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Die Macht der Community: Fünf israelische Filmemacher präsentieren in Venedig facettenreiche Geschichten zwischen Arbeit und Freizeit

Venedig-Blog, Folge 3

„Das ist er!“ Ein Blick und alles ist passiert. Blicke sind im Kino das wichtigste Element der Kommunikation, hier steckt das Ungesagte, hier lauern die Widersprüche, hier wird alles ausgesprochen, was sonst ungesagt bleibt: Das Unbewusste, Verdrängte, Verheimlichte. Als ihre Mutter und Shira im Supermarkt heimlich einen jungen Mann beobachten, sagt ihr die Mutter diesen Satz „Das ist er!“ Es ist dieser Mann aus einer Familie, „die passt“, den die Eltern für Shira ausgesucht haben. Und Shira, eine 18-jährige, die nicht jünger aussieht, als sie ist, aber ausgesprochen unschuldig, die in ihrem Leben noch keinen Kinofilm gesehen hat, keine Jugendzeitschrift gelesen, und die daher in Liebesdingen mehr als unerfahren ist, ist sofort überzeugt, hier dem Mann ihres Lebens begegnet zu sein: „Das ist er!“ Sie wird die arrangierte Hochzeit aus innerer Überzeugung annehmen, sie wird ihn heiraten.

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Hochzeitsvorbereitungen sind im Kino der Ort, in dem Familien ihren großen Auftritt haben und das innere Zusammenspiel dieser sozialen Mikroorganismen inszeniert wird. Und damit auch das Zusammenspiel größerer Einheiten. Diesmal handelt es sich um eine chassidische Familie aus Tel Aviv, und im Zentrum des Films steht ein Ereignis, dass die Hochzeit von Shira erst einmal empfindlich stört, und die Werte dieser jüdisch-orthodoxen Familie gehörig durcheinanderwirbelt: Die 18-jährige Shira soll wie arrangiert heiraten. Da stirbt ihre ältere Schwester Ester bei der Geburt ihre ersten Sohnes.

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Zunächst einmal tauchen wir aber in Rama Burshteins LEMALE ET HA’CHALAL (FILL THE VOID), der als israelischer Beitrag jetzt im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig läuft, ein wenig in diese fremde Welt ein: Es ist zumindest zuhause – und das Berufsleben sehen wir nicht – ein Matriarchat, die Mütter – und sie sind alle Mütter – sprechen über alles, und entscheiden alles. Der kalte Pragmatismus dieser Mütter, ihr Klartext, die Offenheit und Direktheit, mit der sie reden, ist sehr angenehm, „down to earth“ und auf solche Art sehr schön. Sie haben auch den Schlüssel zum Safe. Dem Ehemann wirft man ihn lässig zu und ruft noch hinterher: „Sag mir, wieviel Du nimmst.“ Man feiert Purim. „Never delay a match“ heißt es da ahnungsvoll. Aber da ist es schon zu spät…

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Nach dem unerwarteten Tod der Tochter steht plötzlich die Frage im Raum, was mit dem Witwer und dem kleinen Sohn geschehen soll? Der Mann, das ist für alle klar, kann nicht allein bleiben. Auch hier planen und entscheiden die Mütter. Sie stehen stellvertretend für die Macht der Community, von der dieser Film handelt: Über eine potentielle Braut wird neben der Tatsache, dass sie Witwe ist und zwei Kinder hat, also auch versorgt werden muss, positiv vermerkt, dass sie Hebräisch spricht. Doch bald taucht die Forderung aus Teilen der Familie auf, Shira solle doch deren Witwer heiraten. So bleibt der kleine Enkel in der Nähe der Großeltern.

Wie blöd es auch hier wieder ist, wenn Kinder immer alles tun müssen, damit es den Eltern gut geht. Wenn sie auf ihr eigenes Glück verzichten müssen, damit die Eltern glücklich sind, weil sie doch auf soviel verzichtet haben. So dreht sich der familiäre Teufelskreis immer weiter.

In LEMALE ET HA’CHALAL steht aber die andere Seite im Zentrum: Das Gute dieser geschlossenen Gemeinschaft, die Sicherheit und Geborgenheit, die sie bietet, die Schönheiten ihres Lebens.

Schattenseiten werden trotzdem nicht verschwiegen: Der Druck, unter dem alle Frauen stehen. Ob man heiratet, ist gar nicht mehr die Frage, sondern nur wann endlich und vielleicht noch, wen? Hat man als Frau überhaupt ein Leben ohne Mann?

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Im Übrigen fügt sich der Film in die nicht erst in Venedig erkennbare allgemeine Tendenz des Zeitgeists, das Orthodoxe interessant zu finden. Schon in Cannes gab es in der Quinzaine den Film über chassidische Juden. Jetzt läuft hier auch der erste Film einer saudi-arabischen Regisseurin, um dessen politische Bedeutung sich wilde Gerüchte ranken.

Auch über LEMALE ET HA’CHALAL war im Vorfeld zu erfahren, die Regisseurin sei selbst orthodoxe Jüdin, und habe sich den Film auch von einem Rabbi abnehmen lassen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, glaube es aber gern. Und natürlich kann man sich mit gutem Recht erstens fragen, warum man sich eigentlich mit Problemen beschäftigen soll, die man nicht hat? Außerdem suggerieren all diese neuen Filme über Religion und Seiten des Religiösen, die hier im Dutzend laufen, dass Religion und Rituale etwas irgendwie Wichtiges wären. Etwas, mit dem wir und das Publikum sich ernsthaft außeinanderzusetzen hätten. Das ist natürlich nicht der Fall, und gerade Orthodoxie wäre uns sofort unsympathisch, wenn es um islamische Fundamentalisten handelte, auch christliche.

Auf der anderen Seite bedient der Film vor allem aber eines der Bedürfnisse, die Kino besonders wichtig sind: Er zeigt Rituale, zeigt eine fremde Welt, die man sonst nicht sehen kann. Wir sehen die Trauer um die Tote, hören „may the god console you“, sehen die Beschneidung des Frischgeborenen, lauschen zu „Höre Israel!“, wir hören Lieder über Zion and Jerusalem, sehen immer wieder Männer bei Tisch Lieder singen: „If I forget you o Jerusalem…“

Und natürlich gibt es am Schluss eine Heirat, eine arrangierte. Obwohl Shira vorher auf die Frage des Rabbi, ob sie glücklich sei, geantwortet hatte: „It’s not a matter of feelings.“ Und er darauf: „It’s only a matter of feelings.“

Trotzdem ist dies ein Film über eine Heirat, bei der es nicht primär um Liebe geht.

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Gespielt wird von Shira von der 22-jährigen Hadas Yaron, die eine ganz leichte Ähnlichkeit hat mit Chiara Mastroianni. In ihrer Inszenierung benutzt Rama Burshtein den Weichzeichner ein wenig zu häufig. Ihre Schauspieler sind ein wenig zu hübsch, und insgesamt sieht vieles in diesem Film ein bisschen zu lackiert aus. Sie schaut leider auch manchmal dort weg, wo es gerade interessant wird, etwa beim Tod, oder bei der Beschneidung.

Trotzdem ist dies ein überraschend gelungener Film. Ein bisschen pathetisch gegen Ende, aber insgesamt sehr intim, ohne je sentimental zu sein…

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LULLABY TO MY FATHER

LEMALE ET HA’CHALAL ist nur einer von gleich einer ganzen Handvoll Filmen aus Israel, die in den unterschiedlichen Sektionen am Lido gezeigt werden. Ein Venedig-Stammgast ist seit langem Amos Gitai. Diesmal werden gleich zwei Filme dieses international bekanntesten israelischen Filmemachers aufgeführt: LULLABY TO MY FATHER ist eine Hommage an Gitais Vater, Munio Gitai Weinraub (1909-1970), einen Architekten, der seine Karriere am Bauhaus in Dessau begann, und dessen Werk in dessen Tradition stand. 1937 floh der Vater über die Schweiz nach Palästina, und baute nach diversen Industriegebäuden in den sechziger Jahren Anlagen für Kibbuzim. Gitais essayistischer Film, an dem auch Yael Abecassis, Jeanne Moreau und Hanna Schygulla mitwirken, ist ansatzweise auch eine Geschichte israelischer Architektur. Ein Dokumentarfilm ist Gitais CARMEL – eine Geschichte des symbolischen Berges, wo einst die Kanaaniter Zuflucht fanden, christliche Kreuzritter eine Festung bauten, und heute eine Shopping-Mall errichtet wird.

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Ein sehr besonderer Film läuft in der Nebenreihe „Venice Days“: Amir Manors Debüt EPILOGUE erzählt vom Alltag eines alten Ehepaares. Yosef Carmon und Rivka Gur spielen Beri und Hayuta, die beide fast 80 sind. Liebevoll gehen sie miteinander um, teilen ihre Tage, und erleben zugleich den Wandel der Gesellschaft um sie herum. Sie halten fest an ihren Jugendträumen eines Israels der Gleichheit und des Wohlfahrtsstaates. Dem Filmemacher gelingt mit diesem intimen Portrait, das durch seine eigenen Großeltern inspiriert wurde, eine Parabel auf Entfremdung und die Folgen eines blinden Konsumismus, der mit den Solidaritätsstrukturen, durch die Israel erst geschaffen wurde, die inneren Existenzgrundlagen des Staates zunehmend zerstört.

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Eine Koproduktion mit palästinensischen Filmemachern ist schließlich WATER, ein Episodenstück von acht Regisseuren, das von Kobi Mizrahi und Maya de Vries an der Universität von Tel Aviv entwickelt wurde. Aus verschiedenen Perspektiven werden Geschichten rund ums Wasser erzählt: Über geteilte Quellen, orthodoxe Klempner, Bauern, die Ausgangssperren verletzen, um ihre Felder zu begießen, Kinder, die noch nie das Meer gesehen haben, um einen arabischen Swimmingpoolpfleger und eine alte Überlebende der Lager, die Augentropfen braucht. Klarerweise fungiert hier Wasser als jenes zentrale Element, das alles mit allem verbindet.

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