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„Betrachten Sie den Raum vor ihren Augen. Eine imaginäre Leinwand. Eine imaginäre Leinwand. Eine Leinwand, die Ihre Fantasie mit Farbe füllen wird. Ein Zustand der Ruhe. Fühlen Sie die Wärme, die Energie, die Ihren Körper erreicht, zirkuliert, Ihre Stirn durchströmt, die Augenlider, die Augen, die Augäpfel, die Schläfen, die Ohren. Jede einzelne Faser ist von Licht durchflutet.“ Eine monotone Audioaufnahme eines Entspannungsprogramms trägt diese Worte maschinenhaft vor, während Tarso (Ralph Herforth), verkrampft und unruhig auf dem Wohnzimmerboden liegt. Im Badezimmer betatscht sein Sohn Manuel (Kai Hillebrand) still das Inventar der Mitbewohnerin K., die wie immer nicht zu Hause ist. Er riecht an ihrem Bademantel. Dann onaniert er.

Das Licht, welches bei der Projektion von Swans dem Zuschauer von der Leinwand entgegenscheint, ist ein kaltes, jedoch durchdringendes. Der Film ist eine sehr distanzierte, durch und durch stilisierte Studie von Menschen, die sich voneinander und von sich selbst entfremdet haben. Vater Tarso und Sohn Manuel kommen nach 13-jähriger Abwesenheit nach Berlin, um Petra (Maria Schuster) zu besuchen, Manuels Mutter, die er nie zuvor getroffen hat. Sie liegt im Wachkoma, Gehirntumor. Klinikbesuche zwingen den Blick auf den verkrampften, sterbenden Körper eines einst geliebten Menschen, für den Jungen eine Fremde, zu der er zunächst unmöglich eine Beziehung aufbauen kann. Dann die anonyme Wohnung der Mutter, wo beide nur Gäste sind. Hin und wieder huscht Petras Mitbewohnerin K. durch das Bild oder begegnet einem der beiden teilnahmslos, nicht einmal einen Namen hat sie. Fluchtpunkt für Manuel ist das Niemandsland Berlin, Skatehalle, Bahnhof, Häuserdächer, eine Stadt, die er nicht kennt, die ihn nicht interessiert, in der er fremd ist. Die Menschen in Swans leben aneinander vorbei, können nicht miteinander sprechen, sich keine Wärme spenden. Fast gegenstandshaft bevölkern sie in manchen Szenen die blassen, sterilen Räume Berlins, die Kameramann Reinhold Vorschneider (Der Räuber) mit extremer Präzision entwirft. Oberfläche und Charaktere erscheinen dabei gleichermaßen erstarrt, trist, sie sind untrennbar miteinander verbunden, entmenschlicht.

Dem in Berlin lebenden Regisseur Hugo Vieira da Silva gelang in Zusammenarbeit mit seiner hervorragenden Darstellerriege ein extrem sperriger, allerdings emotional sehr gehaltvoller Film mit kleinen Längen, der in Ansätzen als schwer verdauliche Coming-of-Age Geschichte funktioniert, in jedem Fall auf markant eigenständige Weise und mit sehr großer Sensibilität die Bedürfnisse seiner Figuren portraitiert. Insbesondere Manuel wird sehr gekonnt ausgearbeitet und spiegelt sich in überzeichneten Bezugspunkten, wie der Musik, die er ständig hört und durch die er sich von der Welt abzuschotten scheint, oder in seinem Kontakt zu sexuellen Fetischobjekten, auch in seiner obsessiven Beziehung zu K., wieder. Das schablonenhaft abweisende Spiel – intendiert oder nicht – von Skater und Model Hillebrand (hier in seiner ersten Rolle als Schauspieler zu sehen) funktioniert dabei ganz hervorragend als Gegenpol zu dem Gewicht, was Ralph Herforth seiner Rolle verleiht. Manuel ist schlichtweg nicht fassbar, entzieht sich mit seinem unvorhersehbaren Verhalten jeder zu simplen Logik, stößt dabei wiederholt seinen Vater und insbesondere den Zuschauer vor den Kopf. Eine Figur, die aggressiv macht, weil sie sich nicht beherrschen und kategorisieren lässt, die im Grunde niemals sympathisch wird und damit eine große Leistung des Films, der einen enormen emotionalen Druck, den intensiven Wunsch nach Ausbruch provoziert und so nachhaltig anrührt. Über allem Geschehen schwebt die enorm unangenehme Präsenz von Maria Schuster, die das Bild stets domniert, es mit überwältigend intensiven Blicken durchdringt. Blicke, die sich durch die gesamte Welt des Films ziehen und die Charaktere immer wieder zu versuchen treiben, aus ihrer emotionalen Lethargie auszubrechen.

Was ihnen nur nach einer zweistündigen Tortur mit mäßigem Erfolg gelingt, wirkt umso bedeutungsvoller nach dem Verlassen des Kinos. Das macht Swans zu einem durch und durch humanistischen Film und zu einem wundervollen Statement für den Wert und die manchmal befremdliche und ungewohnte Intensität unserer Gefühle, die wir in unserer Oberflächenwelt nur zu gerne vergessen.

Swans – Pressespiegel bei film-zeit.de

Swans
R/B: Hugo Vieira da Silva
K: Reinhold Vorschneider
D: Kai Hillebrand, Ralph Herforth, Vasupol Siriviriyapoon, Maria Schuster, Eva Kryll, Cornelius Schwalm
PT/DE, 2010, 120 Min.
Edition Salzgeber
Kinostart: 14.07.2011
FSK 0