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Darwin, Gott und die anderen – Cannes-Blog, Folge 6.

Ein prächtiger Sommermorgen in Cannes. Montag, und alles ist bereit für Terrence Malick. Es ist 8:10 Uhr, kurz hinter mir sagen sie sie: Keine Rosa-Badges mehr, die Blauen und die Gelben kommen sowieso nicht rein. Franzosen schimpfen, „C’est totalement cretin“, wir sind drin.

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Wir wissen: Malick ist der große Geheimniskrämer und Unbekannte unter den Starregisseuren des internationalen Kinos: Nie taucht er auf Pressekonferenzen auf, glänzte auch an der Croisette durch Abwesenheit. Er lässt sich nicht fotografieren. Die besten Stars wollen mit ihm arbeiten, seine Werke haben Erfolg, aber er dreht nur sehr wenige Filme, bisher nur fünf in einer Karriere von fast vierzig Jahren. Aber sie gehören zum Allerbesten, was das Kino in seiner Geschichte zu bieten hat: Badlands brachte Jugendrevolte und den Geist des Post-Vietnam-New Hollywood auf den Punkt, In der Glut des Südens ist ein romantischer Abgesang auf den Western; The Thin Red Line der ultimative Kriegsfilm. Und The New World erzählt von der Entdeckung neuer Kontinente und der Suche nach dem Paradies. Nun also The Tree of Life.

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Das war dann, trotz all der vielen anderen sehenswerten Filme im Programm, in jeder Hinsicht eindeutig der bisherige Höhepunkt der Filmfestspiele von Cannes: The Tree of Life („Der Baum des Lebens“). Ein großartiger Film, eine ebenso wunderbare, wie irritierende Erfahrung. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen, denn Malick will unbestreitbar Schönheit schaffen und er will hier nicht weniger als von allem erzählen: Vom Großen, Ganzen, vom Kosmos, von der Schöpfung. Vom Leben. Von der Familie. Von Liebe und Gewalt, vom Tod und von Erinnerung. Kann das gehen? Wenn es kann, dann nur so, wie es Malick macht: Indem er in die Vollen greift. Ohne Angst, etwas falsch zu machen. Mit dem Mut zum Pathos, zur durchgeknallten Hippie-Fantasie. “
The Tree of Life ist ohne Frage ein hybrides Projekt.
Dabei ist die Story im Prinzip ganz einfach und gradlinig: Jack (Sean Penn) erinnert sich an seine Kindheit in den 50er Jahren. Diese Erinnerung nimmt den größten Teil des Films ein. Brad Pitt spielt den harschen Vater, Jessica Chastain die gütige Mutter. Vor allem aber ist bezaubernd, was Malick alles mit seinen Kinderdarstellern gelingt. Ihm gelingen Szenen von großer Intimität und Echtheit. Selten hat man das so auf der Leinwand gesehen, ist die Erfahrung des Kindseins und Erwachsenwerdens derart geduldig und poetisch ins Kino gebracht worden.
Es ist für Jack eine Suche nach der verlorenen Zeit seiner glücklichen Kindheit. Zugleich aber liegt auf all dem der Schatten des späteren Todes seines Bruders, der mit 19 starb. So sind die Kindheitsbilder auch getaucht in Trauer, in kleine Spuren der Konflikte mit dem Vater, der Sünden und Lügen aller Kinder, der Ursünde der Geburt der Gewalt. Man findet den Ödipus-Konflikt hier genauso, wie das Kain-und-Abel-Motiv. Der (Unter-)Bewusstseins-Strom von Jacks Erinnerung führt uns Zuschauer aber weiter zurück – in eine Art kosmologische Vision: Sie beginnt im Urschlamm, und führt über die Dinosaurier und die Entstehung der Arten durch die ganze Evolutionsgeschichte bis zu Brad Pitt. Fließend, weich und geschmeidig ist Emmanuel Lubezkis Kamera. Das passt zur Musik, die Malick gewählt hat. Er untermalt seinen Film mit Stücken von Mahler, Bach, Mozart, Berlioz – eine hochpoetische, hochspannende Vision.

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Dies ist, dieser Vergleich passt noch am ehesten, Malicks „2001“. An Stanley Kubricks  2001 – A Space Odyssey fühlte man sich mehr als einmal erinnert: „2011 – A life Odyssey“. Sie spaltete das Publikum von Cannes, denn nicht jeder überstand Malicks Höhenflüge schwindelfrei. Und ohne Frage strapaziert Malick die Grenzen des Gewohnten – er tut also genau das, was man von großem Kino erwartet.

Hier finden sie alle Cannes-Texte.