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Viel zu früh, es war wohl so gegen 04:15 Uhr heute morgen, bin ich dem flirrenden Zauber des TERZA VISIONE – dem ersten Festival des italienischen Genrefilms, bin ich Nürnberg, dem dortigen Filmhaus & KommKino auch schon wieder entrissen worden. Habe ich, noch im Zug sitzend, cinephil nachtrunkend, einige der während der vergangenen 48 Stunden fortwährend auf mich einprasselnde Momente des Glücks auf die Servietten des Speisewagens gekritzelt:

Alles begann in Hitze und fiebriger Freiheit. Begann im salzigen Staub der Geisterstadt, die der selbst noch am Galgen unbekümmert auf den Tod Pfeifende, weil festgefroren in einem sonnendurchfluteten Freeze Frame draußen in der Wüste, letztlich nur noch als Phantom erreichte. In dieser Stadt träumt die alte Frau mit dem verbitterten Gesicht von blühenden Landschaften. Die will sie zusammen mit dem jungen Mann mit dem Bumerang am Gürtel doch noch einmal wachsen sehen. Die andere, die weiß-gekleidete, die so herzhaft lachen kann, schießt, während sie das tut, unterdes die Gesetzeshüter aus dem Sattel. In dieser Steppe, in welcher ein totes Pferd innerhalb von wenigen Stunden zum Skelett gerät. WILLKOMMEN IN DER HÖLLE (Cesare Canevari, 1970), beim TERZA VISIONE glühend eingeleitet von Christian Kessler, der vor einiger Zeit tatsächlich 450 Italo-Western in einem Jahr sah und darüber dann ein wunderschönes Buch verfasst hat, auf dessen Titel folgerichtig der Name dieses Meisterwerks von Canevari prangt, wohl prangen musste.

Alex Cord (für den ich seit meiner kürzlich erfolgten Wiederentdeckung von AIRWOLF, wo er mit Augenklappe zielsicher die Geschicke lenkt, sowieso schon so etwas wie eine mittlere Obsession entwickelt habe) treibt nur wenige Stunden später archäologische Bohrer tief in etruskischen Boden, um mit der Kamera ganz hinein in DAS GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES (Armando Crispino, 1972) eindringen zu können. Dazu schwillt die Musik von Riz Ortolani den Bogen soweit aufmachend über Italien, dass man förmlich mitjuchzen will vor Glück. Hier, wo sich völlig unaufgeregt seltsamste Verbindungen zu was ganz, ganz schönem und stimmigem vermengen: cholerische Oper & abenteuerliches Archäologentum mit Piloten-Brille und Goldkettchen. Edgar Wallace und das giallo-hafte Besessensein von roten Schuhen. Überhaupt dieses Technicolor-rote Blut, welches hier immer wieder durch die Bilder hämmert. Vornehmlich in der hier tatsächlich eher grün-schwarz gehaltenen Gruft. Ein weiterer Lieblingsmoment: als der unbeherrscht zitternde Alex Cord (er ist hier natürlich Alkoholiker) und seine Ex-Freundin sich beim Wiedersehen über den Boden zwischen den Gräbern wälzen und dann,  kaum haben sie sich wieder voneinander befreit, die Erde aus ihren Kleidern klopfen, während sie nebeneinander her über den geschichtsträchtig Boden schreiten. Wieder zurückkehren in ihr jetziges Leben. Sie zu ihrem cholerischem Dirigenten, er zu seinem verbeulten VW-Käfer, der natürlich nicht anspringen will. Später dann, das nennt man dann wohl cinephile Perfektion, wird er genau diesen Käfer, völlig willkürlich, kurz vor dem Finale eine Böschung hinab steuert, sich von ihm befreien, um ihr im aller-letzten Moment mit blutiger Stirn zur Hilfe zu eilen.

DAS BITTERE LEBEN according to Damiano Damiani (1961): wo man diese mitten im Nichts stehende, unendlich hohe, nächtliche Treppe besteigt. Dabei ständig mit sich ringt. Dabei einen Fuß auf die wackelige Stufe des völligen und endgültigen Absturzes setzt, setzen muss. Aber wen da nun noch mit reinziehen? Den Verzweifelten mit den drei Kindern? Den tollen aufrührerischen Spieler? Oder doch den, der nachdem er für einen früheren Fehler schon einmal im Knast war, nun aber mit einer leuchtend tapferer Frau und zwei Töchtern an seiner Seite, doch noch auf ein klein wenig Glück hofft? Klar, genau den. In dieser neo-realistischen Fabel, in welcher mich vor allem die Innenraumgestaltung des Büros des ruchlosen Kapitalisten gefangen nahm. Mit seiner wuchtigen Fototapete, die in einer großen Luftaufnahme ein Ensemble aus Plattenbauten zeigt. Davor: Skulpturen. Überall sonst: dunkle Ölgemälde. Mitten drin: ein großer Tropenholz-Schreibtisch. Draußen neben dem Eingang: eine Bitte-nicht-stören-Lampe. Sie leuchtet.

Vor kaum etwas hatte ich im Vorfeld mehr Angst, als vor WEHE, WENN DIE LUST UNS PACKT (Mariano Laurenti, 1972), hatte ich doch schon einmal, in anderem Zusammenhang, zwei geradezu qualvolle Stunden in der wüsten Zotenhölle der Decameroni verbracht. Klar, auch dieses Werk, welches im Vorfeld gleich mal die gelbe Unterhose besingt, ist ein nur schwer erträglicher, cinephiler Busengrabscher. Ein Fest trüber Späße, bei dem man sich derart zauberhaften Geschöpfen, wie der über-großen Edwige Fenech, nähert, indem man sie erst einmal abschätzig umkreist und dabei hohl beglotzt, fast wie ein Bauer, eine Stute auf dem Pferdemarkt. Worum geht es? Es geht um Kunst, um Busen und Popos. Letztere wünschen sich die dicken, schwitzenden Männer von Beerdigungskränzen umrahmt. Klingt alles jetzt womöglich infernaler, als es dann tatsächlich so über die Leinwand purzelte. Weil, es purzelt eben dann doch irgendwie auch beschwingt. Derart dahin trällernd, dass es so wirklich dann trotz allem nicht so richtig weh tun wollte.

Als wahrer God-King der Unbekümmertheit stellte sich letztlich am gestrigen Nachmittag MACISTE raus. MACISTE IM KAMPF MIT DEM PIRATENKÖNIG (Domenico Paella, 1962). Ein Abenteuer-Fest kindlich unbekümmerter Expeditions-Freude. Ein mit Freude gelebtes, wird schon alles gut gehen. Lässt sich doch alles immer mit einem Lachen im Gesicht stemmen. Lieblingsmoment: als sich die Mauern zum Harem öffnen und aus dieser Öffnung dann plötzlich lauter Löwinnen unseren Helden entgegen strömen. Das und die obsessive Auseinandersetzung des Films mit Ketten, die ständig gesprengt, mindestens jedoch mit schierer Muskelkraft aufgebogen sein wollen.

Dann, der „alte Hut“, oder wie Christian Kessler es ganz richtig auf den Punkt brachte: „Ein Zylinder! Dieser Film ist Schönheit. Dieser Film ist Eleganz auf 35mm. Dies ist der John Holmes des italienischen Zombiefilms.“ DIE SCHRECKENSINSEL in so satten Farben, in so leuchtendem Sonnenuntergangs-Licht auf der großen Leinwand erleben zu können, war ein Fest von wahrlich zermalmender Intensität. Danke!

Dann, der Film, der Strudel, bei dem bereits im Vorfeld alle Zeichen innerlich auf Begeisterung gebürstet waren. DAS LUSTHAUS TEUFLISCHER BEGIERDEN, oder auch: THE TRUTH/DAS EVANGELION ACCORDING TO SATAN, wie er tatsächlich ursprünglich heißen sollte. Und ja, die ersten drei Minuten versprechen immer noch alles. Künden von einem Film, der die allerletzten Fragen klärt und dich dabei gleichzeitig für immer ins Verderben zerrt. Leider nur die ersten drei Minuten, dann klingelt das Telefon und weinerlich wird das schöne Mädchen von einem recht unangenehmen Typen mit lächerlichen Selbstmord-Drohungen belästigt. Dann turnt auch noch ein kaum weniger theatralischer Hampelmann im Fensterrahmen rum. Belästigungen, die leider nun fortan alles durchziehen werden, auch die Momente reinen Glücks, das selbstvergessen auf scharfzackigen Klippen in der Sonne Liegen oder wenn die komplette Architektur von Rom in leuchtendes Rot getaucht wird und statt der beiden anstrengenden Jungs, einfach nur noch die Musik spricht.

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