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Der Schweiß in den Bärten der Hipster

von | Sep 22, 2015 | San Sebastian 2015, Uncategorized | 0 Kommentare

Auslastung, Weltpremieren und Bars – für den Tourismus ist das Festival in jedem Fall ein Erfolg

98 % Auslastung haben die Hotelzimmer in San Sebastian schon ein Jahr bevor die Stadt „Kulturhauptstadt Europas“ wird. Unter 60 Euro bekommt man auch am Tag vor der Eröffnung kein Hotelzimmer. Für den Tourismus ist das Festival in jedem Fall ein Erfolg.

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Das Festival von San Sebastian hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich weiterentwickelt. Events wurden hinzugefügt, Kinosäle, das Programm wurde ausgeweitet. Vieles davon ist unnötig, nicht alles die Modernisierung, als die es verkauft wird. Aber immerhin wirbt man hier mit 45 Weltpremieren, und damit das wichtigste Filmfestival der „spanisch-sprechenden Welt“ zu sein, also auch Lateinamerikas. Und Lateinamerika ist gerade „in“ in der Filmwelt, das belegen nicht nur Preise und auffallende Präsenz beim Festival in Venedig.

Allein neun der 17 Wettbewerbsfilme liefen bereits auf dem Marktfestival von Toronto – das ist gerade in diesem Jahr nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal, da aus Toronto allgemein berichtet wird, wie langweilig das Festival doch sei. Es ist aber ein Grund mehr zu sagen: Toronto ist vollkommen überschätzt und eigentlich unwichtig. Denn selbst wer immer noch glaubt US-Filme seien aus Prinzip besser oder wichtiger, als das Kino anderer Länder, kann eben viele der Toronto-Filme in San Sebastian sehen, und den Rest in Venedig.

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Am Donnerstagabend verliert der FC Augsburg bei San Sebastians Lokalrivalen Athletic Bilbao mit 1-3. Gut so, es muss schließlich alles seine Ordnung haben. Auf den Fernsehbildschirmen in den Kneipen ist das Spiel nicht zu sehen, dort gucken alle das herzzerreißende Halbfinale der Basketball-EM zwischen Frankreich und Spanien, das die Spanier nach ständigem Rückstand dann in der Verlängerung doch noch für sich entscheiden. Da sind auch die baskischen Nationalisten in den Gassen der Altstadt plötzlich für die Nationalmannschaft, obwohl die doch unter „falscher“ Flagge und mit der verhassten Nationalhymne „Marcha Real“ aufläuft.

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„All diese Hipster-Bärte der spanischen Spieler“ mokiert sich Jule. Und wir reden darüber, wie es wohl sei, wenn man im Spiel literweise schwitzt, und sich alles im Bart sammelt. Jule ist 19 und ich kenne sie seit dem Tag ihrer Geburt. Denn sie ist die Tochter sehr guter Freunde in Bayern und ihr zwei Jahre älterer Bruder ist mein Patensohn.

In den letzten Wochen ist Jule, die gerade Abitur gemacht hat, mit Freund Fabio durch Portugal und Spanien gefahren. In Lissabon haben sie sogar ein Filmfestival besucht, das Festival des chinesischen Films, aber leider etwas Pech bei der Filmauswahl gehabt: DEATH AND GLORY IN CHANGDE von Shen Dong war er einer der schwachen Filme des Programms.

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Nachdem ich Jule den persönlichen Transport vom Flughafen in Bilbao nach San Sebastian zu verdanken hatte, sind wir dann am Abend in der Stadt herumgezogen, wo man auch Männern mit Hipster-Bärten begegnet. Da die spanischen Basketballer gerade in Frankreich sind, muss es sich wohl um New Yorker Mumblecore-Regisseure, Journalisten vom Prenzlberg oder um baskische Nationalisten handeln. Die ETA-Kämpfer und Käsebauern von Eibar hatten nämlich schon solche Bärte, da gab’s das Wort noch gar nicht.

Ansonsten war das die Gelegenheit, Jule und Fabio ein paar meiner Lieblingsplätze bei diesem hochangenehmen Festival zu zeigen. Die „Bar | Narrika„, das San Telmo Museum, wo gerade eine Pasolini-Ausstellung läuft, und direkt gegenüber das Café Artess, das leider gerade innen ganz umgebaut wurde, und seinen alten Charme verloren hat. Die Bedienungen sind glücklicherweise aber die alten geblieben.

Am nächsten Morgen sind die beiden dann, während ich mir den Eröffnungsfilm anguckte, in den Auftaktfilm zur Gegenwarts-Retrospektive gegangen, die dem unabhängigen japanischen Kino 2000-2015 gewidmet ist. Sono Sions genialem LOVE EXPOSURE („Ai no mukidashi„), der 2009 in Berlin den Caligari-Preis (da war ich in der Jury) und den Fipresci-Preis gewann.