Seite auswählen
aime scheint in King’s Landing Tyrions einzig verbleibender Freund zu sein – Für das Leben seines Bruders schlägt der Königsmörder seinem Vater Tywin einen Deal vor. © HBO

aime scheint in King’s Landing Tyrions einzig verbleibender Freund zu sein – Für das Leben seines Bruders schlägt der Königsmörder seinem Vater Tywin einen Deal vor. © HBO

Stannis und Davos suchen neue Unterstützung jenseits der Narrow Sea, Dany übt sich im Regieren, Yara Greyjoy erkennt ihren Bruder nicht wieder und Tyrion erhebt sich vor Gericht gegen die Ungerechtigkeit der Welt – THE LAWS OF GOD AND MEN hält das hohe Niveau der vierten Staffel GAME OF THRONES und schließt mit einem Peter Dinklage in Höchstform. Sein Auftritt am Ende der Folge brachte eine derart starke Gefühlsintensität, wie man sie auf der kleinen Leinwand nur selten sieht. Emmy-Submission, schrie das Internet einstimmig. #FreeTyrion!

Dramaturgisch orientierte sich THE LAWS OF GOD AND MEN an THE LION AND THE ROSE. In der ersten Hälfte der Folge lassen einzelne Erzählstränge den Zuschauer kreuz und quer auf der Karte von Westeros umherspringen: In Braavos konnte Davos die Iron Bank davon überzeugen, Stannis im Krieg gegen die Lannisters zu unterstützen. Dany empfing in Meereen einen Bittsteller nach dem anderen und musste sich den Konsequenzen ihres harschen Feldzuges gegen die Sklaverei stellen. In Dreadfort scheiterte Yaras Versuch, ihren Bruder aus Ramsays Klauen zu befreien. Die zweite Hälfte der Folge fokussierte sich dagegen ganz auf einen Handlungsort – King’s Landing. Genau wie in THE LION AND THE ROSE verdichteten sich die Plots der verschiedensten Figuren um ein einzelnes, großes Ereignis herum: Tyrions Gerichtsverhandlung. Doch statt als eine in mehrere Szenen zergliederte Sequenz zu filmen, setzte sich diesmal die Szenerie wie ein Mosaik aus seinen einzelnen Bestandteilen nach und nach zusammen.

Expansion und Kontraktion der Erzählwelt – kombiniert in einer Folge. Es scheint das neue Erfolgsrezept der Serie zu sein. Gerade in THE LAWS OF GOD AND MEN hat das Zusammenfallen der Handlungsstränge an einem Schauplatz besonders gut funktioniert. Tyrions Entscheidungen und Taten der letzten drei Staffeln wurden in der Verhandlung nach und nach gegen ihn gewandt. Gerade seine kleinen Triumphe gegen Cersei und Joffrey in der zweiten Staffel wurden ihm nun zum Verhängnis: Etwa als er in WHAT IS DEAD MAY NEVER DIE Grand Maester Pycelle als Cerseis Spitzel entlarvt und ihn einkerkern lässt, in GARDEN OF BONES die öffentliche Misshandlung von Sansa im Thronsaal stoppt und Joffrey als Idioten und Wahnsinnigen beschimpft oder die handgreifliche Zurechtweisung seines Neffen in THE OLD GODS AND THE NEW.

Tyrions größte Errungenschaften einschließlich seiner Rettung der Stadt in BLACKWATER werden durch Cerseis Zeugen ins Schlechte verdreht, selbst seine loyalsten Freunde wenden sich gegen ihn. So sagte Varys schlechten Gewissens gegen Tyrion aus – wie schon bei Eddard Stark hat er die Hoffnungslosigkeit der Situation erkannt und versucht, möglichst unbeschadet aus ihr hervor zu gegen. Gedemütigt, verleugnet, betrogen erfährt ein gebrochener Tyrion seinen Todesstoß schließlich durch die letzte Zeugin: Shae. Statt wie Varys nicht mehr als belastende Gespräche auszuplaudern, setzt Shae zusätzlich Lüge auf Lüge, fabuliert über eine Verschwörung zwischen Sansa und Tyrion gegen Joffrey und schildert die Details des vermeintlichen Mordkomplotts. Kein Zittern in ihrer Stimme, keine Spur von Zwang oder Angst, mit voller Absicht hat sie den Dolch mitten in Tyrions Herz gestoßen und die Klinge umgedreht. Wer hätte da nicht seine Beherrschung verloren?

I wish I was the monster you think I am

Dragons can’t be tamed. Wie lange wird es dauern, bis der Hunger der Drachen nicht mehr nur mit Ziegen gestillt werden kann? © HBO

Dragons can’t be tamed. Wie lange wird es dauern, bis der Hunger der Drachen nicht mehr nur mit Ziegen gestillt werden kann? © HBO

Westeros ist eine düstere Fantasy-Welt, in der mehr Monster als Helden existieren. Doch haben die Ungeheuer aus GAME OF THRONES viele Formen und Gesichter. Da wären zum einen die offensichtlichen Monstren – White Walkers, Wiedergänger, Drachen, Riesen. Sie verorten das Geschehen der Serie eindeutig im phantastischen Genre. In einem Mix aus Horror und Fantasy sind sie die klassische Manifestation des Bösen: Wild, unmenschlich, brutal. Keiner hinterfragt ihre Motivationen, sie sind mehr Objekte als Subjekte der Geschichte. Gefahren, Hindernisse und Gegenkräfte, mit denen sich die „Helden“ der Serie auseinandersetzen müssen. Allein ihre Existenz stellt eine Bedrohung dar für die rationale, zivilisierte Welt der Menschen – und doch sind sie notwendig, um Schwarz von Weiß, Gut von Böse, Tier von Mensch zu unterscheiden.

Dem gegenüber steht die Bestie Mensch selbst. Die Macht der White Walker ist nichts im Vergleich zu dem Schrecken, den die Menschen aus Westeros sich selbst antun. Der Krieg bringt das Böse im Einzelnen hervor. Kreaturen wie Ramsay Snow können ihren sadistischen Tendenzen bedingungslos nachgehen – ist er doch der uneheliche Sprössling einer Familie, die einen gehäuteten Mann als Banner führt. Immer wieder konfrontiert GAME OF THRONES seine Zuschauer mit Bildern menschlicher Grausamkeit, mit expliziter Gewalt und blutrünstigem Gore-Horror. Passenderweise führen die meisten der mächtigen Häuser in Westeros ein wildes Tier auf ihren Wappen. Bevor die White Walker ihre Invasion aus dem Norden starten können, haben sich die Wölfe, Löwen, Kraken und Drachen bereits gegenseitig zerfleischt.

Im Zentrum der Verhandlung gegen Tyrion sitzt Cersei wie eine große Spinne, bei der alle Fäden zusammenlaufen – Aus ihrem Lügennetz gibt es kein Entrinnen. © HBO

Im Zentrum der Verhandlung gegen Tyrion sitzt Cersei wie eine große Spinne, bei der alle Fäden zusammenlaufen – Aus ihrem Lügennetz gibt es kein Entrinnen. © HBO

In den meisten Fällen ist das Monströse in Westeros jedoch auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Scheusale verbergen ihre schlechten Absichten hinter einer Fassade des Gerechten und Guten; vieles, was das Zeichen des scheinbar Bösen trägt, entpuppt hingegen sich als das Gegenteil. Darin liegt der Reiz von GAME OF THRONES, dem Bruch mit Zuschreibungen, Erwartungen und Klischees. Ein Spiel der Masken, die sich die Figuren entweder selbst übergezogen oder von anderen aufgesetzt bekommen haben. Verstellung, Täuschung, Betrug – Naturgemäß erweist sich der Königshof King’s Landing als Zentrum dieser Scharade. Eine verlogene Stadt, in der niemand das ist, was er zu sein scheint. So verschleiern undurchsichtige Männer wie Oberyn Martell oder Varys ihr wahres Wesen mit einem gut konstruierten Image der Gefährlichkeit: The Viper, The Spider. Auf den ersten Blick würden der hedonistische Südländer und der glatzköpfige Eunuch mit ihrer Eloquenz und extravagantem Auftreten die perfekten James Bond-Schurken abgeben.

Dagegen steckt hinter Cerseis Schönheit eine skrupellose, niederträchtige Hexe, getrieben von Selbstsucht, geblendet von Hass. Auch Tywins Auftreten als strenger Herrscher entbehrt nicht einer gewissen Doppelmoral: Im Namen der Gerechtigkeit nutzt der kalkulierende Patriarch die Situation zu seinem eigenen Vorteil und spielt seine Kinder gegeneinander aus, um das zu bekommen, was er will. Tyrions drohende Exekution ist doch nur ein Druckmittel für ihn, um Jaime dazu zu bringen, die Position als Commander der Kingsguard aufzugeben und Tywins Erbe als Lord von Casterly Rock anzutreten. So gerät die gesamte Gerichtsverhandlung zu einer Farce – der ermordete Tyrann Joffrey wird zum strahlenden Herrscher stilisiert, der wahre Held Tyrion zum niederträchtigen Schurken. Nur allzu gern lässt sich die Hofgesellschaft auf die Lügen und Beschuldigungen der Zeugen ein. Mit anormaler Körpergröße und einer gewaltigen Narbe im Gesicht sieht Tyrion wie ein Mörder aus, also muss er auch einer sein.

Tyrion war immer der Held und wurde stets als Schurke gesehen. Wenn jeder glaubt, man wäre ein Monster, wieso dann nicht Monster sein? © HBO

Tyrion war immer der Held und wurde stets als Schurke gesehen. Wenn jeder glaubt, man wäre ein Monster, wieso dann nicht Monster sein? © HBO

Also gesteht Tyrion – nicht den Mord an Joffrey, sondern sein „Verbrechen“, als Zwerg geboren zu sein. Das sei nicht der Gegenstand der Verhandlung, sagt ein lächelnder Tywin Lannister. Sein ganzes Leben stehe er deswegen unter Anklage, erwidert Tyrion und trifft den Nagel auf den Kopf. 30 Jahre der Frustration, der Demütigung und der falschen Behandlung aufgrund seiner Andersartigkeit entladen sich in seinem Monolog. Er hat es satt, der Sündenbock zu sein, seinen Kopf hinzuhalten für eine Gesellschaft, die ihn verachtet, stets die richtige Entscheidung zu treffen und dafür leiden zu müssen. Von ganzem Herzen wünschte er, Joffreys wirklicher Mörder zu sein und die gesamte anwesende Brut zur Hölle schicken zu können. So gerne wäre er das Monster, das alle in ihm sehen. Dann hätte immerhin der Schmerz ein Ende. „Either you die a hero or you live long enough to see become yourself the villain.“, heißt es in Christopher Nolans THE DARK KNIGHT. Tyrions tragisches Schicksal würde eine exzellente Origin-Story eines Comic-Superschurken abgeben.

In seiner tiefsten Verzweiflung spielt Tyrion seine letzte, einzige Karte aus. Statt sich schuldig zu bekennen und auf die Gnade seines Vaters zu hoffen, spuckt er auf die falsche Gerechtigkeit der Menschen und legt sein Schicksal in die Hände höherer Mächte: Er verlangt ein Gottesurteil in Form eines Gerichtkampfes. Ein böses Lächeln umspielt Tyrions Lippen beim Anblick von Tywins entsetztem Gesicht. Auf selbstzerstörerische Weise hat Tyrion nicht nur die Pläne seines Vaters durchkreuzt, sondern auch den Fortbestand seiner Familie selbst in akute Gefahr gebracht. Egal, wie der Kampf ausgehen wird – die Familie Lannister wird sich von den selbstzugefügten Wunden dieser Verhandlung nicht erholen.

Andere Gedanken:
* Endlich bekommen wir ein Gesicht zur undurchsichtigen Macht im Hintergrund – Mark Gatiss spielt Tycho Nestoris, einen Repräsentanten der Iron Bank von Braavos. Was für eine schöne Überraschung, Mycroft Holmes aus SHERLOCK an der Spitze dieser herzlosen, kalkulierenden Institution zu sehen. Seine kalte Höflichkeit und sein selbstgefälliges Grinsen als mächtigster Mann Englands aus der BBC-Hit-Serie haben ihn bestens auf diese Rolle in GAME OF THRONES vorbereitet.
* Ramsay schenkt Reek zur Belohnung für seine Treue (er wurde seiner Schwester gegenüber bissig, um nicht von seinem Herrchen getrennt zu werden) ein Bad – die Spannung dieser Szene war unheimlich. Was für eine seltsame, unbehagliche Beziehung zwischen dem Sadisten und seinem Haustier doch besteht. Schaurig gespielt von Alfie Allen und Iwan Rheon.
* Wieso hat Shae Tyrion verraten? War es ihr Schmerz, von ihm abgewiesen und aus King’s Landing weggeschafft worden zu sein? Wurde sie erpresst, bedroht, oder belogen? Hat sie Tyrion überhaupt geliebt, liebt sie ihn noch? Dadurch, dass sie im Gegensatz zum Buch zu einem dreidimensionalen Charakter ausgebaut wurde, haben es sich die Autoren schwer gemacht, ihren Verrat plausibel zu motivieren.
* Endlich hat sich der Vorspann in der vierten Staffel geändert – neben Meereen bekommt man mit Braavos zum ersten Mal einen zweiten Schauplatz in Essos auf der Karte gezeigt. Das Warten hat sich gelohnt – die Animation von Braavos, vor allem der Münze, die sich beim Aufrichten der Stadt in die Iron Bank hinein rollt, ist ein Genuss!