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Ein „Ausnahmekrimi“ bezeichnet eine besonders intensive Auseinandersetzung mit einem Verbrechen – oft ausgehend von einer Gewalttat, die den allwöchentlichen Mord übersteigt. Unangenehme Fragen bleiben zurück, Zweifel und Zwischenmenschliches werden nicht aufgelöst, dunkle Abgründe tun sich auf. Ein Fall wird aufgerollt, für den es zwar (bestenfalls) Aufklärung, aber keine Gerechtigkeit geben kann. Der 2011 mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehkrimipreis ausgezeichnete TATORT: NIE WIEDER FREI SEIN ist ein solcher Ausnahmekrimi. Es geht um die Nachwirkungen einer Gewalttat, die alle beteiligten Schicksale auffrisst. Darüber gelingt Autorin Dinah Marte Golch und Regisseur Christian Zübert eine facettenreiche und tragische Fallstudie.

Der – in jeder Kritik beschriebene – Filmanfang besteht fast nur aus zwei langen Einstellungen. Lauernd und wackelig verfolgt die Kamera, wie ein Frauenkörper „entsorgt“ wird: Aus einem Transporter gezerrt, ausgezogen, gesäubert, der Täter stupst mit dem Fuß nochmal prüfend den nackten Hintern an und fährt weg. Kein Zweifel, womit sich der Fall befassen wird. Die Kamera verharrt lange in einem Top Shot auf dem nackten Körper, beginnt sich dann leicht zu bewegen, dreht sich auf den Körper herab, in den plötzlich Leben kommt. Die Frau lebt!
Schon einen Schnitt später geben die Kommissare Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) eine Pressekonferenz: Ein Verdächtiger ist gefasst, dem bereits zwei Vergewaltigungen angelastet werden. Doch die andere Frau hatte nicht so viel Glück wie Melanie Bauer (Anna Maria Sturm). Der einschlägig vorbestrafte Markus Rapp (Shenja Lacher) wurde bei einer Re-Inszenierung der Tat im Bordell spektakulär verhaftet. Nun beginnt der Prozess. Doch in der einseitigen Beweislast gibt es Lücken. Einwand für Einwand geht Rapps Verteidigerin Regina Zimmer (ausgezeichnet: Lisa Wagner) kühl dazwischen und fordert Genauigkeit. Die überführende Aufnahme wird abgeschmettert, da beim Zugriff der Polizei in der juristischen Bürokratie noch kein Haftbefehl vorlag. Melanie Bauer kann eine Stimmidentifizierung vor Gericht nicht wiederholen. Außerhalb der klaren Indizienlage verbindet damit kein harter Beweis Rapp mit den Vergewaltigungen. Wie auch? Der Transporter (eines Schlachthofes!) wurde ebenso fachmännisch gereinigt wie das Opfer. Der Freispruch erfolgt. Ein Skandal!

Die Spirale dreht sich weiter. Schon am Abend taucht Rapp vor Melanies Wohnung auf. Die junge Frau kollabiert – sie ist am Ende ihrer Kräfte. Die Kommissare müssen zusehen, wie Melanie an ihrem Trauma zugrunde geht und können doch nur feststellen, dass keine Straftat vorliegt. Der Schatten, der über dem Leben ihrer Tochter liegt, hat längst die Ehe der Eltern (Rainer Bock und Ulrike Arnold) tief zerrüttet. Die Gewalttat wuchert im Zwischenmenschlichen wie ein Krebsgeschwür. Ihre Mutter bittet Leitmayr weinend, doch nicht tatenlos zuzusehen. Melanies Exfreund Peter Sammauer (Stephan Zinner) versucht mit einer Nachbarschaftshilfe, seine Version von Gerechtigkeit durchzusetzen. Das Haus, in dem Rapp und sein Vater leben, wird mit Parolen beschmiert, rund herum prangern ihn Plakate als Vergewaltiger an. Dann verschwindet Melanie spurlos und man muss davon ausgehen, dass Rapp sie sich jetzt endgültig „geholt“ hat.

Nicht unähnlich der Situation in Dominik Grafs DER SCHARLACHROTE ENGEL wird der Zuschauer konfrontiert mit einer schreienden Ungerechtigkeit in der Ahndung einer Vergewaltigung, die den Täter mehr zu achten scheint als das Opfer. Melanies Leben ist zerstört und sie erlebt, dass ihr auch Gerechtigkeit versagt bleibt. Sie ist Opfer und wird dennoch in Frage gestellt. Anders als der durchtriebene Will Gerard (Martin Feifel) in Grafs POLIZEIRUF bleibt Markus Rapp stoffelig und unsympathisch. Shenja Lacher nimmt sich dieser undankbaren Rolle aber so ambivalent an, dass seine Figur kein verabscheuungswürdiges Monster ist. Unter dem Nimbus des Bösen lauert ein notorisch Zu-kurz-Gekommener. Immer beschwert er sich mit schnarrender Stimme, er sei freigesprochen, könne tun was er wolle, alle würden ihn nur schikanieren. Allerdings gibt er ihnen jeden denkbaren Grund dazu. Und auch unbändige Aggression blitzt immer wieder auf, direkt unter der Oberfläche dieses Menschen. Vernünftigen Argumenten ist Markus Rapp nicht zugänglich. Den Vorschlag seiner Verteidigerin, auf unzurechnungsfähig zu plädieren, lehnt er geradewegs ab. Natürlich werden psychologische Hintergründe mitgeliefert – Isolation, der Verlust der Mutter und der Hass auf die Welt –, doch die Inszenierung setzt richtigerweise weder auf Täter-Empathie, noch auf den Erklärungsversuch eines unbegreiflichen Gewaltaktes. Die Zweifel daran, dass er der Täter ist, sind bestenfalls gering.

So kommen die bedeutsamsten Rollen dieses Falles den Figuren zu, die auf Rapps Seite stehen: Sein Vater (Tilo Prückner) spielt das ganze Drama des Zweifels aus, das im Auge des Sturms herrscht. Er schrubbt die Fäkalien weg, die gegen die Haustür geschmissen werden ebenso wie die Beschimpfungen, die in großen Lettern auf den Gehweg prangen. Vergeblich. Die unauslöschliche Tat hat auch sein Leben mit in den Abgrund gerissen. Doch er stellt sich vor seinen Sohn. Der Markus sei schwierig, ja, aber kein Mörder. Er kenne seinen Jungen. Der jedoch sitzt stumpf vor dem Fernseher, schleicht um die Häuser und bringt das Maul nicht auf. Dem Vater reicht es irgendwann: „Wenn du damit was zu tun hast, dann sag‘s!“, droht er ihm. Es ist das Drama eines Vaters, der alle Macht über seinen Sohn schon lange verloren hat. Es wird nicht mehr dazu kommen, reinen Tisch zu machen: Am nächsten Morgen wird Markus Rapp tot aufgefunden. Der Vater muss am Ende flehentlich die Verteidigerin fragen, ob sein Sohn wenigstens ihr die Wahrheit gesagt hat. Er will es doch nur wissen.

Regina Zimmer ihrerseits will den Fall Rapp nach dem Urteil einfach loswerden, schafft das aber nicht. Teils aus Pflichtbewusstsein, teils weil sie die Folgen ihres eigenen Tuns immer wieder einholen. Ausgerechnet sie muss sich wegen Drohbriefen an Leitmayr wenden, der sich den bösen Witz erlaubt, dass damit im Falle eines Falles hinterher die Ermittlung leichter fiele. „Ich habe nur versucht, meine Arbeit gut zu machen“, beteuert sie. Es fällt nicht leicht, der korrekten Verteidigerin das zu glauben. Andererseits: Wäre es wirklich rechtens gewesen, Rapp trotz nicht eindeutiger Beweislage wegzusperren? Anders als die Polizisten ihr unterstellen, trennt sie zwischen Fall und Recht. Ihre Pflichterfüllung reißt sie jedoch mit in den bösen Strudel. Der Lohn für ihre Fairness wird in Schlägen und Verachtung bezahlt. Rapps Verhalten nach dem Freispruch weckt auch in ihr immer stärkere Zweifel, ob sie nicht dem Falschen geholfen hat. Gibt es nicht jenseits der Paragraphen eine Dimension der Verantwortung, wie es ihr Leitmayer anfangs prophezeit? Auch sie muss daher Rapp zur Rede stellen, was er über den Verbleib Melanies weiß. In der Tiefgarage wird Regina Zimmer dann wirklich aufgelauert und zusammengetreten. Das durchgängig benutzte dunkle Klaviermotiv überlagert diese Szene und leitet direkt über zum Auffinden von Rapps Leiche. Beides markiert ein erneutes Scheitern des Rechtsstaats.

Die Kommissare haben Vertrauen verspielt, konnten in den entscheidenden Punkten keine Beweise bringen. Das macht die Ambivalenz des Falles aus und die wichtige moralische Rolle der Ermittler. In Batic kocht es förmlich, leidenschaftlich setzt er sich mit allen auseinander, streitet und kämpft, denn es kann doch nicht sein, dass man gegen Rapp nichts unternehmen kann. An einer Stelle verfolgt Batic den flüchtenden Rapp zu Fuß. Selbst nicht mehr der Jüngste, wetzt er mit rotem Schädel hinterher, schindet sich und kriegt ihn. Dann packt er ihn grob und schreit ihn wütend an, wo er Melanie versteckt habe. Leitmayr muss dazwischen gehen. „Es gibt Grenzen! Es gibt Gesetze! Da müssen wir uns auch dran halten.“, sagt er und Batic hält dagegen „Wir können nix machen! Wir sind die Arschlöcher!“ Der Polizist steht als verlorene Figur zwischen allen Stühlen: Immer zu spät, stets erst auf den Plan gerufen, nachdem ein Verbrechen geschehen ist, vor Gericht demontiert wegen juristischen Spitzfindigkeiten, den Fall darüber verloren, den wahrscheinlichen Täter gleich mit, staatlich verpflichtet, dessen Freispruch nun zu verteidigen. Das Dilemma bleibt unbeantwortet, da Recht und Gerechtigkeit in NIE WIEDER FREI SEIN so weit auseinander liegen, dass beide Positionen einen bitteren Beigeschmack haben.
Batic jedenfalls merkt selbst, dass er mit dem Übergriff auf Rapp eine Grenze überschritten hat. Als Rapp Misshandlung anzeigt, lässt ihn Leitmayr auflaufen. Batic schaut einen Moment betreten zu Boden und schämt sich. Die Kommissare sind selbst Gefangene dieser ekelhaften Situation und katalysieren die vielfältigen Positionen rund um das Inferno. Jeder in diesem Geflecht hat einen guten Grund, Markus Rapp umzubringen. Klug daher, dass die Kommissare sich nach der Tat zurückhalten und die anderen reden lassen. Denn es klingt hohl, wenn Sammauer oder Melanies Vater sich über Rapps Tod freuen.

Autorin Dinah Marte Golch dekliniert die Nachwirkungen dieser monströsen Tat, welche Melanie Bauer nur durch eine „Verknüpfung äußerst glücklicher Umstände“ überlebt. Doch nicht das Opfer steht im Mittelpunkt (Anna Maria Sturm muss kaum eine Handvoll Sätze sprechen in diesem TATORT), sondern der mutmaßliche Täter. In NIE WIEDER FREI SEIN existiert nicht Dominik Grafs „leidenschaftliche Gegengewalt“ und das unerbittliche Schicksal, sondern nur verbrannte Erde. Vermintes Terrain wird ausgebreitet, von der Kamera in harten Bildern recht distanziert eingefangen. Regisseur Christian Zübert (KDD, DREIVIERTELMOND) inszeniert Melanies „Wiederbelebung“ zu Beginn wie eine Geburt. Doch in welches Leben? Nichts wird mehr so sein wie vorher.
Melanies Verschwinden offenbart, wie zwingend alle Beteiligten bereits eine Widerholungstat annehmen – und der Zuschauer gleich mit. Zu sehr scheinen der Justiz angesichts des Verbrechens die Hände gebunden. Es ist diese entlarvende Konstruktion, durch die schlussendlich doch der Bogen zu ein wenig Ordnung und Gerechtigkeit gelingt. Rapp wird posthum überführt, aber an Melanie Bauers Verschwinden ist er wirklich unschuldig. Die Kommissare erkennen, dass sie nicht nur gegenüber Melanie eine moralische Verpflichtung haben, sondern auch den Mord an Rapp aufklären müssen. Der Verdacht fällt auf Sammauer und letztlich auch auf Melanie selbst, die sich nun auf der anderen Seite der Fragen und Verhöre finden. Das Drehbuch nimmt hier eine fast erzieherische Umkehrung vor – jeder muss die Lage des anderen selbst erleben. Damit zieht sich der Fall aus der Affäre, dass es für Melanie kaum Gerechtigkeit geben kann.

Ausnahmekrimi meint in NIE WIEDER FREI SEIN einen intensiven, dramatischen Fall, der stellenweise fast unerträglich wirkt. Auch die Wahl von überzeugenden und nicht überstrapazierten Darstellern ist klug. Krimis wie dieser müssen seit jeher sparsam dosiert werden. Vor dem aktuellen Trend zum „Konzeptkrimi“ bei den öffentlich-rechtlichen (mit manchen guten, aber auch vielen verfehlten Entwicklungen wie Zwangsausmusterungen verdienter Figuren/Darsteller), spricht es für sich, dass gerade das eingespielte Duo des BR seine Tradition starker Fälle hoch hält. DER TRAURIGE KÖNIG wird 2012 ebenso konsequent dort weitermachen. Inhaltliche Qualitäten müssen überzeugen und nicht der Planspielcharakter möglichst extravaganter Figuren und Dramaturgien, angereichert mit den publikumswirksamsten Namen. Der Fernsehkrimi steht und fällt immer mit seinem Fall.

Bild-Copyright: BR