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Wenn eine Doku ab 18 Jahren freigegeben ist, sollte das bei jedem Mistrauen wecken. Die Frage ist nur, ob gegenüber der FSK oder dem Inhalt selber, womit sich die Betrachtung von The Advocate for Fagdom schon vor dem Anschauen auf eine Metaebene begibt. Zumindest darf man schon mal an dieser Stelle versichern: Das Anschauungsmaterial ist nichts für Zartbesaitete, Homophobe, oder solche, die es noch werden wollen. Es werden u.a. Zerstückelungen (nicht in echt), Schwulensex (in echt) und Schweinereien wie des Ablecken von Toilettensitzen gezeigt. Ansonsten gibt es Interviews mit Regisseuren wie Gus Van Sant, John Waters und natürlich auch dem Advokaten selber, Bruce LaBruce. Wer sich also über diesen und seine Filme aufregt, hat noch nie zuvor einen erigierten Penis gesehen. Und genauer betrachtet ist es der homosexuelle Aspekt, der den Unterschied zwischen der Auswahl aus dem „Best of“ von Bruce LaBruce und dem Ekelfaktor von MTV’s Jackass ausmacht. Die Frage, der der Film von Angélique Bosio nun nachgeht ist, was die dahinter liegende Aussage bei LaBruce‘ Schaffen ist.

LaBruce provoziert gerne, und zwar nicht nur die kanadischen Zensoren, sondern auch seine schwulen Mitbürger. Und dazu bedient er sich einer postmodernen Metaebene, die von den Interviewten eigentlich nur er versteht. Die Querverweise auf Subkulturen und Filmklassiker bekräftigen zunächst die Annahme, dass LaBruce sich mit allem möglichen auskennt, ob nun Kunst oder Krempel. Und der Zusammenprall von Gegensätzen ist sein Lieblingsstilmittel. Das zeigt sich ebenso anhand von Robert Altman-Zitaten in seinen Filmen, wie auch an etwas so Unscheinbarem wie einem T-Shirt mit der Aufschrift „Ingmar Bergman mit unverkennbarem „Iron Maiden“-Schriftzug. Und mit eben solch einem Zusammenprall, man könnte sagen „Culture Clash“, beginnt auch die Geschichte von Bruce LaBruce‘ Karriere als Verleger und später als Independant-Filmemacher. Als Protest gegen die spießbürgerliche Schwulengemeinschaft in den Achtzigern, die sich dem Establishment anbiedern wollte und ausgerechnet für das Recht auf die konservativsten Institutionen – nämlich Eheschließung und Militärdienst – kämpfte, und gegen die damals noch homophobe Punk-Bewegung, schloss LaBruce einfach die beiden gegensätzlichsten Subkulturen jener Zeit kurz und erfand „Queercore“. Und bereits hier sind sich die Interviewten uneinig, was zuerst da war, die Queercore-Bewegung oder die Kunstfigur Bruce LaBruce. Ursache und Wirkung verschmelzen zu einem Ganzen, welches dadurch in der Metaebene zu einer Erfindung von LaBruce wird. Selbst wenn also nicht er der Erfinder der Queercore-Szene ist, so hat er den Ausdruck zumindest als erster publiziert und seinen Namen untrennbar mit dem Ausdruck „Queercore“ verbunden.

Der Hauptteil des Filmes versucht nun auf das filmische Werk von LaBruce einzugehen und die Metaebenen mit Hilfe von anderen Filmemachern zu entschlüsseln. Dabei gelingt es Bosio eine Zeit lang einen roten Faden zu finden, indem die Provokation selbst zunächst in den Vordergrund rückt. Doch Provozieren um seiner selbst willen ist auf Dauer für eine wahre Aussage nicht genug und würde auch LaBruce selbst nicht gerecht. Zu genau weiß er, was provoziert, und wenn es wichsende Nazis sein müssen, die auf „Mein Kampf“ abspritzen. Zu albern wirken diese Szenen, um als Fetische abgestempelt zu werden, zu gekünstelt, um nur reinem Schauwert zu dienen. Aber was genau nun dahinter steht, wird kaum ersichtlich, dazu verheddert sich The Advocate for Fagdom zu sehr in Meinungspluralismus und Selbstreferentialität. Und wenn am Ende auch noch ein Pärchen, dass gerade eine Promo-Kunstaustellung zu Bruce LaBruce‘ Zombie-Film Otto besucht hat, die mittlerweile üblich gewordenen 9/11-Verschwörungstheorien einbringt und der Freund sich dabei noch aus Spaß die Hose auszieht, kommt dabei ein etwas zu durchmischter Einheitsbrei zustande, der von allem etwas enthält, nur nicht die volle Wahrheit.

The Advocate for Fagdom
R: Angélique Bosio
P: Gildas Le Tourneur Hugon, Stéphane Bouyer
K: Angélique Bosio, Stéphane Bouyer, Kenneth Thomas, Garry Sykes, Jane Battement
D: Bruce LaBruce, Glenn Belverio, Gus Van Sant, John Waters, Vaginal Davis, Susanne Sachsse
Frankreich, 2011, 91 Min.
GMfilms
Veröffentlichung: 21.10.2011
Bildformat: 16:9
Sprache: Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Griechisch
FSK: ab 18 Jahre

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