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Sandor Clegane besteht zu Aryas großer Enttäuschung die Feuerprobe und besiegt Beric Dondarrion. Die größere Überraschung ist jedoch, dass Thoros von Myr den sterbenden Anführer der Brotherhood Without Banners ins Leben zurückholt.

Sandor Clegane besteht zu Aryas großer Enttäuschung die Feuerprobe und besiegt Beric Dondarrion. Die größere Überraschung ist jedoch, dass Thoros von Myr den sterbenden Anführer der Brotherhood Without Banners ins Leben zurückholt.

Das letzte Mal bot AND NOW HIS WATCH IS ENDED ein kleines Feuerwerk an visuellen Höhepunkten. In KISSED BY FIRE wird die Intensität gehalten, vielleicht sogar übertroffen. Doch statt der direkten Stimulation des Zuschauers durch plot twists, Action, explizite Gewalt und Erotik – beliebte Inszenierungsmittel der HBO-Serie GAME OF THRONES – entsteht der Genuss der Folge allein über starke Charakter-Szenen sowie die raffinierte Narration. KISSED BY FIRE ruft einem die wahre Stärke der Serie ins Gedächtnis: Die Fähigkeit, den Zuschauer in den wenigen Minuten, die für die einzelnen Handlungsstränge pro Folge übrigbleibt, tatsächlich in die Figuren einfühlen zu lassen. KISSED BY FIRE lässt geschickt die voneinander getrennten Handlungsstränge durch Kontrastierungen, Spiegelungen und Umkehrungen sich miteinander verschränken. Deshalb verzichte ich wie schon bei der letzten Recap auf eine strikte räumliche Unterteilung, um diese Verbindungen besser nachspüren zu können.

YOU KNOW NOTHING, JON SNO-OH!

So unterschiedlich die Erzähllinien in GAME OF THRONES auch sind, haben sie doch mehr gemein als die zeitliche Simultaneität. Die Serie demonstriert dies – mal mehr, mal weniger gelungen – in der Art, wie von einem Handlungsort zum nächsten geschnitten wird. Weniger gelungen, wenn der nachfolgende Figurenstrang für den Zuschauer explizit angekündigt wird. Mehr gelungen, wenn das verbindende Element als Bildmotiv aus dem Ende einer Szene in den Anfang der nächsten überleitet. In KISSED BY FIRE verbindet zum Beispiel das Motiv des Feuers die Brotherhood Without Banners mit Stannis‘ Königshof. Feuer ist das Symbol des Gottes R’hllor, der in beiden Gesellschaften verehrt wird. Gleichzeitig ist Feuer Ausdruck für den Fanatismus, mit dem die Anhänger des Lord of Lights sowohl in den Riverlands als auch in Dragonstone ihren Glauben ausleben: Im Namen seines Gottes spricht Vigilant Beric Dondarrion Recht mittels ein flammenden Schwertes; Stannis‘ Gemahlin Selyse wähnt in der sexuellen Vereinigung ihres Mannes mit Melisandre einen Akt des Glaubens. Feuer ist zudem eine konkret in der Welt mächtige Naturgewalt. Der Fanatismus beider Gruppen hat durchaus seine Berechtigung – Die Jünger des Lord of Light müssen nicht an die Macht ihres Gottes glauben, sie sind bereits Zeuge geworden von seiner tatsächlichen Wirksamkeit. Dabei stellt Thoros von Myr eine Umkehrung von Melisandre dar: Während die rote Priesterin mit der Magie ihres Feuergottes Leben nimmt, scheint der rote Priester den Tod aufheben zu können. Doch trotz dieser neuen, wohltätigen Komponente bleibt das Motiv des Feuers in Assoziation mit dem R’hllor-Kult überwiegend negativ konnotiert. Es steht für Gefahr, (Blut-)Magie, Obsession, Unberechenbarkeit, Grausamkeit und Tod.

Dem gegenüber steht das Motiv des Wassers. Es symbolisiert Ruhe, Geborgenheit und Regeneration. Zweimal nehmen Mann und Frau in KISSED BY FIRE ein Bad – und gelangen jeweils zu einer ganz eigenen Intimität. Jenseits der Mauer steigen Jon und Ygritte zusammen in ein kleines Becken innerhalb einer Höhle. Sie halten sich in den Armen, ihre Körper sind noch verschwitzt vom gemeinsamen Liebesakt. Für einen Moment lässt sie die traute Zweisamkeit ihrer Liebesgrotte die Außenwelt vergessen. Im Schoß des Wassers werden der Bruder der Nachtwache und die Wildlingsfrau eins. Ihre gemeinsame Liebe ist der Traum nach einem ursprünglichen, unschuldigen Zustand, der Rückzug in einen sorgenfreien Ort inmitten des Krieges. In Harrenhall ist Wasser nicht nur Ausdruck von Reinheit, sondern auch von Reinigung. Jaime wäscht den Schmutz aus seinem alten Leben ab. Er steigt zu Brienne in ein Wasserbecken. Sie sind nackt. Ihre Intimität ist nicht von sexueller Natur, sondern ein Zeichen ihres vollkommenen, gegenseitigen Vertrauens – Sie haben nichts mehr zu verbergen. So offenbart auch Jaime Brienne die wahren Hintergründe seines Mordes an König Aerys II. Targaryen: Sein Eidbruch, der ihn seither als man without honor brandmarkte, stellt sich als seine wahrscheinlich edelste Tat heraus. Denn nicht der Opportunismus ließ ihn das Schwert in den Rücken seines Königs treiben, sondern der Entschluss, zahlreiche Unschuldige vor dem Tod durch die Hand eines Wahnsinnigen zu retten. Angesichts seiner Niederlage gab der Mad King nämlich den Befehl, die gesamte Stadt in Wildfire-Flammen versinken zu lassen.

THE GIRL WITH THE DRAGON FACE

Invertierung I: Während man Stannis durch seine Dragonstone-Szene endlich etwas Menschliches abgewinnen kann, erleben wir Robb in der Hinrichtung von Lord Karstark von seiner harten, unbarmherzigen Seite.

Invertierung I: Während man Stannis durch seine Dragonstone-Szene endlich etwas Menschliches abgewinnen kann, erleben wir Robb in der Hinrichtung von Lord Karstark von seiner harten, unbarmherzigen Seite.

Feuer ist böse und Wasser ist gut? Wie üblich für GAME OF THRONES bleibt es auch in KISSED BY FIRE nicht bei diesem einfachen Gegensatz. Statt Dualismus herrscht Ambivalenz. Feuer kann durchaus Gutes bewirken – Thoros von Myr schenkt Beric Dondarrion neues Leben – und Wasser ebenso Unheil verheißen. In der Folge erleben wir Stannis Baratheon zum ersten Mal als Privatmensch und erhalten Einblick in die drückende Atmosphäre seines eigenen Zuhauses. Dragonstone ist Gothic Horror pur, die Verkehrung des Heimischen ins Morbide, ins Unheimliche. Seine Frau, eine noch größere Fundamentalistin als er, bewahrt ihre totgeborenen Söhne in trüben Flüssigkeiten auf, seine kleine Tochter Shireen muss aufgrund ihrer ansteckenden Grauschuppen-Erkrankung in Quarantäne leben. Ihr Gesicht ist halb Prinzessin, halb Drache. Shireen reiht sich perfekt in die Reihe Burtonesker Außenseiter-Figuren aus GAME OF THRONES. Aufgrund ihrer körperlichen Anomalie als hässlich, als Freaks wahrgenommen, zerreibt sich ihr unschuldiges Wesen an der Scheußlichkeit der Welt: der Zwerg, die Riesin, der Bluthund und das Drachenmädchen. Eine tiefe Melancholie umtreibt diese Figuren, ebenso eine latente oder offene Bedrohlichkeit. Shireens makabres Nonsense-Lied, in voller Länge im Abspann zu hören, ist eine Aneinanderreihung beklemmender Visionen, die sich häufig der Motivik des Wassers bedienen. Als wäre es die dunklen Vorahnungen eines hellsichtigen Mädchens:

It’s always summer, under the sea
I know, I know, oh, oh, oh

The birds have scales, and the fish take wing
I know, I know, oh oh oh

The rain is dry, and the snow falls up
I know, I know, oh, oh, oh

The stones crack open, the water burns
The shadows come to dance, my lord

The shadows come to play
The shadows come to dance, my lord

The shadows come to stay…

(Anmerkung: Die Verbindung zum Wasser-Motiv wird in den Büchern dadurch noch deutlicher ausgespielt, dass dieses geheimnisvolles Lied nicht von Shireen, sondern dem grotesken Narren Patchface gesungen wird, der seit eines Seeunglückes seinen Verstand verlor und sich in ebenso absurden wie prophetischen Reimen ergeht.)

EIN MANN MIT OHNE EHRE

Invertierung II: Während Jaime in einer Nacktszene Brienne sein Innerstes anvertraut, plaudert Ser Loras in King’s Landing während des Sex‘ mit Littlefingers Prostituierten wichtige Informationen aus. Zwei Variationen der Sexposition – Jener durch GAME OF THRONES populär gewordenen Praxis, Exposition vor dem Hintergrund von Sex und frontal nudity zu betreiben.

Invertierung II: Während Jaime in einer Nacktszene Brienne sein Innerstes anvertraut, plaudert Ser Loras in King’s Landing während des Sex‘ mit Littlefingers Prostituierten wichtige Informationen aus. Zwei Variationen der Sexposition – Jener durch GAME OF THRONES populär gewordenen Praxis, Exposition vor dem Hintergrund von Sex und frontal nudity zu betreiben.

Jaimes Badeszene ist nicht nur ein Schlüsselmoment in der Entwicklung der Figur des Kingslayers, sondern auch das inhaltliche Herzstück der Folge. Sie eröffnet den Diskurs um die Frage: „Was ist Ehre?“, der in der Gegenüberstellung verschiedener Ansätze an den weiteren Handlungssträngen durchexerziert wird. Für Ser Barristan Selmy ist die Sache eindeutig: Ein Mann von Ehre bricht niemals seinen Eid. Als Mitglied der Königsgarde hat er bedingungslos das Leben seines Königs beschützt, egal ob er ein wahnsinniger Tyrann oder egoistischer Trunkenbold war. Seine Pflichtethik ist absolut. Hätte er den Mad King davon abgehalten, King’s Landing in Brand zu setzen? Ser Barristan Selmy vertritt das traditionelle Ideal des Ritters, das in seiner Kompromisslosigkeit an der Realität scheitert. Deutlich wird dies vor allem an der Familie der Starks: Von allen Häusern am meisten darum bemüht, dem Leitbild des Ehrenmannes zu entsprechen, scheinen ihre „richtigen“ Entscheidungen doch nur negative Folgen für ihre Familie zu haben. Eddard verliert wegen seiner Aufrichtigkeit seinen Kopf und löst den Krieg zwischen dem Norden und Süden aus. Robb sorgt innerhalb seiner Armee für Gerechtigkeit, indem er den fehlgeleiteten Lord Karstark für die Ermordung der jungen Lannistergeisel hinrichtet – und schneidet sich damit ins eigene Fleisch. Mit einem einzigen Schwerthieb streckt er nicht nur einen Mann vom eigenen Blut nieder, sondern halbiert dadurch zugleich seine Armee, da die Karstarks ihm ihre Unterstützung entziehen. Das Perfide an dem Schicksal der Starks ist nicht nur, dass sie für ihr ethisch richtiges Handeln stets „bestraft“ werden, sondern auch, dass sie genau genommen dem „Selmy’schen“ Vorbild des Ehrenmannes doch nicht entsprechen. Vater wie auch Sohn können ihre Eide nicht halten. Eddard hat Catelyn mit einer unbekannten Frau betrogen und den Bastards Jon Snow gezeugt. Robb hat die ausgehandelte Verlobung mit dem Hause Frey zugunsten seiner Liebe zu Talisa aufgelöst. Die Starks sind im ständigen Konflikt zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen gefangen, in der Wahl zwischen ihrem Glück und dem Allgemeinwohl. Statt einen Leitfaden zum tugendhaften Leben zu verfolgen, gehen die Starks an ihren eigenen Ansprüchen zugrunde.

Da sind die Lannisters pragmatischer. Sie betreiben reine Realpolitik. Ihre Hände sind nicht durch die strikte Einhaltung eines moralischen Codex gebunden. Stattdessen steht ihnen ihre absolute Selbstbezogenheit im Wege. Ehre ist für sie die Existenzsicherung der eigenen Familie – um jeden Preis. Menschen werden zu Werkzeugen für das größere, eigene Wohl. Lord Tywin sichert die Machtposition seiner Familie, indem er Cersei und Tyrion gegen ihren Willen verheiratet. Ein kühner Schritt mit ungeahnten Konsequenzen. Die Tyrells werden sich ebenso zum Handeln herausgefordert fühlen wie Tywins Kinder selbst. Schließlich ist Ehre nur eine Zuschreibung, sie steht und fällt mit dem Namen. Jaime versucht sich von seinem Spitznamen reinzuwaschen: „Jaime. My name is Jaime“. Sein Beiname „Kingslayer“ ist ein Etikett, ein Urteil, das ihm von sogenannten Ehrenmännern wie Barristan Selmy oder Eddard Stark unbarmherzig aufgedrückt wurde. Während Jaime ein Gefangener seines eigenen Namens ist, sieht der Unsullied-Hauptmann Grey Worm seinen unwürdigen Sklavenname als Ausdruck der Freiheit – Erinnert der Name ihn doch an den Tag, als ihm Daenerys Targaryen die Ketten löste.

Was ist also Ehre? Antwort: Ehre gibt es nicht. Wie ein Name ist sie Schall und Rauch. Eine bloße Ansammlung von Lauten, denen die Menschen die für ihren Lebensentwurf jeweils passende Bedeutung beimessen.

Bildcopyright: HBO