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Copyright: Ascot Elite, Cannes Filmfestival

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Little lost girls: Atom Egoyans Gefangene

„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen,/ Tod und Verzweiflung flammet um mich her!“

aus: DIE ZAUBERFLÖTE

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Jetzt also zu den sechs Filmen vom Freitag. Man könnte auch sagen, es seien eigentlich sieben Filme, denn der türkische WINTER SLEEP von Nuri Bilge Ceylan dauert fast dreieinhalb Stunden, zählt also was die physische Präsenz und Anstrengung betrifft, doppelt. Der Morgen begann aber mit Atom Egoyan.

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Ein böserer Zauberer raubt ein unschuldiges Mädchen, macht sie sich gefügig, worauf deren Mutter Rache nimmt… Die Arie der „Königin der Nacht“ und später auch die Rachearie aus Mozarts ZAUBERFLÖTE erklingen beide mehrfach an entscheidender Stelle in THE CAPTIVE, dem neuen Thriller des kanadischen Regisseurs Atom Egoyan (DAS SüßE JENSEITS, FELICIAS REISE), der gestern Abend im Wettbewerb von Cannes Premiere feierte. Bei Mozart entpuppt sich der Entführer allerdings als Humanist und Vertreter der Aufklärung, der die alten Zöpfe abschneiden will – bei Egoyan ist er einfach ein Perverser, der an der Spitze eines überaus mächtigen und in Gesellschaft gut vernetzten Verbrecherrings steht, der Kinder missbraucht.

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Vor Jahren wurde die zehnjährige Cassandra entführt, und der Fall lässt die Polizei so wenig los, wie die Eltern. Egoyan erzählt das Geschehen auf mehreren Zeitebenen: Zur Zeit der Entführung, sechs Jahre später und weitere zwei Jahre später, als sich alles auf einen dramatischen Showdown zuspitzt und die Entführte schließlich befreit wird. Wir Zuschauer sehen früh, dass Cassandra noch lebt, dass sie in einem relativ großen luxuriös ausgestatteten, aber perfekt abgeriegelten Zimmer gefangen gehalten wird, das von fern an jene Kellerverließe der Fälle „Amstetten“ und „Natascha Kampusch“ erinnert.

Wir sehen auch ihren Entführer, und erkennen, wie nahe ihm die Ermittler gelegentlich kommen – und welch üble Spiele er mit diesen und den verzweifelten Eltern des Opfers treibt. So beschäftigt er die Mutter als Putzfrau und konfrontiert sie immer wieder mit kleinen Gegenständen oder Zeichen, die sie an ihre Tochter erinnern, Erinnerungsauslösern. Dabei beobachtet er sie durch versteckte Kameras und delektiert sich an ihrer Verzweiflung.

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Copyright: Ascot Elite, Cannes Filmfestival

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Gefangen sind hier im gewissem Sinn alle. Schließlich geht die Geschichte zwar gut aus, doch zuvor wird eine Polizistin entführt, geraten die Eltern selbst unter Verdacht, und andere Kinder in Gefahr. Egoyan versteht sich bei allem grundsätzlichen Kunstcharakter seines Films, bei aller gewollten Sprödigkeit und Konstruiertheit, auch darauf zu liefern, was ein solcher Film liefern muss: Spannung, überraschende Wendungen, Gefahren, eine rasante Verfolgungsjagd in der schneebedeckten Landschaft des kanadischen Winters. Er versteht es, sein Publikum emotional zu engagieren: Man will so sehr, dass Cassandra frei kommt.

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Gespickt hat der Kanadier alles mit seinen Lieblingsmotiven: Kameras, Bildschirme, gegenseitige Überwachung per Medien, die neue Ordnung des Liebes- und Sexlebens in sozialen Netzwerken, die Abgründe moderner Gesellschaften und der Umgang mit traumatischen Erinnerungen.

Die Sache der Aufklärung bewahren hier die Polizisten, gespielt unter anderem von Tarantino-Star Rosario Dawson und Scott Speedman. Egoyan versteckt die Konstruiertheit seiner Geschichte nie – im Gegenteil: Ihm geht es spürbar nicht um simple Glaubwürdigkeit sondern um Typisierungen von Gefühlszuständen, und um Situationen, die er spannend findet. Die Hauptfigur in diesem Film mit vielen Figuren ist am Ende wohl der Vater (Ryan Reynolds), dem es am Ende auch gelingt die Täter aufzuspüren.

In seltenen Momenten fühlt man sich an FARGO erinnert. Ein guter Film, voll mit ganz vielen tollen Bildern und Einfällen – zugleich etwas unausgegoren. Irgendetwas stimmt hier nicht ganz – was manche Kollegen zu Buhrufen hinriss. Völlig unangemessenen, wie ich meine.

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Egoyans Kino ist seit jeher ein Fetischkino. Die Räume und Gegenstände sind deutlich designed, wie die Ideen. Die Frauen sehen ein bisschen zu gut aus, um wahr zu sein. Sie alle entsprechen wenn man so will auch einer Männerphantasie – es sind „little lost girls“ im Inneren, kleine verlorene Mädchen. Das gilt gar nicht so sehr für Cassandra (Alexia Fast), die erstaunliche Souveränität und Abwehrpotentiale im Umgang mit ihrem Entführer an den Tag legt. Aber für die Mutter Tina (Mereille Enos), und auch für Rosario Dawson als Polizistin und Christine Horne als weiblichen Gangster.

Die sagt, als sie die von Dawson gespielte Polizistin mit K.O.-Tropfen ausschaltet und entführt den schönen Satz: „From one professional to another: I wish I’d met someone like you, when I was a little girl.

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„Verstoßen sei auf ewig,/ Verlassen sei auf ewig,/ Zertrümmert sei’n auf ewig / Alle Bande der Natur“

aus: DIE ZAUBERFLÖTE

Darüber werden wir weiter nachdenken an den nächsten Tagen.

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