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Der brasilianische Dokumentarfilm SONGS (AS CANÇÕES) des mittlerweile fast 80-jährigen Regisseurs Eduardo Countinho ging mir tiefer unter die Haut als alle Dokumentarfilm und die meisten Melodramen, die ich jemals gesehen habe. Das Konzept ist simpel: im Hintergrund ein schwarzer Vorhang, im Vordergrund ein schwarzer Holzstuhl, in dem im Laufe des Films 18 Menschen Platz nehmen, ein brasilianisches Volkslied singen und die Geschichte erzählen, die sie damit verbinden. Die Wirkung ist jedoch komplexer und persönlicher, als Worte es fassen können. 18 lebensverändernde oder einfach nur einprägsame Momente und Situationen in den Leben der interviewten Menschen entfalten sich in den Landschaften ihrer Gesichter und Stimmen und spiegeln sich in den Lyrics der Lieder, die sie vortragen. Und ich fand es schlichtweg berührend,

…dass das Singen eines Liedes alte Wunden aufreißen kann, die man für verheilt gehalten hat.

…dass man weiterlebt und lacht und singt, wenn man „the whole package“ verloren hat.

… dass Lieder durch die Erinnerungen wichtig werden, mit denen sie verknüpft sind.

…wie selbstverständlich man verlorene und nie verschmerzte Lieben akzeptieren und über sie sprechen kann.

… dass ein alter Mann bereut, ein Macho gewesen zu sein, ohne dass es jemals negative Konsequenzen für ihn hatte.

… eine 82-jährige Frau zu sehen, die mit dem Sex-Appeal, Charme und Witz ihrer Jugend vibriert.

…dass ein Mann bei einer schönen Kindheitserinnerung an seine Mutter in Tränen ausbricht, obwohl seine Mutter noch lebt.

…zu erleben, was Billie Holiday meint, wenn sie sagt, dass es nicht nur auf die Stimme ankommt, sondern auch darauf, den Song zu fühlen.

…das Glitzern in den Augen einer alten Frau zu sehen, wenn sie ihre einstige Schönheit beschreibt.

…dass der Mann mit der größten Macho-Attitüde und den größten Jesus-Plattitüden den weisesten Satz des Films sagt.

…that some songs just stick with you.

…dass ich so viele abgefahrene Lebensgeschichten auf einen Schlag gehört habe.

…dass ich nach dem Film hätte weinen können, ohne genau zu wissen warum.

 

Bild-Copyright: Video Films