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THE LOOK OF SILENCE, Copyright: Lars Skree

THE LOOK OF SILENCE, Copyright: Lars Skree

Klein, zusammengekrümmt wie ein Embryo, eingefallene Wangen und geschlossene Augen: THE LOOK OF SILENCE (Dänemark / England / Indonesien / Norwegen / Finnland, 2014) von Joshua Oppenheimer beginnt mit dem unbequemen Bild eines Greises, dessen ältester Sohn Mitte der 1960er-Jahre in Indonesien als vermeintlicher Kommunist grausam umgebracht wurde. Seit Jahren leben er und seine Frau sowie der zweite Sohn Adi mit den Tätern Tür an Tür. Immer wieder kehrt die Kamera zum Gesicht und Körper des blinden und fast tauben Mannes zurück. Nach THE ACT OF KILLING (Dänemark/ Norwegen/ UK, 2012) widmet sich der amerikanische Regisseur nun der Geschichte der Opfer. Exemplarisch für eine vergessene Generation, die bis heute aus Angst schweigt, sucht Adi, mittlerweile selbst Familienvater, die direkte Konfrontation mit den Mördern seines Bruders. Als Optiker hilft er seinen Kunden zur Klarsicht, als Ankläger trifft er auf moralische Blindheit. Zog THE ACT OF KILLING seine Faszination und tiefe Verunsicherung vor allem aus der kaum zu ertragenden Bereitwilligkeit der Täter, ohne jedwede Reue, ihre Gräueltaten öffentlich nachzustellen und vor der Kamera als Actionfilm zu inszenieren, herrscht in THE LOOK OF SILENCE auf der Opferseite Stille. Oppenheimer verwebt geschickt Alltagsbeobachtungen von Adi, seinen Eltern und Kindern mit den Interviews der Täter, die erneut jegliche moralische Verantwortung oder Einsicht ablehnen. Auch wenn einige der Szenen, vor allem ältere Videoaufnahmen der Täter, nicht unbedingt nötig wären und ihnen damit zu viel Spielraum gelassen wird, gelingt Oppenheimer erneut ein tiefgreifendes Porträt einer Gesellschaft nach einem Genozid, in der Täter ungestraft davonkommen, während die Opfer schweigen und es an der jungen Generation liegt, die richtigen Fragen zu stellen.

OF MEN AND WAR

OF MEN AND WAR

Mutige Fragensteller, Einzelkämpfer, Suchende und Regisseure, die Geschichten ohne viel Schnickschnack geradlinig und authentisch erzählen – das boten einige Filme in den Wettbewerben Feature-Length und First Appearance bei der 27. IDFA-Ausgabe in diesem Jahr. Der französische Regisseur Laurent Bécue-Renard begleitete von 2008 bis 2013 in seinem Film OF MEN AND WAR (Belgien / Frankreich) amerikanische Soldaten bei der Aufarbeitung ihres PTSD-Syndrom nach ihrer Rückkehr aus dem Irak. 147 Minuten lang bleibt die Kamera nah bei ihnen, filmt Gruppentherapie-Sitzungen, in denen die jungen Männer lernen, über das Erlebte zu sprechen. Immer wieder ist da unberechenbare Wut, Aggression, Hilflosigkeit. Das ist nicht leicht mitanzusehen, doch wer durchhält, begreift erneut, dass sich Krieg wie ein Krebsgeschwür dort festsetzt, wo es am meisten wehtut: bei denen, die direkt involviert sind und ihren Familien. Dafür gab es den VPRO IDFA Award für Best Feature-Length Documentary. Der Special Jury Award ging in diesem Jahr an die polnisch-dänische Koproduktion SOMETHING BETTER TO COME (2014). 14 Jahre lang arbeitete die polnische Regisseurin Hanna Polek an dem bewegenden Porträt über die zwölfjährige Yula, die gemeinsam mit ihrer Mutter auf Europas größter Müllkippe vor den Toren Moskaus überlebt. Mitten im Müll der boomenden Großstadt leben jene, die auf der ökonomischen Überholspur zurückgelassen wurden. Sie hausen in selbst zusammengezimmerten Hütten; sie trinken, fluchen und träumen von einem anderen, normalen Leben. Viele von ihnen werden es nicht schaffen. Mit einer Kamera, die sich tief in die Gesichter von Yula und ihren Freunden gräbt und schonungslos den physischen und psychischen Zerfall dokumentiert, gelingt der Regisseurin geradlinig und ohne visuelle Spielerei eine einprägsame Studie. Sie zeigt eine Gesellschaft im Ausnahmezustand, der, unter all den Abfallbergen, ein gewisser Grad an Menschlichkeit nicht abhanden gekommen ist.

Die Regisseure Polek und Bécue-Renard zeichnen sich mit einem meisterhaften Gespür fürs stille Beobachten über viele Jahre hinweg aus. Auch im Wettbewerb First Appearance konnte man ähnliche Handschriften beim dokumentarischen Regienachwuchs entdecken.

Gábor Hörchers DRIFTER (2014) überzeugte mit einer behutsam beobachtenden Bildsprache und vor allem mit der Nähe zu seinem jungen Protagonisten. In der mit dem IDFA Award für Best First Appearance ausgezeichneten deutsch-ungarischen Koproduktion begleiten wir den 18-jährigen Ricsi, der bei seiner überforderten Mutter allein aufwächst und von Rallye-Fahrten träumt. Neue Reifen, jede Menge Ersatzteile und die Tatsache, dass er keinen Führerschein besitzt, führen dabei zu Problemen, die er auf dem Weg zur Rennstrecke lösen muss.

MOTHER OF THE UNBORN

MOTHER OF THE UNBORN

Ricsi und die Art, wie er durch sein Leben streift, macht es nicht immer leicht als Zuschauer Empathie für ihn zu empfinden. So gab es nach dem Film Diskussionen, inwieweit ein eher unsympathischer Protagonist der Erzählstruktur und Rezeption schaden oder dienen kann. Kein Einzelfall, auch I WANT TO BE A KING (Iran, 2014), der Debütfilm von Mehdi Ganji, stellt den Zuschauer auf ein harte Probe. Ganji begleitet Abbas und seine Familie, die in einem kleinen iranischen Dorf authentische Unterkünfte für internationale Touristen anbieten. Was leichtfüßig und unterhaltsam beginnt, nimmt schnell eine unangenehme Wendung. So verkündet Abbas stolz seinen Traum von einem historischen Nomadendorf, das er mit einer Zweitfrau errichten will – und setzt damit das Glück seiner Familie aufs Spiel. Dem Regisseur gelingt es auf einfühlsame Art und Weise, die patriarchalischen und religiösen Strukturen der iranischen Kultur offenzulegen und Abbas Handlungen dort zu verorten. Das mag nicht immer auf Verständnis stoßen; es macht den Film aber gerade darum so spannend und sehenswert. Auch MOTHER OF THE UNBORN (Ägypten / Vereinigte Arabische Emirate, 2014), der den Special Jury Award für First Appearance erhielt, gewährt authentische Einblicke in die arabische Kultur, in der die Rolle der Frau als Mutter klar vorgegeben ist. Nadine Salibs Debüt schildert das Leben der jungen Hanan, die seit zwölf Jahren vergeblich versucht, schwanger zu werden. Der Druck ihres Umfeldes wächst und damit auch Hanans kritischer Blick auf eine Gesellschaft, die sie ohne Kinder nicht als vollwertig wahrnimmt.

THOSE WHO FEEL THE FIRE BURNING

THOSE WHO FEEL THE FIRE BURNING

Überzeugen die genannten Beiträge vor allem durch die erstaunliche Nähe und Offenheit ihrer Protagonisten, bleibt THOSE WHO FEEL THE FIRE BURNING (Niederlande, 2014) von Morgan Knibbe durch seine visuelle und dramaturgische Umsetzung im Kopf. Das Thema Immigration wird hier mittels fiktiver und realer Mittel zu einer spannenden Reflektion verbunden. Der tote Geist eines alten Mannes, der bei der Überfahrt nach Europa im Meer ertrinkt, wandert durch die Straßen des gelobten und verheißungsvollen Europas, durch zu kleine Wohnungen, Hinterhöfe und brachliegende Gebäude, in denen die Migranten auf ihre Weiterreise hoffen. Aus dem Off erzählen sie ihre Geschichten, vom traumatischen Verlust von Freunden während der Überfahrt, der Einsamkeit und dem Warten.

DEMOCRATS

DEMOCRATS

Die unterschiedlichen Wahrnehmungswelten von Europa und Afrika werden auch in der dänischen Produktion DEMOCRATS (2014) deutlich. Auf dem Weg zur Demokratie, wie sie Europa versteht, werden hier, spannender als jeder fiktionale Krimi, die Verhandlungen zu einer neuen Verfassung für Simbabwe begleitet. Nah dran am engen Kreis der Macht, zeigt die Filmemacherin Camilla Nielsson, wie schwer und langatmig der Weg sein kann und warum es sich gerade deshalb lohnt, für demokratische Prinzipien zu kämpfen.

 

Bilder: IDFA 2014