Seite auswählen
NEGATIV_Berlinale 2013_Wettbewerb_The Necessary Death of Charlie Countryman

THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN, Bild-Copyright: Berlinale

Shia LaBeouf hört tote Menschen, Matt Damon zieht US-Farmer übers Ohr, Jeremy Irons versteht in Portugal nur Englisch und Jury-Präsident Wong Kar Wai digitalisiert das Weltkino. Viele Worte wurden über diese vier Filme des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs verloren, wenige davon waren positiv. Nun, zurecht. Doch woran sind diese Filme gescheitert? Und: Kann man ihrem Scheitern auch etwas Gutes abgewinnen?

Zu uneinig: THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN (USA 2013, R: Fredrik Bond)

Bukarest: Charlie ist Amerikaner. Er liebt Gabi. Gabi ist geheimnisvoll. Sie war zusammen mit Nigel. Nigel ist ein Drogenboss. Er hat eine Waffe. Dazwischen: Sprechende Tote, gekünstelte Akzente und Rupert Grint auf Ecstasy. Dem erfolgreichen Debüt des Regisseurs Fredik Bond steht in THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN ein unausgeglichenes Drehbuch im Wege. Autor Matt Drake hat viele Einfälle und verfolgt keinen zu Ende. Dies führt zur Uneinigkeit auf der Leinwand: Soll John Hurts auktoriale Erzählerstimme der Geschichte einen märchenhaften Rahmen aufsetzen, um unwahrscheinliche Handlungswendungen als magischen Realismus und „Wunder der Liebe“ zu erklären? Oder steckt in der ironischen Fiktionalisierung des Geschehens der Versuch, über Distanzierung auf einer ganz anderen Ebene mit dem Publikum zu kommunizieren? Der Film weiß weder, was er will, noch hält er, was er ‚verspricht‘. Seine Beziehung zur Hauptfigur bleibt nebulös. Verstorbene flüstern Charlie in fantasierten Gesprächen zu, was er zu tun hat. Göttliche Eingebung oder Psychose? Seitdem er Gabi zum ersten Mal traf, folgt er ihr überall hin, mischt sich ungefragt in ihre Angelegenheiten. Beweis wahrer Liebe oder ein Fall von Stalking? Auch Gabis Motivationen bleiben im Dunkeln. Am ehesten sympathisiert man mit Schurke Nigel. Aufgrund einer rührigen Backstory kennt seine Liebe zu Gabi keine Grenzen. Er riskiert alles, um sie zurück zu bekommen und beseitigt, was ihm im Wege steht. Gut, er ist psychisch instabil, aber in Gegensatz zu Charlie kann man ihn verstehen – und somit für ihn fühlen. THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN motiviert den Zuschauer zur Gegenlektüre. Es ist wie bei einem faden Computerspiel, das man aus Langeweile mit einer eigenen Narration, mit eigenen Regeln unterwandert. Schaut man den Film also gegen den Strich, kann man an den vielen Unstimmigkeiten wie etwa Til Schweigers inkonsistenten Rumänen-Akzent seine Freude haben. Mehr ist diesem Machwerk nicht abzugewinnen.

Zu brav: PROMISED LAND (USA 2012, R: Gus Van Sant)
NEGATIV_Berlinale 2013_Wettbewerb_Promised Land

PROMISED LAND, Bild-Copyright: Scott Green

US-Großunternehmen kaufen verarmten Farmer das Land unter dem Allerwertesten weg, um riskante Erdgasbohrungen durchzuführen. Eine Kleinstadt in Pennsylvania leistet verbittert Widerstand. Mithilfe seiner Partnerin kämpft Karrierist Steve Butler mit Umweltaktivist Dustin um die Zukunft des Örtchens – und die Gunst einer holden Einheimischen. Nach GOOD WILL HUNTING haben sich Matt Damon und Gus Van Sant wieder zusammengefunden, um unabhängiges Filmemachen in bekömmliche Hollywoodunterhaltung zu überführen. Der kritische Ansatz eines Ökothrillers, in dem vor allem die umstrittene Fördermethode des „Fracking“ unter Beschuss steht, wird durch ein konservatives all american-Drama ausgehöhlt. PROMISED LAND stellt amerikanische Energiekonzerne für ihr rücksichtsloses Verhalten an den Pranger – und bewirft sie mit rosa Watte. Der Ton des Films ist zu leicht, die Figurenzeichnung zu weich, die Moral der Stunde zu platt. Ich habe nichts gegen warmherzige Geschichten. Auch nichts gegen humorvoll-liebenswerte Charaktere. Ich habe Frances McDormands Darstellung als Steves rüstige Partnerin genossen wie kein anderer. Das Problem ist ein anderes: PROMISED LAND kann seinen Anspruch nicht mit seiner Umsetzung übereinbringen. Dabei war der Ausgangskonflikt vielversprechend: Statt die Underdog-Geschichte einer Ein-Mann-Revolte des Aktivisten Dustin gegen die korrupten Strukturen eines bösen, bösen Großkonzerns zu erzählen, wählten Drehbuchautoren und Hauptdarsteller Matt Damon und John Krasinski die Perspektive der Gegenseite. Mit seinen Gasverträgen verspricht Steve der aussterbenden Landbevölkerung die Erfüllung des American Dreams. Er glaubt fest daran, dass das Geld für ihr verkauftes Land die einzige Möglichkeit ist, ihre unsichere Existenz zu sichern. Übertriebener Stolz und verkrusteter Traditionalismus halten sie davon ab, ins gelobte Land zu ziehen. Darin steckt Wahrheit. Wie hoch ist das Risiko, das beim Fracking durch Chemikalien und Gas Boden wie Grundwasser verseucht werden, wirklich einzuschätzen? Niemand hat eine Antwort. Alle haben Recht. Doch löst sich diese ambivalente Situation mehr und mehr zur Schwarzweißmalerei auf: Der Konzern ist böse, manipulativ und unbarmherzig. Arglistig werden die Hoffnungen und Sehnsüchte des kleinen Mannes ausgebeutet. Versprechen von Wohlstand und Reichtum sähen Misstrauen, Verrat und Habgier in der einst friedlichen, idyllischen Gemeinde. Am Ende steht die Läuterung: Steve kehrt der Welt der Anzugträger den Rücken und besinnt sich auf seine ländlichen, das heißt amerikanischen Wurzeln. Triumphierend zieht er in sein neues, privates Glück ein – und setzt die realen Bedrohungen (inter-)nationaler Wirtschaftsentwicklungen vor die Tür. Ironischerweise ist aus dem kundigen Ökonom das geworden, was er bekämpfen wollte: ein starrsinniges Landei.

Zu unglaubwürdig: NIGHT TRAIN TO LISSABON (Deutschland, Schweiz, Portugal 2013, R: Bille August)
NEGATIV_Berlinale 2013_Wettbewerb_Night Train to Lissabon

NIGHT TRAIN TO LISSABON, Bild-Copyright: Sam Emerson © 2012 Concorde Filmverleih

Zugegeben, diesem Film ist tatsächlich nichts Gutes abzugewinnen. Ebenso schnulzig wie seine Handlungsbeschreibung gestaltet sich die Umsetzung: Jeremy Irons mimt Lateinlehrer Raimund Gregorius, der halsüberkopf den Nachtzug nach Lissabon besteigt, um in Portugal der bewegenden Lebensgeschichte eines geheimnisvollen Buchautors nachzugehen. Ein großartiger, internationaler Cast wird verschwendet an eine unglaublich spröde Literaturverfilmung, die im deutschen Fernsehen besser aufgehoben ist als auf der großen Leinwand. Der Zugang zur Handlung von NIGHT TRAIN TO LISSABON bleibt dem Zuschauer verschlossen, zu groß sind die Unstimmigkeiten der Geschichte. Wieso sollte ein so eingesessener Mensch wie Gregorius sein bisheriges Leben für ein einziges Buch binnen kürzester Zeit über den Haufen werfen? Warum sind die restlichen Charaktere so bereitwillig, einem Fremden selbst die intimsten Geheimnisse auszuplaudern? Die Aufmachung des Films wirkt mehr als widersinnig: Das tragische Schicksal der Figuren ist verwoben mit der faschistischen Vergangenheit Portugals. Unglücklicherweise hat man sich dafür entschieden, die portugiesischen Rollen überwiegend mit englischen, deutschen, französischen und schweizerischen Star-Schauspielern zu besetzen, die allesamt ein Englisch mit hispanischem Akzent sprechen. Abstruser hätte es sich selbst Monty Python nicht ausdenken können. Ihre Re-Inszenierung der Schlacht von Pearl Harbour mit englischen Hausfrauen wirkt dagegen wie geschichtliche Akkuratesse. NIGHT TRAIN TO LISSABON lässt unwillkürlich Erinnerungen an Rob Marshalls MEMOIRS OF A GEISHA aufkommen. Dort waren es chinesische Top-Stars, die im fließenden Englisch die Kultur und Geschichte ihrer japanischen Figuren möglichst authentisch vermitteln wollten. Eine Höchstleistung schauspielerischer Verstellung und absurde Speerspitze transnationalen Filmemachens. Spätestens wenn Amerikaner Jeremy Irons am Tisch sitzt mit Schweizer Bruno Ganz, der versucht, schlechtes Englisch mit noch schlechterem Portugiesen-Akzent zu kaschieren, und Irons ihm erzählt, er komme aus der Schweiz, war es um den letzten Rest an Glaubwürdigkeit geschehen. NIGHT TRAIN TO LISSABON ist Illusionskino in seiner konventionellsten, artifiziellsten Form.

Zu digital: YI DAI ZONG SHI/THE GRANDMASTER (China 2012, R: Wong Kar Wai)
NEGATIV_Berlinale 2013_Wettbewerb_The Grandmaster_1

THE GRANDMASTER, Bild-Copyright: Berlinale

Zuletzt THE GRANDMASTER. Wong Kar Wais opulentes Genre-Werk um das Leben der Kung Fu-Legende Ip Man wurde vom Festivalpublikum und Kritik im besten Falle verhalten aufgenommen. Die viel zu lange und gelegentlich verwirrende Handlung, der nostalgische Blick auf eine verklärte Vergangenheit, das Erstarren von Emotion, Bewegung und Ausdruck zur stilisierten Oberfläche – vieles der Kritik wurde bereits an anderer Stelle genauer ausgeführt. Deshalb soll folgender Gedanke im Mittelpunkt der Betrachtung stehen: Wong Kar Wai ist zum asiatischen Tim Burton geworden. Auf den ersten Blick erscheint der Vergleich abwegig. Was hat ein Filmemacher der Second New Wave des Hongkong-Kinos mit Hollywoods unangepasstem Fantast zu tun? Es ist ihre Ästhetik, oder besser, ihre Art, die Welt zu betrachten. Beide werden als postmoderne Auteurs bezeichnet. Was bedeutet das? In gewisser Weise die Suche und das Finden von Identität allein über das Bild. Die Reformulierung von Originalität und Individualität im visuellen Pastiche. Wong und Burton schaffen etwas Einzigartiges, indem sie das Alte und Bekannte in einen neuen Kontext stellen. Sie bedienen sich dem Zitat, der Ironie, Widersprüchlichkeit und Doppelcodierung. Zeichensysteme aus Kino, Fernsehen, Werbung, etc. konvergieren zum multivalenten Stückwerk. Im Nebeneinander heterogener Stilelemente erzeugen sie ein Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Beide erzählen Geschichten der Einsamkeit, Entfremdung – und Liebe. Mögen die Mittel noch so ähnlich sein, das Ergebnis ist jeweils ein anderes. Wong Kar Wai begibt sich im Transzendieren seiner Figuren zwischen Raum, Zeit und Bewusstsein auf die Suche nach einer Identität Hongkongs, die irgendwo in der Reibung aus Tradition und Moderne, West und Ost, Avantgarde und Massenkultur gelegen ist. Burton dagegen löst in seinen missverstandenen Außenseitern den Konflikt von Individuum und Gesellschaft in einer Umkehrung der (medialen) Zuschreibungen von Gut und Böse, Normal und Unnormal auf. Beide veräußerlichen die inneren Konflikte ihrer Protagonisten in einer extravaganten Bildsprache. Weder bei Burton noch bei Wong ist ein objektiver Blick, ein neutraler Raum zu finden. Vorwiegend über den Einsatz von Licht und Farbe ist jede ihrer Szenen erfüllt von einer gewissen Stimmung, einem speziellen Ausdruck. Ihr individueller Look sorgt für eine Kontinuität in ihren Oeuvres. Ihre persönliche Handschrift entstand nicht zuletzt aus der regelmäßigen Zusammenarbeit mit engen Vertrauten, etwa den gleichen Komponisten (Danny Elfman, Frankie Chan/Shigeru Umebayashi) oder einem bevorzugten Hauptdarsteller (Johnny Depp, Tony Leung).

Was hat das nun mit THE GRANDMASTER zu tun? Ebenso wie in den letzten Werken von Tim Burton sind in dem neuen Film von Wong Kar-Wai erste Ermüdungserscheinungen auszumachen, sowohl auf Seiten der Produktion als auch der Rezeption. Die Beständigkeit, mit der beide unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf stellten, ist zur Routine erstarrt, dem geschulten Publikum wurde ihre Andersartigkeit zum Erwartbaren. Die einzigartigen Welten von Tim Burton und Wong Kar-Wai sind zu den unseren geworden. Während die Regisseure mit Hilfe der digitalen Bildbearbeitung ihre Welten immer mehr ausschmücken, fühlen wir uns von ihrem Einfallsreichtum allmählich gelangweilt. Die konsequente Entwicklung eines visionären Filmemachers? Umschlossen vom Mainstream, ist ihre eigene Autorenpersönlichkeit zum Gefängnis geworden. Ausbruch scheint nicht möglich; statt der Flucht nach draußen wählten beide die Flucht ins Innere. Das Entkommen in die eigene Fantasie über die Überstilisierung der Ästhetik. Genau wie ALICE IN WONDERLAND oder DARK SHADOWS ist THE GRANDMASTER bei der Kritik durchgefallen, weil in ihm nicht zu wenig von seinem Macher steckt, sondern zu viel. Die größte Schwäche der Filme kann jedoch als ihre Chance angesehen werden: Am Ende der Intensivierung des eigenen Zeichenkosmos steht die Implosion, aus der Burton und Wong die Möglichkeit haben, als neue Künstler hervorzugehen – Phönix aus der Asche. Doch bis dahin, wenn überhaupt, ist es ein langer Weg.

Pin It on Pinterest