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Bringt mir den Skalp von Gwynneth Paltrow, Sitzfleisch, Hermetismus – und die Antwort eines sowjetischen Kritikers auf gerechte Kritik

Venedig-Blog, Folge 6.

Ja ja, es ist alles relativ. Klar doch. Es gibt überhaupt – ich betone überhaupt – keine Wahrheit. Und jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Und was ich sage, muss nicht stimmen, selbstverständlich. Denn es ist manchmal falsch, wie ich einen Film finde. Und man darf auch anderer Meinung sein. Die Antwort eines sowjetischen Kritikers auf gerechte Kritik.

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Die entsprechende Anklage kam von einem Genossen, der hier nur noch Guiseppe Rapido heißen darf, weil er sich verbeten hat, und zwar ein für alle Mal, in diesem Blog namentlich erwähnt zu werden.
Vielleicht ist trotzdem alles etwas anders. Ich würde es gern lieber mit Oscar Wilde halten. Der hatte einmal schön formuliert: „Der Kritiker soll das Publikum erziehen, der Künstler aber soll den Kritiker erziehen.“ Oh ja, das kann ich unterschreiben: Ich will mehr Filme, die mich erziehen, von denen ich etwas erfahre, etwas lerne.

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Zu was Steven Soderbergh, der alte Bilderschlamper, uns erziehen will, wäre eine genauere Betrachtung wert: Contagion („Ansteckung“) glänzt zunächst einmal mit diversen Top-Stars: Kate Winslet, Marion Cotillard, Gwyneth Paltrow, Matt Damon, Jude Law und Laurence Fishburne. Diese Menge braucht Soderbergh allerdings auch, denn Contagion ist ein apokalyptischer Seuchen-Thriller. Es geht um eine EHEC-ähnliche Epidemie, bei der die Menschen wie die Fliegen sterben. Zwar zeigt der Film nichts, was man nicht schon in anderen Weltuntergangsfilmen wie 28 Days Later und Outbreak gesehen hätte, trotzdem beeindruckt die handwerkliche Perfektion des Regisseurs. Er webt einen Bilderteppich, strickt ein Netz aus Beziehungen von Ansteckung, Gesundheitspolizei und Medienberichten über die ganze Welt – eine Symphonie der Seuche. Und Globalisierungskino par excellence, bei dem schnell zwischen Tokio und New York hin und hergeschnitten wird, und der Weg der Seuche visuell markiert wird: Erdnüsse, ein Computer, eine Hand auf einer Stange im Bus… Das Ganze ist sehr elegant und schön anzusehen – vielleicht liegt hier schon das Problem bei einem Seuchenfilm. Vor allem aber muss man fragen, was es am Ende soll?

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Das erste Opfer der Seuche ist Gwyneth Paltrow – kein Wunder, sie ist ja auch Veganerin und guckt ihre wenigen Filmminuten entsprechend geschwächt und blutleer aus der Wäsche. Die schönste Szene des Films ist dann die, in der Paltrow tot auf dem Obduktionstisch liegt. Da wird ihr mit schönem Sägegeräusch der Schädel aufgesägt und die Kopfschwarte nach vorne gezogen – plötzlich hängen ihr die blonden Haare unterm Kinn.
Da guckt man ihr ins Hirn, von dem offenkundig nicht viel übriggeblieben ist – Veganertum? – und es fällt dann gleich auch der schönste Dialog des Films: „Oh my god. What’s that?“ – „Should I call anyone?“ – „Call everyone“
Ein neues Wort, das wir im Film gelernt haben, heißt „Seuchen-Cluster“. Offenbar analysieren Forscher bei Seuchen auffällige Häufungen in Clustern.
Die ärgerlichsten Momente sind jene, in denen Soderbergh die Seuche dann doch noch puritanisch moralisiert: Auslöser ist eine Kombination aus Fremdgehen, Glücksspiel und dem Verzehr von Schweinefleisch. Und ganz am Ende sind eben doch Asien und mangelnde Hygiene an allem schuld! Gut wenn man Sündenböcke hat.

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„Mit meiner Ballalalaleika, war ich der König von Jamaika“ – so sang einst Bata Ilic in Dieter Thonas Hecks ZDF-Hitparade. Ein Lied, das mich seinerzeit nachhaltig beeindruckte, wobei ich den recht eindeutigen sexuellen Subtext noch nicht verstand. An Ilic und leider auch das Niveau seiner Kunst musste man denken, als die erste echte Enttäuschung des Venedig-Programms über die Leinwand flimmerte: Poulet aux Prunes („Hühnchen mit Pflaumen“) von der in Paris lebenden Iranerin Marjane Satrapi, deren Debüt Persepolis noch alle begeistern konnte. Doch statt einen zweiten Animationsfilm hat Satrapi nun einen ersten Real-Film gedreht: Eine „märchenhafte“, „magische“ Geschichte um einen unglücklichen Geiger, der im Teheran des Jahres 1958 nach jahrelanger unglücklicher Ehe zu sterben beschließt – als eben seine Ehefrau die Geige kaputt macht, mit der er sich beim Spielen immerzu an seine wahre, unglückliche Liebe erinnert. Vor dem Sterben lässt er – das ist dann der Film – sein trauriges Leben Revue passieren. Man mag es für poetisch halten, wenn die Kamera im Stil von Amelie einer Schneeflocke auf ihrem Fall vom Himmel folgt, bis sie ein vorwitziger Kindermund verschluckt – in der Gesamtschau wirkt das aber nur pseudo-poetisch und so verschmockt, dass selbst Stars – Chiara Mastroianni und Isabella Rossellini in den Nebenrollen – nichts mehr retten konnten.
Poulet aux Prunes ist hochgradig biederes, geschmäcklerisches Historienkino. Zudem ein Beispiel depperten Orientalismus‘, denn warum müssen alle Perser von Franzosen gespielt werden – mit Ausnahme der wunderbaren Golshifteh Farahani?

Hier lesen Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus Venedig.

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