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Der Tod ist einer der wichtigsten Momente im Werk des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda. Er macht das tragische Ende in Nobody Knows aus, er ist das Selbstopfer in Air Doll, nachdem die Hoffnung auf den Aufstieg über die eigene Kondition hinaus verblasst, er wird zum Anlass für das Treffen der Familie in Still Walking, aber auch für ihre Dysfunktionalität.

Nicht anders als in den anderen Filmen des Regisseurs ergibt sich dieser Moment aus einem Zusammenspiel von Umgebung des Charakters und Entscheidung. Junpei, der älteste Sohn der Familie Yokoyama, hat einem Jungen das Leben gerettet und ist dabei selbst gestorben. Jährlich kommt die Familie zum Todestag des Sohnes zusammen, jährlich muss der gerettete Junge ihre Einladung honorieren und für den Verlust, der sein Weiterleben ermöglichte, den Preis der Gefühle bezahlen.

An einem einzigen Tag spielt der Film und doch sind die Charaktere so präzise gestaltet, dass man ihn als Familiensaga bezeichnen kann. Ein Familienvater, der mit seiner Sippe nichts anzufangen vermag, eine konservative Familienmutter, die, auch wenn auf indirektere Art, mit ihren Nachkommen ebenso grob ist wie ihr Ehemann, eine Tochter mit Ehemann und zwei Kindern, die sich schon als Bewohner des väterlichen Hauses sehen und ein Sohn, der seine Eltern von klein auf immer wieder durch seine Lebensentscheidungen enttäuschte, zuletzt durch die Heirat mit einer Witwe und Mutter eines zehnjährigen Sohnes – dieses sind die Figuren, die den Zuschauer für zwei Stunden effektiv in die Welt des Films mitreißen.

Hirokazu Kore-edas Kunst besteht darin, diese Verführung des Zuschauers sehr subtil, sehr beiläufig zu erzwingen, über einfache Momente wie Kochen, Spaziergänge oder kleine belanglose Gespräche, die zwar wenig die Vergangenheit dieser Familie aufdecken, dafür aber in ein häusliches Universum einladen. Kleine Geheimnisse werden verhüllt oder entlüftet, Konflikte werden ausgelöst oder vermieden und jeder der Charaktere bekommt seinen eigenen Moment mit dem Publikum. Gerade der Verzicht auf diese Fokussierung auf einige der Protagonisten kartographiert die Enge der Räume im väterlichen Haus, die, wie immer bei Hirokazu Kore-eda, im Gegensatz zu den freien Momenten draußen vorgestellt wird. Während Nozomi (Air Doll) und Akira (Nobody Knows) draußen ihre Momente des Glücks, ihre Freiheit genossen, wird in Still Walking die Natur der Ort der ehrlichen Gespräche zwischen den Protagonisten, das Reich der Entstehung einer trostlosen Hoffnung auf harmonisches Miteinander. Denn schließlich ist die Familie ein universeller Exponent, und eine Versöhnung erfolgt, wie der Titel des Films betont, nur im geschichtlichen Rahmen, in der ritualisierten Wiederholung gemeinsamer Momente über mehrere Generationen.

Eine wichtige Rolle bei der Stimmungserzeugung spielt die sehr dezent eingesetzte Musik, die sogar einen diegetischen Moment in der Handlung bekommt, um ihre Kraft zu entfalten. Doch vordergründig ist der Alltag das, was Still Walking ausmacht: Die kleinen Streitereien und Versöhnungen, die Anekdoten und die Unterbrechungen der Gespräche, der Lärm, den die Kinder mit ins Haus bringen – alles trägt zusammen dazu bei, dass einzigartige Momente eines sehr intimen Realismus entstehen.

Still Walking / Aruitermo Aruitermo
R: Hirokazu Kore-eda
D: Yui Natsukawa, Hiroshi Abe, Yoshio Harada, Kiki Kirin
Japan, 2008, 114 Min
Kool Filmdistribution

FSK: 0.
Kinostart: 19.11.2010