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A SHOT IN THE DARK, Copyright MGM

Der Neue ist nicht der zu erwartende Action-Blockbuster geworden, eher ein merkwürdiger Terrorismusstreifen. Teil 3 ist kein Film über Superhelden, sondern einer über Individuen einer Gesellschaft, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden. Gotham ist nicht mehr Gotham, sondern wird zu einem post-apokalyptischen, Post-9/11-New York mit einer Gesellschaft traumatisiert durch amerikanische Traumata. Nolan findet dementsprechend weniger Bilder, die typisch für sein Genre wären, als solche, die auf Ängste abzielen. Meistens Ängste der US-Medien, manchmal westliche Ängste und bei Bösewicht Bane darf dann doch die ein oder andere Comic-Angst nicht fehlen. Der Protagonist Batman ist ihm dabei etwas aus den dicht inszenierenden Händen geglitten, ganz so wie Batman sich selbst abhandengekommen ist. Eine ähnlich Taktik wie in Teil 2, an dem die Charakter-Konturen des dunklen Ritters sich dann doch erschreckend an dem herausrieben, was er nicht ist beziehungsweise was er nicht sein will. Hier scheint es nun so, als ob der Held zu schwach geworden ist. Der Ballast der Medien-Kino- und Comic-Gegenwart fordert seinen Tribut und lässt Christian Bale lediglich ein Klischee seiner Selbst werden, samt der zu erfüllenden Standards. Teilweise scheinen diese von düsteren Vorlagen inspiriert, also Stationen wie aus einem Spätwestern, jedoch sind eben auch diese mittlerweile feste Standards. Naive Superheldenfilme kann es wohl ebenso schwerlich geben wie naive Western. Der gealterte Batman versucht es stellenweise trotzdem. Und scheitert. Das ist wunderbar anzusehen, aber dadurch ist THE DARK KNIGHT RISES eben kein Action-Mega-Blockbuster geworden, er ist Stückwerk, ein Mosaik.

Über Don DeLillo, dem Autor, an dem sich aktuell Cronenberg im Kino die Zähne ausbeißt, wird geschrieben, er habe 9/11 „erfunden“ und schreibe bereits seit vier Dekaden Bücher über die dadurch traumatisierte Gesellschaft. Ähnliches ließe sich über die Batman-Figur titeln, in all seinen aberwitzigen Ausformungen und Entwicklungen. Ebenso deutlich wie Pattinson im fahrenden Sarg trägt der dunkle Rächer seinen inneren Tod ostentativ mit sich herum. Beide Helden werden zu Metaphern einer Welt, die sich bereits totkapitalisiert zu haben scheint. Und beide – obwohl sie rein statistisch gesehen auf der Profitierer-Seite stehen – werden zu unwahrscheinlichen Helden, weil sie sich irgendwie versuchen aufzubäumen. Pattinson, indem er sich mit halber Frisur in die Hand schießt, und Bruce Wayne, indem er bösartig gegen das Böse antritt, welches es ohne ihn in dieser Form gar nicht gäbe. Regisseur Nolan verwendet indes nicht nur diese Motive ausgiebig, gerade weil diese sich – wie bei DeLillo, dessen Expertise eben auch in der Beherrschung seines Mediums und nicht etwa in hellseherischen Fähigkeiten liegt – durch die Aufführung des Batman-Stoffes wie von selbst ergeben. Besonders Drehbuchautor Nolan verwendet zahlreiche andere Geschichten, erzählt zwischendrin quasi sogar nochmal seine eigenen beiden ersten Werke erneut und verliert sich darin ein wenig. Wenn man über die ein oder andere Länge und den ein oder anderen sich zwingend ergebenden schlampig wirkenden Logikfehler hinwegsieht, findet dadurch aber auch jeder etwas in THE DARK KNIGHT RISES, das ihm gefallen wird. Es wird versucht Batman als ein kulturelles Phänomen zu inszenieren, das einen Raum bietet für Interpretationen, Meinungen, Ängste, Hoffnungen, Identifikationen, Befremdungen und vor allem Diskussionen. Der Film spiegelt den dunklen Rächer vielleicht deshalb auch am besten wider, weil er in sich so widersprüchlich ist wie es die Geschichte stets für seinen Held beansprucht.

Die Puzzleteile für sich in THE DARK KNIGHT RISES passen, es lässt sich verführerische Mainstream-Schönheit in ihnen finden. Im Blick von weiter weg verschwimmt das Bild etwas, ist nicht ganz ausgewogen, was sich andererseits in das konzeptuelle „Welt-aus-den-Fugen“-Motiv einfügt. Doch sich in Widersprüche begeben darf als Anspruch nicht mehr genügen, zu transparent sind die Paradoxien des Seins in der Realität geworden, das weiß auch Blockbuster-Inszenator Nolan und hält sich brav an eine Mindest-Action-Quoten-und-Simplifizierungs-Erfüllung. Dennoch scheint es fast so, als ob das Nolansche Drehbuch mit dem Regisseur etwas durchgegangen ist für Cineplex-Erwartungen. Zunächst ist Bruce Wayne ein zurückgezogener Gehbehinderter, dann nutzt er sein neustes Technik-Update hauptsächlich dazu, sich aus der Affäre zu ziehen, und verhindert damit jede mögliche Actionszene mit bombastischer Länge. Dann wird er auch noch privat inkonsequent, verbringt eine gute Zeit des Films in einem mehr symbolischen als nachvollziehbaren Gefängnis, um schließlich herauszufinden, dass er von eigentlich ziemlich eindimensional motivierten Figuren nieder gemacht wurde (was schon alles über die geistige Größe/bzw. die Dimension der Motiviertheit dieses Batmans aussagt und ihm wohl psychisch endgültig den Rest geben dürfte, was wiederum eine interessante Interpretation für das Ende darstellen könnte) und in deren unspektakulärem Ende versiegt, welches Batman einmal mehr allein gegen seine eigene Technik dastehen lässt.

Und darin, in kurzen aber vielsagenden Interpretationsräume eröffnenden Bildern, scheint Nolan der Regisseur diesmal aufzugehen. Das Paradox des hochtechnisierten (Um-)Weltretters, der durch eine ausstoßfreie Energiequelle zerstört werden kann, findet sich oft wieder, bis hin zu einem der bevorzugten Fortbewegungsmittel diesmal, dem Motorrad. Dieses anarchische Gefährt dient eigentlich hauptsächlich der Vergnügung. Aber je mehr Pop eine Figur ist, desto drastischer müssen Zeichen umgedeutet werden. Dieses Motorrad kann mit seinen dreh- und überschlagbaren Reifen nämlich besonders schnell und spitz um Kurven jagen, wird uns weißgemacht. Wenn dann Catwoman einmal darauf besonders deutlich im plötzlich aufgetauchten engen Latexanzug glasklar zu sehen ist, wird in Erinnerung gerufen, dass hier Umdeutungen stattfinden. Die sexistisch Angezogene (sonst sind die Superheldenanzüge wie stets in der Nolan-Trilogie meistens sehr dezent inszeniert) wird zur emanzipierten Powerfrau, auf einem Motorrad, das kein Umweltsünder zum Spaß mehr ist, sondern die letzte Rettung.

Weiter sucht Regisseur Nolan vergnügt Bilder für Schlüsselfiguren, die eigentlich nur instrumentalisierte Puppen sind, sowohl durch Mächtige als auch durch ihre eigenen Privatfehden. Und Bilder für „Pseudo“-Revolutionen, denen es ebenso an Rückendeckung fehlt wie dem Widerstand. Überhaupt ist für die Grundthematik des Films sehr wenig Zivilbevölkerung zu sehen. Als alles vorbei ist, wird ein typischer, kleinbürgerlicher Stadt-Wohnstraßenzug gezeigt, aus dem plötzlich in Mänteln vorsichtig Bürger kriechen: Den möglichen Weltuntergang beziehungsweise alternativ die möglich gemachte Machtübernahme des Volkes hat Otto-Normal-Bürger vor dem Kamin verbracht. Auch in der Comicverfilmung muss sich der Superheld von heute längst mit der Schwerfälligkeit einer Massengesellschaft herumärgern. Genre-Occupy für Frustrierte sozusagen. Und welche Lösungsvorschläge hat das Kino der Realität zu bieten? Erst mal Urlaub machen! Oder Frührente wahrnehmen, wenn’s noch geht! Und dort, wenn man sich erholt hat, hoffen, dass es ein anderer schon richten wird…

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