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Die Eröffnungssequenz zeigt minutenlang ein Motorradrennen. Das Im-Kreis-Fahren zeigt hier – um vieles weniger plakativ wie in Sofia Coppolas Somewhere – ein Bild des immer Gleichen, der Ausweglosigkeit. Verstärkt wird das Bild nämlich durch eine zunächst befremdliche Aktion auf der Audioebene: Mal ist das laute Motorengeräusch zu hören, dann wieder herrscht Stille. Die Übergänge sind dabei aber nicht abrupt, sondern die Lautstärke wird weich geregelt. Obschon wir als Zuschauer auf Distanz zu den Fahrern gehalten werden, wird dadurch dennoch ein Einfühlen in den Moment des schnellen Fahrens ermöglicht, an dem die zu bewältigende Maschine in Vergessenheit gerät und sich vollkommen der Geschwindigkeit und der Freiheit hingeben kann. Doch sind diese Erlebnisse sehr flüchtig, immer wieder wird der Fahrer und somit der Zuschauer aus diesem Zustand der Losgelöstheit im Geschwindigkeitsrausch herausgerissen. Eine der eindrücklichsten Szenen des Films wird dies später aufgreifen: Bud (Vincent Gallo, neben der Hauptrolle auch für alles andere an dem Film verantwortlich) kommt auf seiner Fahrt in den Westen mit seinem Van an der Salzwüste vorbei. Der Rennfahrer holt sein Motorrad aus dem Van und fährt gen Horizont. Die Kamera bleibt zurück, verfolgt aber lange seinen Weg. Dabei entsteht durch die Hitzeschlieren in der weiten Ebene der Eindruck, Bud fahre über den Horizont hinauf, löse sich vom Boden und bewege sich in den Himmel hinein. Die Weite der Landschaft und die Schnelligkeit seines Motorrads ermöglichen ihm ein Entkommen aus der Wirklichkeit, ein Verlassen der Welt. Doch der nächste Schnitt zeigt wieder einen Highway. Dieser verschwimmt in der Ferne ebenfalls mit dem Himmel, von dort nähert sich der Van der Kamera und fährt dann an ihr auf der Straße vorbei. Ein wirkliches Verlassen der Welt ist nicht möglich, der eingeschlagene Weg, also auch Buds Fahrt nach Los Angeles, muss fortgesetzt werden.

Absolut unverkennbar die Verwandtschaft von The Brown Bunny mit den Road Movies des New Hollywoods. Als der erfolglose Rennfahrer Bud am Anfang nach dem Rennen die sehr junge und naive Violet überredet, ihn nach Westen zu begleiten, liegt eine Erinnerung an Kit und Holly aus Badlands sehr nahe. Doch ist Bud im Gegensatz zu Kit ein in seinem Selbstwertgefühl und seiner Persönlichkeit vollkommen zertrümmerter Mann. Versucht Kit durch seine Taten einen Status in den Augen der anderen zu erlangen und Idolen nachzueifern, krankt Bud an seinem eigenen Inneren. Daher wird er Violet auch nicht mit auf den Weg nehmen, ebensowenig wie er mit den anderen Frauen, die alle Blumennamen haben und die ihm unterwegs begegnen wirklich etwas anzufangen weiß. Bud interessiert sich nämlich eigentlich nur für sie, weil sie ihn in irgendeiner Art an seine Blume, Daisy (Chloe Sevigny), erinnern. Ihre gemeinsame Vergangenheit ist es, die ihn antreibt, die für seinen Schmerz verantwortlich ist.

So wirkt Bud auf seiner Reise ebenso verloren wie die Protagonisten in The Rain People oder Vanishing Point. Ähnlich wie sie bewegt er sich durch karge Landschaften. Waren diese Landstriche des amerikanischen Westens einst verbunden mit dem Frontiermythos, der Suche nach der Grenze und der Befreiung, fahren die Figuren im New Hollywood nur noch durch sie hindurch, ohne irgendeinen Bezug zum Land herstellen zu können. In The Brown Bunny geht Gallo noch einen Schritt weiter. So gut wie nie ist das Land anders als durch Buds Windschutzscheibe zu sehen, fast nie wird sein Fahrzeug bei der Durchquerung der Landschaft gezeigt. Sein Charakter ist vollkommen in seiner eigenen Welt, seiner Vergangenheit, seiner Schuld eingeschlossen, ist daher unfähig zu einer Loslösung. Ständig scheint ihm die Sonne entgegen, verschleiert seine Sicht. Auch ist der Blick auf die Welt getrübt durch die Überreste der an der Glasscheibe zerschmetterten Insekten. Dieser Schmutz der ewigen Fortbewegung steht als Metapher für den nicht zu entfernenden Ballast des bisher beschrittenen Weges. Einziges, alleinstehendes Symbol der Unschuld bleibt das kleine braune Kaninchen, das einst Buds Freundin Daisy gehörte. Es steht für die unschuldige Kinderzeit, die unberührte, reine Natur – dies alles kann Bud auf seinem Weg nicht mehr finden, sondern bewegt sich immer nur tiefer in sich selbst, seinen Schmerz und seine Schuld hinein.

Bei seiner Premiere in Cannes löste der Film einen Skandal aus, wozu vor allem die Oralsexszene gegen Ende beigetragen hat. Diese ist nicht Höhepunkt des Films, mehr eine schlichte Konsequenz von Buds Weg, hier kommt seine Bewegung kurzzeitig zum Stillstand, sein Selbsthass erlangt Überhand, nur um die Figur danach wieder unbarmherzig in ihre nie endende Fahrt durch die eigene Hölle zu entlassen. Anders als seine Ahnen sucht Bud nicht nach Befreiung aus den Zwängen der Gesellschaft, dem Mythos des freien Amerikas, sondern ihn verlangt es nach dem unmöglichen Ausbruch aus dem selbstgebauten Gefängnis.

The Brown Bunny wurde in Deutschland von Sony auf DVD veröffentlicht.


The Brown Bunny
R: Vincent Gallo
D: Vincent Gallo, Chloe Sevigny
USA, Frankreich 2003, 90 Min.
Copyright: Sony Home Entertainement