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Eine Begegnung mit Jean-Claude Carriere, Afrikaner in Brüssel und Mädchen in Argentinien
San Sebastian-Blog, Folge 3

„A good film is like a stone in your shoe.“ – das ist wieder so einer jener Sätze von Lars von Trier, die man sich merken kann. Zitiert hat ihn Liz Miller, ein britische PR-Agentin, die den Job schon so lange macht, dass sie nichts mehr erschüttern kann. Schon gar keine schlechten Filme. Heute morgen managte die das Interview, dass mir Jean-Claude Carrière, der berühmte Drehbuchautor, gegeben hat – ausgerechnet an seinem 80. Geburtstag. Warum er da auf ein Festival fährt, kann er gut erklären: „Ich habe eigentlich zwei Geburtstage. Meine sind überzeugt, dass ich am 19.9. geboren bin. Aber der Standesbeamte war betrunken, und hat sich verschrieben. Darum steht in allen offiziellen Papieren, ich sei am 17. geboren. Darum habe ich schon vor zwei Tagen gefeiert.“ Dann fügt er noch hinzu: „Und wenn ich dann irgendwann mal tot bin, habe ich noch zwei Tage gut.“ Und lacht.
Carrière begann mit Bunuel, später arbeitete er unter anderem für Godard, Truffaut, Haneke und viele mehr. Unterbrochen von Geburtstagsanrufen erzählte er davon, dass er den Tod nicht fürchte – „Ich habe meinen Lebensweg zwischen Krebserkrankungen und Schlaganfällen beschritten. Wenn man von beidem verschont bleibt, wird man alt. Aber viele meiner Freunde sind tot. Das ist das Häßlichste am Alter.“

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Als Videokünstler ist Nicolas Provost schon länger berühmt und mehrfach preisgekrönt. Mit The Invader hat er nun seinen ersten Spielfilm gedreht. Für einen Erstlingsfilm ist er allemal beachtlich. Die Bilder sind ebenso besonders, wie die Auswahl der Musik. Zugleich sind aber auch die Manierismen unübersehbar, und der grundsätzliche Ästhetizismus erscheint leer. Wie auch der Schönheitsbegriff des Films. Schon in der ersten Szene, die an einem französischen Nacktbadestrand spielt, an dem eine Gruppe erschöpfter afrikanischer Boat-People, gleichfalls nackt, ankommt, zeigt Provost ausschließlich reine, saubere, „schöne“ Körper. Und dass die Frau, die da auf einen Ankömmling zugeht, wie eine Aphrodite auf Paris, Provosts Freundin ist, ein Model, das jetzt an seine Filmkarriere glaubt, macht die Sache nicht besser.
Viel zu lange verwendet der Regisseur zu den Credits den Kaleidoskop-Trick, das Bild in der Mitte zu splitten, zur Begründung führt er an, dass sei des Neuankömmlings, des Flüchtlings Amadous Blick in die Vulva jener Frau – naja…
Insgesamt ist alles ein bisschen sehr ausgedacht, und nur eine kurze Weile ok. Eine Art „Brüssel Decadence“ mit Sex am meterhohen Hochhaus-Fenster. Die Sets sind schön, Momente auch, aber insgesamt ist die Geschichte des naiven Schwarzen, der unverdrossen an sein Glück glaubt, bis er zunehmend wahnsinnig wird, ein ziemlicher Quatsch. Der mir auch ein bisschen rassistisch vorkommt. Wie Leni Riefenstahl in ihren Nuba-Bildern zeigt der Film reine Schwarzenkörper – Reichsparteitag in Afrika.

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Natürlich sehen sich auch renommierte Filmfestivals wie dieses einer Menge offener Fragen und einer generell unsicheren Zukunft ausgesetzt: Wie sollen sie sich in kommenden Jahren finanzieren? Fast alle Festivals, nicht zuletzt große – man denke nur an die Berlinale – sind längst nicht mehr rein öffentliche, das heißt mit öffentlichen Geldern finanzierte Veranstaltungen. Private Gelder scheinen inzwischen unentbehrlich geworden. Aber auch solche Gelder fließen nicht umsonst – im Gegenteil. Nicht anders als die Kulturministerien, wollen auch private Geldgeber Gegenleistungen sehen, und im Gegensatz zu den Kulturbehörden haben sie wenig Interesse an so altmodischen Dingen wie – oho – „Bildung“, oder – also wirklich – „Erziehung“ des Publikums, oder gar – das kann man nun wirklich nicht mehr sagen – „der Verbesserung des Menschengeschlechts“. Der Grundsatz „Wer zahlt, schafft an“ gilt hier also eher noch mehr. Private Gelder sind also für Festivals in der Regel teurere Gelder, als die öffentlichen.
Das dies trotzdem kaum thematisiert wird, liegt gewiss auch daran, dass kein Festival-Direktor auf diese Gelder verzichten will – aber es liegt auch an der öffentlichen Kürzungspolitik und dem öffentlichen Druck, Steuergelder mit privatem Geld zu ergänzen. Eigentlich aber müsste der Grundsatz gelten, auf die privaten Geldgeber, die durch ihre Beteiligung in den meisten Fällen die Kultur, die sie mitfinanzieren, zerstören, zu verzichten.
Die Kulturpolitik sollte den öffentlichen Raum zurückerobern; und die privaten Pharisäer verjagen.
Ungeachtet aller Probleme wächst die Bedeutung von Festivals wie San Sebastián fürs Autorenkino und unabhängige Filmemacher noch immer weiter. Oft genug sind sie inzwischen der einzige Ort, an dem normale Zuschauer überhaupt neue Filme jenseits des in jeder Hinsicht begrenzten Industriekinos sehen können, und sich innere Zusammenhänge und Tendenzen des Weltkinos erschließen.

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Ein großartiges Beispiel hierfür ist Abrir puertas y ventanas von der argentinischen Regisseurin Milagros Mumenthaler. Sie ist eine Vertreterin jener neuen Generation junger Regisseure, die sich wieder etwas unbefangener dem Erzählkino zuwenden, dabei doch ans klassische Autorenkino anknüpfen, ohne dessen Manierismen zu verfallen. In ihrem Film, der in Locarno im Wettbewerb lief und als erster argentinischer Film den Goldenen Leopard gewann, geht es um drei Schwestern im Buenos Aires von heute. Sie leben gemeinsam in einer Villa mit Garten, vielen alten Möbeln und überladenem Dekors. Das Haus gehörte der Großmutter, bei der die Mädchen offenbar aufwuchsen und die kürzlich verstorben ist – aber so ganz genau weiß man vieles nicht. Abrir puertas… ist ein Film in der Schwebe, der seine drei Figuren mit viel Anteilnahme beobachtet. Meist bleibt die Kamera im Haus, allenfalls bis in den Garten oder an die Pforte der Nachbarn wagt sich der Blick – eine Metapher für die Gemütslage der Schwestern, die in einer seelischen Klaustrophobie erstarrt sind. Es passiert so viel wie in Tschechows Drei Schwestern. Ähnlich wie dort konzentriert man sich auf die innere Dynamik, ähnlich wie dort entpuppt sich die Familie als Terrorzusammenhang der Selbstzerfleischung, ähnlich wie dort treiben der Ennui und ungestillte Sehnsüchte seltsamste Blüten. Das Haus ist eine alte Welt, ein altes Haus mit vielen alten Möbeln, und peu à peu räumen die dieses Haus auch leer, schaffen die Möbel weg, am Schluss sind die Wände ganz weiß. Das ist ein wunderschön gemachter Film mit ziemlich viel Witz. Der Unterschied liegt im femininen Blick auf die Welt – und in seiner reifen, satten Mädchenhaftigkeit wie in der überaus originellen Musikauswahl wirkt der Film wie ein fernes Echo auf Sofia Coppolas The Virgin Suicides. Zugleich muss man das Geschehen, die Gespräche um eine mögliche Adoption der einen Schwester und die Abwesenheit der Eltern, auch auf Argentiniens jüngste Geschichte, die Vergangenheit der Diktatur beziehen: Hunderte von Kindern von unter der Diktatur ermordeten Eltern wurden dort einst anonym zur Adoption freigegeben, andere wuchsen bei ihren Großeltern auf. Die Regisseurin weiß, wovon sie spricht, sie musste einst selbst mit ihren Eltern emigrieren.
Der Typus, den Mumenthaler ins Zentrum rückt, ist der von verträumten, dabei bis zum Zynismus pragmatischen und bis zur Absurdität ernsten, trotzdem vage romantischen jungen Mädchen – ein universelles Gegenwarts-Phänomen? Jedenfalls ist Abrir puertas y ventanas ein Film, der bei aller konkreten Beobachtung auch ein Geheimnis besitzt und in den Gedanken des Zuschauers lange nachhängt: Ein klaustrophobisches Beziehungsdreieck im Geist Tschechows. Die Regisseurin erzählt offen, vieles bleibt angedeutet, ist dabei aber nie unpräzise.

Hier finden Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus San Sebastián.