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Smarte, beruflich erfolgreiche und attraktive junge Männer, die einen kostenintensiven Lebensstil frönten, in noblen Restaurants zu Mittag aßen oder in schicken Cocktailbars den Feierabend ausklingen ließen. So stellte man ihn sich vor, den Yuppie, der als Phänomen des Zeitgeists der 80er Jahre bis hinein ins frühe 21. Jahrhundert eigentlich merkwürdig wenige eindeutige Reflexe in der Kinematografie nach sich zog. Im Gedächtnis blieben Wall Street und dessen späte Fortsetzung, sowie Das Geheimnis meines Erfolges und American Psycho. Allen Filmen ist gemein, dass in der Darstellung des Yuppies der „Raubtierkapitalismus“ mitthematisiert, der eigene Erfolg dem eigenen Scheitern gegenüber gestellt wird – monetär wie moralisch.

Brandon (Michael Fassbender), die Hauptfigur von Shame, könnte auch als Yuppie bezeichnet werden, wenn nicht die Finanzkrise vor einigen Jahren das Vertrauen in die ordnende Macht des Marktes erschüttert hätte. Aus den geschniegelten und geschnörkelten Emporkömmlingen von einst sind mehr denn je gebrochene Helden geworden, bei denen ihre Oberflächlichkeit und Seelenlosigkeit, mit denen sie leben und lieben, deutlich zu Tage tritt. Nicht zuletzt aus diesem Grund interessiert sich Shame kaum für den austauschbaren Büro-Job seiner allein mit Blicken und der Tonalität ihrer Stimme vereinnahmenden Hauptfigur, den er trotz allem als Maßstab für den eigenen materiellen Wohlstand verteidigt. Ohne ihn könnte sie sich ihr schickes Apartment, ihre Liebschaften und Prostituierten und ihre Designerkleidung nicht leisten.

Dabei ist Brandon die postmoderne Antwort auf den Materialismus: Die Wirtschaft als letzte Bastion des Vertrauens ist verloren. Und auf Menschen konnte man sich sowieso noch nie verlassen, weswegen Brandon das einzig Offensichtliche und Wahre konsumiert: ihre körperlichen Hüllen. Er ist ein Süchtiger, der früher für Geld einen Fetisch entwickelt hätte, heute für Sex entwickelt hat. Der männliche Status, der sich bis vor einigen Jahren noch an komplizierte Geschäfte im Finanzmarkt gekoppelt hat, hat sich nun entkleidet und wird evolutionär wie degenerativ auf die sexuelle Ebene zurückgeführt. Dort werden Machtfantasien ausgelebt, dort wird die Sucht hinter dem Trieb deutlich. „Gier ist gut“: Dieser Aphorismus Gordon Geckos wird hier Lügen gestraft, führt sie Brandon doch in den persönlichen Untergang, die Depravation seines letzten familiären Bandes.

Nein, Steve McQueens Psychodrama entwickelt keine allzu offensichtlichen subversiven Töne. Er ist zu stark einem Drehbuch ausgeliefert, das sich insbesondere im letzten Viertel zu sehr in gängigen dramaturgischen Konventionen verliert. Der Versuch einer Wandlung der von Michael Fassbender grandios wie auf den Punkt gespielten Hauptfigur schlägt um in einen extremen „Rückschlag“, der Konflikt wird spannungsgeladen zugespitzt, um vorhersehbar aufgelöst zu werden. Das ist etwas schade, geht doch damit die Strenge verloren, mit der Steve McQueen bis dahin inszenierte, Brandon minutenlang beim Joggen verfolgte oder seine Schwester Sissy (Carey Mulligan), die unverhofft und auch unerwünscht in sein Leben hineinplatzt, minutiös bei ihrer herzzerreißenden Interpretation von New York, New York lauscht. Neben einem mehrere Minuten dauernden Augenflirt in der U-Bahn zwischen Brandon und einer attraktiven Blondine zu bedeutungsschweren Streichern sind dies die beiden Szenen, die am längsten im Gedächtnis bleiben, weil sie die mysteriöse seelische Verletzlichkeit, welche die beiden Figuren umwebt, am deutlichsten spürbar macht.

Shame ist beklemmend, weil er mit den Wünschen des entfremdeten Menschen im Spätkapitalismus spielt und sie in einem unerträglichen Maß erfüllt. Die Neugier um das Thema Sex und seine Eigenschaft als postmaterialistisches Statussymbol, wie er im vorliegenden Werk verstanden werden kann, halten uns den Spiegel vor, in den wir nicht gerne blicken möchten. Der Sexsüchtige, er ist kein Randständiger der Gesellschaft wie der Heroinjunkie, sondern integriert, als Konsument und zahlender Kunde von Pornografie jeglicher Art anerkannt. Vielleicht ist Shame ein gewagtes Experiment um die neue Spezies des Web 2.0-Fetischyuppies, vielleicht ist Shame auch nur ein beeindruckend gespieltes Psychodrama um verkrachte Existenzen. Nachwirken und verstören wird er aber mit seiner schonungslosen Direktheit, mit seinem Mut zur ungeschnittenen Szene und in seinem Vertrauen auf die Macht der Musik wie den Gehalt seiner Bilder so oder so.

Shame mit Michael Fassbender – Interviews und Behind the Scenes

Shame – Pressespiegel auf film-zeit.de

Shame
R: Steve McQueen
B: Abi Morgan, Steve McQueen
K: Sean BobbittLink
D: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Lucy Walters etc.
Großbritannien 2011, 101 Min.
Verleih: Prokino
Kinostart: 01. März 2012