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Ein Mann in der Krise

von | 10 Aug 2015 | Locarno 2015 | 0 Kommentare

Romantik und Realismus, schwarz und weiß: Antoine Fuquas großartiger Film SOUTHPAW

Man erkennt ihn kaum: Das Gesicht blutunterlaufen und dick geschlagen, von Blut, Schweiß und Tränen gezeichnet – Freudentränen allerdings: Denn die Hauptfigur dieses Films, der Box-Champion, der hier recht plakativ Billy Hope (also „Hoffnung“) heißt und gerade, in den ersten Minuten dieses Films, im New Yorker „Madison Square Garden“ den Weltmeistertitel gewinnt, natürlich in der Schwergewichts-Klasse, diese Figur wird von Jake Gyllenhaal gespielt. Jenem Gyllenhaal, der als dünner pubertärer „Donnie Darko“ zum Teeniekultstar avancierte und der vor Jahresfrist als „Nightcrawler“ zart, androgyn und fast magersüchtig aussah. Nun hat sich der Darsteller in ein von Tattoos übersähtes Muskelpaket verwandelt, einen Gladiator unserer Tage, der sich wie ein wilder Stier schnaufend und prügelnd über den Boxring bewegt. Sein Gegner hat kaum eine Chance, Billy triumphiert – ein uramerikanischer Held, der alles geschafft hat, was er schaffen wollte, der das Leben eines reichen Spießbürgers führt und aus vollem Hals genießt: mit hübscher Frau, goldiger Tochter, schicker Villa, schnellen Autos, Bündeln voller Dollars… weil er sich durchgesetzt hat. Von nun an geht’s bergab.

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Es dauert gerade eine gute halbe Stunde im Film, da hat er alles verloren: Geld, Autos, WM-Titel, vor allem seine Frau Maureen (Rachel McAdams), und bald auch das Sorgerecht für Tochter Leila (Oona Laurence). Genau dieses letzte, was ihm geblieben ist, die Achtung des Kindes und die Selbstachtung, motiviert ihn dazu nicht aufzugeben, und sein Comeback zu versuchen: Als Mensch, als Vater und als Boxer.

Der Film läuft auf der Piazza Grande vor immerhin noch über 3000 Zuschauern, an zweiter Stelle nach DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER und von Beginn an ahnt man, worauf dieser Film hinausläuft: Ein Boxer will zurück an die Spitze. Und er wird es schaffen. Aber darauf kommt es nicht an. Denn die eigentliche Geschichte ist die eines Mannes, „des“ Mannes in der Krise.

Billy Hope ist nur der Prototyp eines grundsätzlichen Phänomens, das viele Menschen derzeit beobachten: Die Krise des Mannes im Westen, gerade des jungen Mannes. Denn die Welt, in der diese normale junge Männer heute aufwachsen, ist anders, als sie es lange gewesen ist: Frauen verdienen ihr Geld selber, der Krieg ist geächtet, und im Zivilleben sollen Männer Windeln wickeln, einfühlsam sein, und von selber den Müll runter bringen. Auch sonst sind ihre einst vertrauten Umgebungen einem radikalen Wandel unterworfen: In den Fabriken regieren die Computer, das Handwerk erledigen 3-D-Drucker, und Autos werden bald per Autopilot ferngesteuert über die Autobahnen brausen. Muskelkraft zählt im Zeitalter der Smartphones nur noch im Sport. Was passiert, wenn man auch da noch versagt, wenn man(n) am Boden liegt?

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Genau davon handelt SOUTHPAW. Antoine Fuqua ist seit jeher ein Regisseur, der – von seinem exzellenten Debüt TRAINING DAY bis hin zu dem übernordenden Mafia-Thriller THE EQUALIZER – in seinen Filmen das untersucht und infrage stellt, was als „typisch amerikanisch“ gilt. Fuqua ist gleichzeitig kritisch und realistisch, pathetisch und romantisch. Er ist ein Regisseur der Männlichkeit in deren sehr traditionellem Verständnis. Das heißt, es geht ihm um Muskeln, Machismus, um Härte und Gewalt. Fuqua will das alles gar nicht blind verherrlichen, aber das ist es, was ihn interessiert, und es gehört zu Fuquas Stärken, dass er als Künstler konsequent ist, und auf seine Instinkte hört. Moralische Verurteilung perlt insofern an seinen Filmen ab – darin ähnelt er etwa Sam Peckinpah oder Don Siegel, jenen anderen großen Unabhängigen und Regisseuren amerikanischer Männlichkeit.

Das Drehbuch zu SOUTHPAW stammt von Kurt Sutter, der noch nie ein Filmscript verfasst hat, dafür aber die Vorlagen für die kultige Motorradgang-Serie SONS OF ANARCHY, ein weiteres Macho-Melodram, das man nicht im Sinne des Realismus ernst nehmen muss, das hingegen von seiner Überhöhung lebt.

Wie diese Serie und wie die meisten bisherigen Filme Fuquas handelt es sich bei SOUTHPAW um eine herrlich exzentrische, unverstellte Jungs-Phantasie zwischen Erlösung und Ego-Trip.

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Es gibt großartige, exzellent choreographierte Kampfszenen, es gibt wunderschöne ruhige, sensible Momente, es gibt einen Nebendarsteller wie Forest Whitaker, der den alten Trainer spielt, der Billy für den Revanchekampf in Las Vegas fit macht. Vor allem aber ist dies ein großartiger, nicht nur physisch fordernder Auftritt von Jake Gyllenhaal, der dem entehrten Champion, der sich a la „Rocky“ seinen Weg zurück zur Spitze erkämpfen muss, viele Facetten gibt.

Noch mehr als das ist dies aber ein Film, der auf interessante, ungewöhnliche Weise zwei Elemente verbindet, ohne sie miteinander zu verschmelzen: SOUTHPAW ist realistisch, wenn es um die Brutalität der Kämpfe geht, und wenn er zeigt, wie wichtig Hautfarbe im Amerika der Gegenwart ist. Es spielt eben eine Rolle, dass Billy Weißer ist, und sein Trainer ein Schwarzer – wie übrigens auch der Regisseur.

Dagegen ist SOUTHPAW romantisch in seinem Blick auf die Boxszene. Boxen ist hier kein korruptes, manipuliertes Geschäft, sondern noch so etwas wie ein ehrenwerter Sport. So ist dieser Film handwerklich ausgezeichnetes Unterhaltungs-Kino, voller Action, Starglamour, meisterliche Pulp-Fiction, zugleich ein klassisches Box-Drama, voller mythischer Subtexte, eine grandiose Fabel über die Widersprüche amerikanischer Männlichkeit – ein verräterischer Film über das Innere und das Unterbewusste Amerikas. Mindestens.

Rüdiger Suchsland aus Locarno

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