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Eines der vielen Entdeckungen des Festivals: THE KIRISHIMA THING ©2012 “Kirishima” Film Club ©Ryo Asai / SHUEISHA

Eines der vielen Entdeckungen des Festivals: THE KIRISHIMA THING ©2012 “Kirishima” Film Club ©Ryo Asai / SHUEISHA

Auch dieses Jahr hat die NIPPON CONNECTION mit einem abwechslungsreichen Programm die Freunde des japanischen Films begeistern können. Vom aktuellsten Japankino über die neuen Werke international etablierter Regisseure wie Sion Sono oder Takashi Miike bis hin zu einer beeindruckenden Retrospektive war die Film-Ausbeute in diesem Jahr erstaunlich groß. Zu groß, als das man alles hätte sehen können. Denn: auf der NIPPON sich für einen spannenden Programmpunkt zu entscheiden heißt gleichzeitig vier andere schweren Herzens in den Wind schießen zu müssen. Wer neben Tee-Zeremonie, Schwertkampf-Workshop und Mikabomb trotzdem seinen Weg ins Kino gefunden hat, konnte mit ein bisschen Glück im Gewühl aus mitreißenden Filmen und einigen Enttäuschungen schließlich jene Festival-Perlen finden, die zu entdecken man sich jedes Jahr nach Frankfurt aufmacht und sechs Tage lang freiwillig einen rosa Schlüsselanhänger um den Hals hängt.

Im Folgenden nun eine kleine Auswahl von sechs Festivalbeiträgen, deren Zusammenstellung allein durch persönlichen Geschmack und viel Zufall zustande gekommen ist. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird also nicht erhoben, stattdessen soll ein Eindruck von der Vielseitigkeit des diesjährigen NIPPON CINEMA-Wettbewerbes gegeben werden.

THE GOOD

„True life is meeting people.“ In A STORY OF YONOSUKE bewirken kleine Begegnungen oftmals große Wunder.

„True life is meeting people.“ In A STORY OF YONOSUKE bewirken kleine Begegnungen oftmals große Wunder.

Liebenswürdig: A STORY OF YONOSUKE (Japan 2012, R: Shuichi Okita)

Bereits nach dem großartigen Eröffnungsfilm SEE YOU TOMORROW, EVERYONE war klar: Die Messlatte der diesjährigen NIPPON CINEMA-Sektion ist hoch. Im Rennen um den NIPPON CINEMA-Award gab bereits im Vorfeld so manche Favoriten – unter ihnen A STORY OF YONOSUKE, das neueste Werk des Regisseurs Shuichi Okita, dessen Film THE WOODSMAN AND THE RAIN der Sieger des letzten Jahres war. Okita hat die bemerkenswerte Gabe, konventionelle Filmstoffe auf unglaublich erfrischende Art und Weise zu inszenieren, den Zuschauer zu bewegen, ohne rührselig zu werden und das Drama trotz seiner angenehmen Leichtigkeit nicht um seinen Tiefgang zu bringen. A STORY OF YONOSUKE ist dafür das beste Beispiel. Der fast dreistündige Film verfolgt Geschichte eines jungen Studenten aus der Provinz, dessen Umzug nach Tokio Mitte der 1980er Jahre nicht nur sein eigenes Leben verändert, sondern auch das der Menschen, die ihm nach und nach begegnen. Der Film erzählt den Anfang einer Lebensgeschichte, dessen Ende schon gesetzt ist. Im Verlauf des Films lassen eingestreute Flash Fowards in die Zukunft – Gegenwart? – erahnen, dass das Leben des ungewöhnlichen Yonosukes nicht von Dauer sein wird. Dennoch: Blicken die Figuren zurück auf ihre Zeit mit Yonosuke, umspielt ein warmes Lächeln ihre Lippen, statt dass sie in leidiger Wehmut erstarren. Ein jeder hat seine Geschichte mit Yonosuke zu erzählen, von so manchen skurrilen Abenteuern und seltsamen Begegnungen bis hin zur ersten Liebe. Selbst wenn mit der Zeit sich der Nebel des Vergessens auf die vielen Erlebnisse ausbreitet, so bleibt doch den Figuren wie auch dem Zuschauer das Wesen des charmanten Protagonisten als Ausdruck eines geradezu unschuldigen Optimismus im Kopfe haften. Ein interessanter Schachzug: Auf den ersten Blick scheint der Film durch den bewussten Verzicht auf eine überdramatisierte Darstellung von Yonosukes Ende um seine Schwere gebracht worden zu sein. Die tragische Komponente der Geschichte bleibt im Film verborgen, doch wird sie durch die Flash Fowards der Figuren immer dann in das Bewusstsein des Zuschauers gerufen, wenn das Glück mit Yonosuke ewig zu wehren scheint. Okita schafft es, auf geschickte Weise die Wirkung seines Feel-Good-Movies zu intensivieren. Der Zuschauer genießt die Freude der Geschichte umso mehr, weil er sich ihrer Kehrseite des Leides nur zu bewusst ist.

Transnationaler Kulturaustausch: In THERMAE ROMAE zieht sich Hiroshi Abe die Toga über und versucht sich in einen Römer einzufühlen, der via Zeitsprung in das moderne Japan hinein versetzt wird.

Transnationaler Kulturaustausch: In THERMAE ROMAE zieht sich Hiroshi Abe die Toga über und versucht sich in einen Römer einzufühlen, der via Zeitsprung in das moderne Japan hinein versetzt wird.

Amüsant: THERMAE ROMAE (Japan 2012, R. Hideki Takeuchi)

Lucius Modestus baut Thermen wie kein Zweiter. Seine modernen Badehäuser gehören zu den gefragtesten Attraktionen in Rom. Bald wird Kaiser Hadrian persönlich zu seinem wichtigsten Auftraggeber. Hinter dem Erfolg des jungen Architekten verbirgt sich jedoch ein sonderbares Geheimnis: Die einmaligen Ideen entspringen nicht seinem eigenen Genie, sondern den zufälligen Zeitreisen in Badeanstalten des heutigen Japans. THERMAE ROMAE basiert auf dem gleichnamigen Manga von Mari Yamazaki und füllte 2012 die japanischen Kinos. Kein Wunder, ist der Film doch mit seiner ebenso kuriosen wie simplen Story, den sympathischen Charakteren und seinem einfachen Witz perfekt zugeschnittene Unterhaltung. Dennoch liegt der Mainstreamkomödie eine gewisses, ironisches Potenzial inne: THERMAE ROMAE ist in seiner Darstellung fremder Kulturwelten ebenso akkurat wie Rob Marshalls MEMOIRS OF A GEISHA. Während jedoch Letzterer vorgibt, einen Einblick in den Fernosten zu geben und dabei von einem Vorurteil ins nächste stolpert, sucht THERMAE ROMAE im Spiel nationaler Zeichensysteme nicht nach dem Exotischen im Anderen, sondern dem Gemeinsamen. Dabei findet der Film das verbindende Element zwischen antikem Rom und modernen Japan in der Lebenskultur des Badehauses. Eine Umkehrung des in Hollywood praktizierten Orientalismus, in dem das konstruierte Bild des Westens vom Osten zur Projektionsfläche der eigenen Ängste und Sehnsüchte wird. So gesteht sich Lucius Modestus angesichts der überwältigenden Fortschrittlichkeit der „Flachgesichter“ die totale Niederlage der westlichen (Bade-)Kultur ein – und verleibt kurzerhand die Errungenschaften des Gegenübers in die eigene Baukunst ein. Rom als Wiege des westlichen Kulturimperialismus. Jedoch wird diese Konstellation dadurch ironisch gebrochen, dass in der Toga des Repräsentanten römischer Kolonialmacht ein beliebter japanischer Model- und Schauspielstar steckt – Hiroshi Abe. Das Wirrwarr nationaler Identitäten geht schließlich soweit, dass der fernöstliche Römer vor Kulissen, die Hollywoods epischen Sandalenfilmen nachempfunden wurden, ein fließendes Japanisch spricht, während er als Fremder in der Heimat des Darstellers vor der Figur der Manga-Zeichnerin Mami ein unverständliches Latein von sich gibt. Der Absurdität des globalisierten Genrekinos ist der Spiegel vorgehalten worden. Quod erat demonstrandum.

Tetsuaki Matsue war auf der NIPPON CONNECTION 2010 mit seinem Film LIVE TAPE Preisträger des NIPPON DIGITAL AWARDS, der ihm die Untertitelung für seinen neuen Film FLASHBACK MEMORIES ermöglichte.

Tetsuaki Matsue war auf der NIPPON CONNECTION 2010 mit seinem Film LIVE TAPE Preisträger des NIPPON DIGITAL AWARDS, der ihm die Untertitelung für seinen neuen Film FLASHBACK MEMORIES ermöglichte.

Faszinierend: FLASHBACK MEMORIES (Japan 2012, R: Tetsuaki Matsue)

An bildgewaltigen Filmen hat es dieses Jahr im NIPPON CINEMA-Wettbewerb wahrlich nicht gemangelt. Man denke nur an Takashi Miikes eigensinnige Musical-Variante FOR LOVE’S SAKE, in dem Bollywood-Kitsch, High-School-Drama und postmodernes 80er Jahre Kino à la STREETS OF FIRE für einen visuellen Overflow sorgen. Der Beitrag jedoch, der mich am meisten als audiovisuelles (Gesamt-)Kunstwerk beeindruckte, war die 3D-Dokumentation FLASHBACK MEMORIES. Der Film begleitet den Didgeridoo-Spieler Gomas, der nach einem Unfall sein Gedächtnis verlor und nun versucht, mithilfe seiner Musik seine verlorene Identität zu rekonstruieren. Tetsuaki Matsues Film stellt ein faszinierendes Formexperiment dar, das die Gattungsgrenzen zwischen Dokumentation, Musikfilm und Videokunst verschwimmen lässt. Zentraler Gegenstand des Films ist die Präsentation von Gomas Gedächtnis. Der Film besteht zum Großteil aus Konzertaufnahmen, Familienvideos, Fotografien und Tagebuch-Einträgen, multimediale Beweismittel von Gomas frühem Leben. Die Rezeption dieser Stücke externer Erinnerung bewirken bei Goma jedoch keine Wiedererkennung, sondern Entfremdung. Ungläubig schaut er auf eine Fotografie von sich selbst und schüttelt den Kopf: „Warum bin auf diesem Bild am Lächeln?“. Doch dort, wo Bilder und Schriftstücke scheitern, kommt mit der Musik eine andere Art des Erinnerns im Spiel, die nicht durch den Verstand abgerufen werden kann, sondern durch den Körper. Nach aufwändiger Probenarbeit hat Goma die Erinnerung an sein Musikspiel wiedererlangen können. Intuitiv reproduziert sein Körper scheinbar längst vergessene Spieltechniken, während sein Kopf noch Probleme damit hat, neu Erlerntes abzuspeichern. Ein medizinisches Kuriosum, versinnbildlicht im dualen Raumkonzept des Films: Den Hintergrund des Bildes füllt eine Montage aus Fotografien, Schrifteinblendungen, Animationen und Archivaufnahmen, während im Vordergrund Goma selbst mit seiner Band bei der Performance ihrer Musik zu sehen, hören und spüren ist. Der Dialog der Raum-, Zeit- und Mentalbilder ergibt nicht nur eine künstlerische Aufarbeitung eines persönlichen Schicksals, sondern zugleich ein komplexes Zeichenspiel zur Versinnlichung des wunderlichen Prozesses der Erinnerung.

THE BAD

„Beat Takeshi“ sträubt sich als Otomo in OUTRAGE BEYOND gegen den starren Regelcodex der Yakuza auf und stellt das System in Frage, dem er selbst einst angehörte. Provokante Genre-Rebellionen wie diese hätte es im Film mehr geben sollen.

„Beat Takeshi“ sträubt sich als Otomo in OUTRAGE BEYOND gegen den starren Regelcodex der Yakuza auf und stellt das System in Frage, dem er selbst einst angehörte. Provokante Genre-Rebellionen wie diese hätte es im Film mehr geben sollen.

Kalt: OUTRAGE BEYOND (Japan 2012, Takeshi Kitano)

Nach einem gelungenen Auftakt des diesjährigen NIPPON CINEMA-Programms gab es gleich im Anschluss auch die erste Enttäuschung zu sehen: OUTRAGE BEYOND, der neue Film Takeshi Kitano.
Im Kampf gegen die Yakuza versucht Polizist Kataoka die Sanno-Familie gegen die mächtige Hanabishi-Familie aufzubringen, in der Hoffnung, dass sich die Verbrechersyndikate gegenseitig auslöschen. Seine Geheimwaffe ist der totgeglaubte Otomo, den er einen persönlichen Rachefeldzug gegen das Oberhaupt der Sanno-Familie führen lässt. In Kitanos Fortsetzung zu OUTRAGE (2010) wird der Kampf um Macht, Ehre und Verrat vor allem über Worte ausgetragen. Der gefühlte Großteil des Films wird von talking heads-Aufnahmen dominiert – Figuren verschwören sich, beraten, drohen, verhandeln, streiten, planen und manipulieren. Ab der zweiten Hälfte des Films werden die Worte in Taten umgesetzt – Nacheinander löschen sich die Figuren in einer Aneinanderreihung von Attentaten und Exekutionen aus, so dass der Zuschauer schnell den Überblick verliert, wer nun von wem fertig gemacht wurde. Lakonisch bricht Kitano die Genrezählung eines Kriminalfilms auf seine beiden Hauptbestandteile herunter: talking people – whacking people. Alles wird als bereits bekannt vorausgesetzt, Figuren wie Otomo bedürfen wie auch im ersten Teil keiner weiteren Einführung – der Typus, den sie repräsentiert, ist einem in anderen Filmen mehr als einmal begegnet. Überhaupt gibt es keine Figuren mehr, sondern nur noch Stereotypen. Die Bezugswelt von OUTRAGE BEYOND ist nicht die Wirklichkeit, sondern das Kino. Alles im Film ist die Nachahmung einer Geste, die längst ihre Bedeutung verloren hat. Der Film stellt seine Künstlichkeit aus: nicht Fleisch wird in den unvermeidlichen Gewaltszenen verletzt, sondern kaltes Plastik. Seine besten Momente gewinnt OUTRAGE BEYOND nicht aus der Affirmation, sondern der Umkehrung des Genremusters: Ein Polizeiverhör, in dem das Geständnis dem Befragten nicht entlockt, sondern eingeprügelt wird. Ein junger Yakuza-Unterboss, der seinen eingesessenen Schläger-Untergebenen Nachhilfe in Betriebswirtschaft erteilt. In seinen Manierismen wirkt OUTRAGE BEYOND allerdings ebenso leblos wie die Klischees, die er ausstellt. Begegnet man dem Film nicht mit Geduld, ein wenig Vorwissen und einer großen Liebe zu Kitanos Humor, lässt er einen unberührt.

THE WEIRD

Mit PRINCESS SAKURA: FORBIDDEN PLEASURES konnten viele Zuschauer der heimlichen Freude an Trash- und exploitation-Filmen frönen.

Mit PRINCESS SAKURA: FORBIDDEN PLEASURES konnten viele Zuschauer der heimlichen Freude an Trash- und exploitation-Filmen frönen.

Guilty pleasure: PRINCESS SAKURA: FOBRIDDEN PLEASURES (Japan 2013, R: Hajime Hashimoto)

Und Wenn er auch den Wettbewerb nicht gewonnen hat, darf der (s)exploitation-Film PRINCESS SAKURA: FORBIDDEN PLEASURES doch unbestreitbar als paracineastisches Highlight der NIPPON CINEMA-Sparte gelten. Die Handlung des Films dient als Rechtfertigung, einen Bildexzess an den anderen zu reihen: Prinzessin Sakura, in der Nacht von einem unbekannten Dieb vergewaltigt, verlässt ihre Familie und begibt sich auf die Suche nach ihrem Peiniger – nicht aus Rache, sondern aus Liebe. Der Rest des Films spielt sich überwiegend in einem Bordell ab, dass sich bezeichnenderweise direkt in Nachbarschaft zu einem mit Leichenteilen ausstaffierten Exekutionsplatz befindet: Softporno, Horror, Fantasy und Splatter geben sich die Klinke in die Hand und entfalten dem Zuschauer ein ironisches Spektakel aus Blut und Brüsten. PRINCESS SAKURA: FORBIDDEN PLEASURES steht eindeutig in der Tradition des pinku eiga, jenes Genre populärer Erwachsenenfilme in Japan, die zwischen Avantgardekunst und Trash anschauliche Erzählungen von Sex und Gewalt erzählen. Aufgrund seiner kosteneffizienten Produktion haben nicht wenige Autorenfilmer gerade den japanischen Erotikfilm dazu benutzt, um ihre kritische Weltanschauung in innovativen Formexperimenten zu veräußerlichen – der künstlerischen Freiheit ist keine Grenzen gesetzt. Im Fall von PRINCESS SAKURA: FORBIDDEN PLEASURES reichen vereinzelte Bildtrickeffekte und Ausbrüche von Metafiktion zwar nicht aus, um den ansonsten recht „konventionell“ inszenierten Film den Kunstanspruch eines pinku-Films zuzuschreiben. Doch bringt der Film mit Sicherheit die erforderte Mindestanzahl an Sexszenen auf, so dass immerhin die Grundvoraussetzung des Genres gegeben ist.

I was a Teenage Zombie: Durch diese Sache mit Kirishima wird den Schülern in THE KIRISHIMA THING erst deutlich, wie willenlos sie sich in ihre soziale Rollen an der High School eingefunden haben.  ©2012 “Kirishima” Film Club ©Ryo Asai / SHUEISHA

I was a Teenage Zombie: Durch diese Sache mit Kirishima wird den Schülern in THE KIRISHIMA THING erst deutlich, wie willenlos sie sich in ihre soziale Rollen an der High School eingefunden haben.
©2012 “Kirishima” Film Club ©Ryo Asai / SHUEISHA

Rätselhaft: THE KIRISHIMA THING (Japan 2012, R: Daihachi Yoshida)

Im Verlauf eines Festivals sieht man Filme, die sofort gefallen, Filme, die einen kalt lassen und schließlich Filme, die sich in keines der bekannten Bewertungskriterien fügen wollen. Ratlosigkeit und Erstaunen rufen sie stattdessen hervor und bleiben einem gerade wegen ihrer Einzigartigkeit noch lange Zeit im Gedächtnis. Meiner Meinung nach sind es gerade die Filme dieser dritten Kategorie, die dem Filmenthusiasten dazu bewegen, jedes Jahr aufs Neue so ein Filmfestival wie das NIPPON CONNECTION aufzusuchen. Sie schaffen es, das mit filmischen Mittelmaß übersättigte Gemüt zu entschlacken, so dass man den nächsten Film für einen Moment mit der Unschuld des ersten Kinobesuches erleben darf. So ein Film war für mich dieses Jahr THE KIRISHIMA THING. Der Film ist eine anregende Studie darüber, was passiert, wenn eine dynamisch-komplexe Sozialkonstellation plötzlich um ihr Gravitationszentrum gebracht wird. An einer japanischen High School dreht sich alles um ihren beliebtesten Schüler Kirishima. Das Volleyball-Team kann ohne ihn nicht siegen, die Freizeit seiner Freunde richtet sich nach seinem Stundenplan, er ist das verbindende Element, welches das Sozialgeflecht der Schule zusammenhält. Als er eines Tages beginnt, vom Unterricht fernzubleiben, fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Kirishima ist Godot, das perfekte MacGuffin, der durch seine Abwesenheit die aus ihrer gewohnten Umgebung gerissenen Figuren erst zur Handlung zwingt, dessen Existenz aber dem Zuschauer nicht unwichtiger sein könnte. Absurder hätten es auch die Coen-Brüder nicht verfilmen können. Ich kann nicht genau sagen, warum mich dieser Film im Nachhinein so verfolgt. Da ist natürlich dieses brennende Verlangen nach Auflösung, das der Film durchgehend kitzelt und am Schluss selbstverständlich unbefriedigt zurücklässt. Vielleicht ist es auch die irgendwie überaus lebendige Weise, auf der in Variation des Immergleichen das Geschehen eines Tages aus verschiedenen Perspektiven wieder und wieder aufgerollt wird, so dass der Blick geschärft wird für die kleinen Veränderungen, die den großen Unterschied machen. Vielleicht sind es auch die Figuren selbst, die zwischen Sympathie und Distanz das Interesse des Zuschauers Szene für Szene neu entfachen. Wie sein Hauptdarsteller selbst bleibt THE KIRISHIMA THING eine geheimnisvolle Box mit großen Fragezeichen, die Rätsel aufgibt, die Vorstellung anregt und am besten niemals geöffnet werden sollte.

Bildcopyright: NIPPON CONNECTION 2013

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