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„Spring Breakers“ in Rio, De Palma in Warschau…

von | Sep 11, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

MATE-ME POR FAVOR

11 MINUTES

KLEZMER

Jerzy Skolimowski will doch nur spielen, und wer selber keinen Spaß hat, macht auch keine guten Filme

Das Festival von Venedig hat einen merkwürdigen Zeitrhythmus. Am Wochenende vergeht die Zeit sehr langsam. Mehrfach dachte ich, es sei schon Sonntag, aber es war erst Samstag, oder Ähnliches. Ab Dienstag aber geht dann alles sehr schnell, und an diesem Donnerstagmorgen kommt schon erste Abschiedsstimmung auf, obwohl das Festival doch noch ein paar Tage geht. Der gestrige Mittwoch war in gewissem Sinn der spannendste Tag bisher: Es war der Tag mit den zwei besten Filmen bisher und den zwei schlechtesten Filmen des Festivals.

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„Spring Breakers“ in Rio de Janeiro – der brasilianische Film MATE-ME POR FAVOR von Anita Rocha de Silveira ist ein Highlight der wichtigsten Nebensektion „Orrizonti“. Eine Handvoll 15-jähriger Freundinnen in einer Trabantenstadt von Rio. Sie erleben die üblichen Dinge mit Jungs, Eltern, Klassenkameraden und miteinander. Wir folgen ihnen durch Partys und Schule, bei Tag und bei Nacht. Nachts geht ein Killer um, dem junge Mädchen zum Opfer fallen. Zunehmend dringt er über soziale Netzwerke, die Geschichten der Opfer und über die bizarre Faszination, die die brutalen Gewaltakte auf die Teenager ausüben, immer mehr ins deren Leben ein.

Ein Mann hätte diesen Film nie machen dürfen: Zu hübsch sind die Mädchen, zu fetischistisch und verführerisch ihre Inszenierung, und was über sie erzählt wird und was sie tun, das finden bestimmt ganz viele eine „reine Männerphantasie“. Nur, dass die hier von einer Frau stammen. Klar, eine gendertheoretisch aufgeklärte FilmkritikerIn wie ich weiß natürlich, dass das gar kein Grund ist, dass es sich nicht doch um eine Männerphantasie handeln könnte. Vielleicht stimmt es ja aber auch, und die Regisseurin erzählt – wie sie angibt – einfach von Erlebnissen ihrer eigenen Jugend.

Das Thema von MATE-ME POR FAVOR – Erwachsenwerden von ein paar Schülerinnen- und seine Handlung, auch der Hintergrund der brutalen Mordserie, sind hier gar nicht die Hauptsache: Es ist die Erzählweise, die mit Ruhe und Sorgfalt den Kosmos von 15-Jährigen ebenso entfaltet, wie dessen Absurditäten. Anita Rocha de Silveira erzählt emotional, sie erzählt von Erfahrungen und Ängsten und Faszinationen, und sie tut dies direkt, unmittelbar, auch mit sanfter Ironie. Die Bilder sind oft ruhig, aber nicht langsam. Sie zeigen immer etwas Neues und sie erzählen mehr, als sie zeigen. Zugleich lebt der Film von seinen völlig unbekannten, sehr begabten und wie gesagt besonders hübschen Hauptdarstellerinnen: Valentina Herszage, Mari Oliveira, Júlia Roliz, Dora Freind.

MATE-ME POR FAVOR ist trotz seiner mitunter cleanen Bilder ein perfektes Beispiel für die Kunst, das Erzählen dreckig zu machen. Unnötig zu sagen, dass das seiner Schönheit keinen Abbruch tut.

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Ein Polizist frisch verheiratet, der auf seine Frau eifersüchtig ist. Eine Schauspielerin. Ein Schüler, der ein Verbrechen plant. Ein ehemaliger Professor, der im Gefängnis war und jetzt Hot Dogs verkauft. Eine Schwangere. Ein Drogendealer, der auf dem Motorrad zu seinen Kunden fährt. Eine Psychopathin mit Schäferhund. Eine Nonne. Ein Fensterputzer. Eine Ärztin. Ein Regisseur. Ein Hotelportier. Und viele andere. Deren Schicksal wird vernetzt in diesem Film, der 81 Minuten dauert, aber nur von 11 Minuten erzählt.

Am Himmel zeigt sich ein sonderbarer schwarzer Punkt, genauso wie auf einem Computerbildschirm als Pixelfehler, wie auf einem Gemälde als Tuschefleck. Genauso wie ein landendes Flugzeug, das bedrohlich niedrig scheinbar mitten durch Warschau anfliegt und eine Taube, die irgendwann durchs Fenster flattert und gegen einen Spiegel kracht, ist er Vorschein der kommenden Katastrophe.

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Der Pole Jerzey Skolimowski (ESSENTIAL KILLING), der für mich der unpolnischste Regisseur ist, den ich kenne. Ein Outsider, dessen Sachen sind das Gegenteil von Waijda und seinen Schülern sind, bewegt sich hier auf den Spuren Brian De Palmas. Das könnte einem auch so klar sein, wurde aber verstärkt durch die Premiere von Noah Baumbachs neuem Film. Der ungemein kreative New Yorker (FRANCIS HA), hat nach mehreren Spielfilmen jetzt einen Dokumentarfilm gedreht: DE PALMA entstand zusammen mit Jake Paltrow, und widmet sich dem interessantesten US-Regisseur der letzten Jahrzehnte. Der Italoamerikaner Brian De Palma (DRESSED TO KILL, SCARFACE) wird in diesem Jahr am Lido für sein Lebenswerk geehrt. „De Palma ist ein echter Autorenfilmer, und seit den Siebziger Jahren einer der innovativsten Regisseure, die ich kenne“ erklärte Baumbach zur Begründung. Er und Paltrow haben sich mit De Palma in den vergangenen zehn Jahren immer wieder zu Interviews getroffen, „es waren für mich enorm bereichernde Gespräche, auch wenn ich selber ganz andere Filme mache“, so Baumbach.

Wenn man jetzt das Ende von 11 MINUTES gesehen hat – eine Frau stürzt aus einem Fenster, der Mann kann sie noch halten, dann nicht mehr, ihre Blicke begegnen sich, ihre Hände lösen sich, ein Schweißtropen fällt von ihm auf sie, als die Finger sich schon nicht mehr berühren, sie sich aber noch in die Augen sehen, das alles in Super-low-Motion gedreht – dann kann man nicht anders, als an De Palma denken. Und wie De Palmas Werk missverstehen auch Skolimowski manche als „kalt“ und „zynisch“, wo er doch nur Realist ist, und auch seinen Spaß haben will.

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Skolimowski ist Existentialist. Er erzählt vom Leben als Vorlaufen zum Tode. Denn es ist schnell klar, dass all diese erwähnten Menschen und einige andere in 11 MINUTES miteinander verwoben werden, dass ihre Leben sich kreuzen werden: Die Schauspielerin ist die Frau des Polizisten. Sie geht zum Casting eines amerikanischen Regisseurs in ein Luxus-Hotel. Ihr Mann folgt ihr. Skolimowski nimmt sich zunächst viel Zeit, verdichtet dann immer mehr bis zu einem absurden Finale, bei dem durch einen Unfall und eine Kettenreaktion, die verschiedenste Ereignisse verbindet, die meisten der Erwähnten ums Leben kommen – von Skolimowski genüsslich im Wechsel aus Schnittgewittern und Zeitlupe erzählt.

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Skolimowski ist auch Witzbold und Hysteriker. Und so sind seine Filme. 11 MINUTES ist reines Hysteriekino, und die Männer sind hier noch hysterischer als die Frauen. Alles ist ein bisschen over the top, alles bleibt zugleich fast realistisch, wobei es natürlich ungemein konstruiert ist. SHORT CUTS, aber ohne die Gelassenheit und den Swing Altmans. Doch selbst in SHORT CUTS, remember, gibt es am Ende ein Erdbeben.

Bis es zum Finale kommt werden wir Zeuge eines Sittenbildes: Der Regisseur zeigt uns fast ausschließlich Menschen, die in irgendeiner Form sündigen, oder gesündigt haben, die lügen, betrügen, Drogen nehmen, eigensüchtig sind, narzißtisch. Eine Ausnahme bilden drei Nonnen am Hot Dog Stand. Man hat hier aber nie den Eindruck Skolimowski wolle verurteilen. Ihm geht es eher um einen illusionslosen Blick auf die Dinge, um ein sarkastisches „so ist das Leben.“ Dazu gehören auch schlechte Witze: Der Regisseur, der es offenkundig auf die sexuellen Reize der Schauspielerin abgesehen hat, stellt sich vor mit dem Satz: „My name is Richard. But you can call me Dick.“ Ein Kellner, der Essen bringt, nascht im Aufzug von dem Teller. Und so fort.

Es geht dabei auch um „große Themen“: Geburt und Tod, Eltern und Kinder, Liebe. Sie werden aber gebrochen: Ein Selbstmord durch Sprung von einer Brücke, der sich im nachhinein als Filmstunt entpuppt. Eine Ambulanz, die zunächst einmal von Holligans in eine Schlägerei verwickelt wird.

Ein zentrales Mittel Skolimowskis ist dabei die Wiederholung einzelner Szenen oder ihrer Teile, oft aber nicht immer aus anderer Einstellung. Das Ergebnis ist neben Verdichtung die Multiperspektivität. Das die Montage excellent ist muss man da kaum dazusagen.
Die Tonspur ist großartig. Auffallend, wie viele Filme in Venedig dieses Jahr den Ton als Mittel wiederentdecken und aufwerten.

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11 MINUTES ist ein Film über die Macht des Zufalls. Immer wieder erlebt man beim Zuschauen ein „fast“! Fast wäre der Junge ausgestiegen, fast wäre das Motorrad losgefahren.

Man kann trotzdem Schuldfragen stellen: Wer hat Schuld an der Katastrophe? Der Hotelportier mal wieder, weil er einem gestressten Mann aus übertriebenem Sicherheitsverständnis nicht eine Zimmernummer verrät, und dadurch zu einer Panikreaktion treibt. Die Firma, die ein Geländer nicht richtig montiert hat, wodurch zwei Personen aus einem hohen Stockwerk herabstürzen, und im Fallen… Skolimowski zeigt uns, dass solche Überlegungen ins Nichts führen und sinnlos sind.

Am Ende wird die Musik immer schneller und lauter, das letzte Bild immer kleiner, löst sich in ein Bild von einer Überwachungskamera auf, das neben vielen Bildern steht, und diue Leindwand zeigt erst die 4×4, 8×8, 12×12, und irgendwann ist es in einem Bilderrauschen nur noch rechts oben ein kleiner schwarzer Punkt…

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Einmal mehr also ist ein Film von Jerzy Skolimowski purer Rock n‘ Roll. Der Regisseur zeigt Kino als hysterische Schicksalsmaschine, und hat zugleich offenkundig viel Spaß gehabt. „He fools you, he fucks with you“, sagt Richard Lormand, einer der sympathischsten Presseagenten, direkt nach der Vorführung. Stimmt! Zwar ist das alles irgendwie auch nur ein Joke, aber ein genialer. Und vor allem ist es pures Kino. Skolimowski erinnert uns daran, was wir zu oft vergessen, was Kino am Ende wirklich ist: Manipulation, Fetischismus, Schönheit.

Wahrheit auch, aber im Kino geht es um eine Wahrheit anderer Art.

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Kann man sagen: Wer selber keinen Spaß hat, macht auch keine guten Filme? „No“ antwortet Nil aus Istanbul, die diesmal in unserer Festivalwohnung wohnt. „Or do you think Tarkowski used to have fun?“

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Einen ganz anderen Ton schlägt KLEZMER an, ein polnischer Film über die Zeit während der deutschen Besatzung 1939 bis 1944 und die bis heute andauernde Verdrängung der polnischen Beteiligung und Mitschuld an der Shoa. In der Theorie klingt das erstmal ganz gut: Regisseur Piotr Chrzan erzählt in seinem Debüt, das in der Sektion „Gionate degli Autori“ Premiere hat, von einer Gruppe junger Polen. An einem Sommertag 1943 hoffen sie Krieg und Leid für ein paar Stunden verdrängen zu können. Sie gehen im Wald spazieren, sammeln nebenbei Feuerholz. Da werden sie Zeugen eines Massenmords an polnischen Juden… Chrzan erzählt im Katalog von einem erschütternden Kindheitserlebnis: „Als Kind spielte ich irgendwann mit anderen im Garten hinter einem großen Haus in unserer Nachbarschaft. Wir tollten herum, als irgendwann unsere Nanny rief: ‚Lauft da nicht rum, dort haben sie die Juden vergraben!‘ Sie erzählte uns, die polnische Polizei habe sie an einem Sommertag erschossen. Diese Tatsachen, bizarr-faszinierend für ein Kind, ließ mich nicht mehr los. Ausgehend von dieser Erinnerung, wurde mein Film KLEZMER geboren.“

Klingt gut, wie gesagt: Im Ergebnis eine weitere dröge Sadismusübung, prätentiös und hässlich und in seiner Haltung gegenüber dem Shoah-Thema reinste Exploitation. Wichtig höchstens für die Polen, aber die werden’s nicht angucken.

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Die zwei schlechtesten sind schnell benannt. Am Wettbewerbsfilm DESDE ALLA / FROM AFAR von Lorenzo Vigas ist vor allem bemerkenswert, dass es der erste Wettbewerbsbeitrag aus Venezuela ist. Ansonsten weiß man nach fünf Minuten, dass man es mit einem typischen Vertreter des prätentiösen, mit Stille und Vagheit arbeitenden Kunstkinos zu tun hat, das heute Mode ist. Ein Mann, von hinten gefilmt, holt sich Jungs aus armen Schichten aufs Zimmer, die sich gegen Geld ausziehen, wozu er masturbiert.

Nach zehn Minuten wissen wir, dass der etwa Fünfzigjährige Zahntechniker ist, und mit seinem Vater schwere Probleme hat, möglicherweise von ihm missbraucht wurde. Er hat so eine heftige Wut auf ihn, dass er dem Papa den Tod wünscht (Merke: Wer schwul ist, und sich Jungs kauft, wurde missbraucht.) Nach 15 Minuten hat er einen jungen Automechaniker auf dem Zimmer, der ihn zuerst einmal zusammenschlägt und ausraubt. Worauf beide sich bald anfreunden, und eine Art Liebesverhältnis entwickeln, das aber immer von dem Klassenunterschied und der ökonomischen Abhängigkeit geprägt bleibt. Der junge Mann sucht Liebe und Respekt, und tötet irgendwann den Vater des Älteren, um ihm eine Freude zu machen. Der Ältere verrät den Jungen zu seiner Überraschung der Polizei. Merke: Klasse ist stärker als Liebe. Merke auch: Manchmal macht das Wünschen glücklicher, als die Wunscherfüllung.

Das alles ist erzählt als sadomasochistisches Kammerspiel in quälenden Längen und Lakonien, in seiner Haltung dem Zuschauer gegenüber sadistisch, zudem unglaublich konstruiert und auch deshalb sehr vorhersehbar.

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Paolo Luigi De Cesare kenne ich seit Jahren. Man trifft sich immer nach den Filmen an der „Maleti“-Bar, die in den letzten zwei Jahren langweiiger und schlechter geworden war, die das aber offenbar selbst gemerkt hat und sich diesmal erkennbar Mühe gibt, nett zu sein, und ihren Gästen das Gefühl der Wertschätzung zu geben.

Heute sind Paolo und ich uns zufällig im Palazzo del Cinema über den Weg gelaufen. Paolo sitzt in diversen Filmkommissionen, kennt Gott und die Welt, zumindest in Italien, und leitet die Docservice Factory in Turin. Er nennt sich einen „Economiste de Festival“, er meint, er verstehe nicht viel von Filmen, aber viel davon, wie man sie verkaufen kann. Und es dauerte nicht lang, da entwickelte er nach wenigen Minuten seine These von der „Krise des Kinos, das für Festivals wie dieses produziert wird.“ „Dass liegt daran“ meint er, „dass die Filmemacher Angst vor Crossmedia haben.“ Man habe Angst sich die Hände schmutzig zu machen, und sich mit den „Wiki-Techniken“ zu befassen. „Weil Regisseure nicht unlinear arbeiten wollen.“ Interessante These.

Ich empfehle ihm den neuen Film von Skolimowski. Das ist ein unlinearer Film par excellence. Nimmt man nur diesen Film, dann zumindest kann von einer Krise des Festivalkinos keine Rede sein.

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