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Wir sind seit September 2012 Kooperationspartner der zweimonatlich erscheinenden multimania, dem Magazin für zeitgenössische Medienkultur, wo Ihr ihr aktuell allerlei Wissenswertes über Games, Filme, Hörspiele, Comics und Literatur erfahrt. Im multimania-Heft findet Ihr  anfangend mit der Oktoberausgabe eine Seite von NEGATIV-Autoren, auf unserer Seite Gastbeiträge von multimania.


Ein bisschen Gehirnmasse hat noch nie geschadet

von Jenny Jecke

Eine Neubelebung des Genres visiert Drew Goddard mit THE CABIN IN THE WOODS an, einer Horrorkomödie, die ihre Charaktere liebt und uns Zuschauern mit dem nötigen kritischen Respekt begegnet.

Horrorfilmfans drohen seit einiger Zeit, in einer einfallslosen Suppe aus Found Footage-Klonen zu ertrinken, doch es gibt noch Hoffnung. Sie ist dünn gesät, und manchmal finden wir sie ausgerechnet in einer Genre-Party voller Klischees und vorhersehbarer Einfälle. THE CABIN IN THE WOODS ist deswegen der Gassenhauer der Saison, ein Horrorfilm über Horrorfilme und vor allem über die Menschen, die sie anschauen. Drew Goddards Regiedebüt verdient aufgrund seines hintersinnigen Witzes und den mehr als passablen Schockeffekten alle Aufmerksamkeit der Welt, und das nicht nur, weil ein gewisser Joss Whedon am Drehbuch mitgeschrieben hat. Im Zeitalter der endlosen Sequels und Remakes verehrter Genre-Reihen konfrontiert uns THE CABIN IN THE WOODS mit den Stereotypen, die Fans im Laufe ihres Horrorlebens lieben lernten. Von der übersexualisierten Prom-Queen, die zuerst sterben muss, bis hin zum Final Girl bekommt jedes ausgelutschte Horrormotiv sein Fett weg und es macht großen Spaß, bei der liebevollen Dekonstruktion zuzusehen.

Gedreht wurde THE CABIN IN THE WOODS bereits 2009, als Joss Whedon noch längst nicht zum Darling des Superhelden-Blockbusterkinos aufgestiegen war. Nun, in dem Jahr, in dem MARVEL’S AVENGERS unter seiner Regie Rekorde gebrochen hat, erblickt seine Zusammenarbeit mit dem früheren BUFFY- und späteren LOST-Autor Drew Goddard endlich das Licht der Kinowelt. Schuld an der Verzögerung trägt der Bankrott des Traditionsstudios MGM 2010. Lange Zeit war deswegen unklar, ob THE CABIN IN THE WOODS überhaupt jemals in die Kinos kommen würde, bis Lions Gate im vergangenen Jahr den Verleih des Films in Angriff nahm. So ist 2012 mehr zufällig denn absichtlich zum Jahr des „Buffy“- und FIREFLY-Schöpfers Joss Whedon geworden, zum Jahr des Lieblings einer Fanbase, die ihm trotz oder gerade wegen all der gecancelten Serien treu geblieben ist. Allen Neulingen im „Whedonverse“ mag THE CABIN IN THE WOODS einen kleinen Eindruck von der Wurzel dieser leidenschaftlichen Zuneigung geben.

Zunächst haben wir in THE CABIN IN THE WOODS zwei Filme vor uns. Der eine handelt von den eher langweilig routinierten Technikern Richard (Richard Jenkins) und Steve (Bradley Whitford), die in einer sterilen Anlage ein aufwendiges Experiment vorbereiten. Der andere verfolgt eine Gruppe scheinbar stereotyper College-Kids, die sich in einem alten Wohnwagen aufmachen, um in einer abgelegenen Hütte die Sachen zu machen, die wir von College-Kids in Horrorfilmen eben erwarten. So wenig alltäglich der Job von Richard und Steve ist, so wenig entsprechen die Lämmer auf dem Weg zur Schlachtung ihren augenscheinlichen Figurentypen. Die Sportler beispielsweise (Jesse Williams und THOR-Darsteller Chris Hemsworth) sind Streber, der Kiffer vom Dienst (Fran Kranz) blickt als einziger durch. Dumm nur, dass seine Freunde nicht auf ihn hören. Denn Richard und Steve haben sie mit perfiden Tricks in die Hütte gelockt, und das leider nicht, um ihnen bei einem entspannten Urlaub zuzuschauen.

Das Spiel mit den Horrorfilm-Konventionen ist spätestens in SCREAM zum Mainstream durchgedrungen. Mehr noch als Wes Cravens wegweisender Beitrag haben Drew Goddard und Joss Whedon einen Horrorfilm im Horrorfilm gedreht, der seine eigenen Mechanismen stets mit einem Zwinkern offenlegt. Wenn Richard und Steve die Hütte im Wald nach Gutdünken manipulieren, damit bloß jede unserer Erwartungen erfüllt wird, haben wir zugleich Goddard und Whedon selbst vor uns, die sich beim Filmemachen über die Schulter blicken lassen. Manches Mal scheinen die beiden gar direkt mit uns zu reden, wie wir im Kinosaal kauern und kontinuierlich rätseln, wer das Martyrium durchstehen wird. Gerade wenn einem die einschlägigen Genrebeiträge wie TEXAS CHAINSAW MASSACRE, TANZ DER TEUFEL und HELLRAISER geläufig sind, bietet THE CABIN IN THE WOODS einen ganzen Schatz an Querverweisen und Parodien, die auf Whiteboards und verstaubten Regalen auf ihre Entdeckung warten.
Obwohl THE CABIN IN THE WOODS mit einiger Verspätung im Kino landet, bleibt der Film als Hommage und großer Do-It-Yourself-Baukasten zugleich eine Erinnerung an all das, was Fans am Horrorgenre lieben, ohne sich als simpler Liebesbeweis aus der Affäre zu stehlen. Als Kritik an Torture Porn und allgemeiner Ideenfaulheit geht der Streifen in Angriffsstellung und führt zitierfähige Dialoge, tatsächlich noch überraschende Twists und v.a. eigensinnige Figuren als Geschütze auf, die wir wirklich nur ungern sterben sehen. Irgendwo zwischen TANZ DER TEUFEL,SCREAM und ALL THE BOYS LOVE MANDY LANE schwankend, ist THE CABIN IN THE WOODS der wohl cleverste Horrorfilm des Jahres und – noch wichtiger – einer der Unterhaltsamsten.

Fotos: Universum Film, multimania