem allein man das ganze Festival verbringen kann.

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Es laufen hier unter anderem im Wettbwerb die neuen Filme von Mia Hansen-Løve, François Ozon, Susanne Bier, Cristián Jiménez, Cédric Kahn, Christian Petzold, Michaël R. Roskam, Bille August. Außer von ihnen wird das Festival noch unter anderem von Denzel Washington, Benicio del Toro, Antonio Banderas, John Malkovich, Viggo Mortensen, Charlotte Gainsbourg, Jessica Chastain besucht.