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Weil ich mich so gerne wiederhole: Rotterdam steht für Independentfilm, eine bestimmte Art von Independentfilm – der sperrige, der experimentelle. Ob man alleine das nun als Qualitätssiegel sehen möchte, habe ich ja nun bereits in Frage gestellt, das bleibt jedem selbst überlassen. Fest stehen hingegen die ökonomischen Zusammenhänge der Veranstaltung, die hier wie kaum woanders eine überaus spannende Sache sind, weil sie die Grenzlinie zwischen unabhängigem Kino und Mainstream so interessant verwischen. Das IFFR dient zahlreichen Regisseuren, insbesondere natürlich denen der drei Preisträgerfilme der Tiger Awards, als Sprungbrett aus der nationalen Nische ins anerkannte, vorzeigbare Weltkino. Vor der Fertigstellung ermöglicht der Hubert Bals Fund vielen Projekten erst eine Entstehung auf dem dafür nötigen Niveau. Der Produktions- und Vermarktungskontext, der die Strukturen Rotterdams prägt, ragt natürlich über die Veranstaltung hinaus. Er definiert die internationalen Grundlagen für Massenzugänglichkeit – nicht bloß im Bezug auf Filminhalte, sondern vor allem im Bezug auf Konsumierbarkeit, auf Feintuning. Eine ganze Subindustrie ist nur darauf spezialisiert, hinter den Kulissen Filme auf ihre Verwertbarkeit hin zu trimmen, auch in Rotterdams Projektmarkt. Eine Thematik, die sich bereits im Rahmen des New Horizons Festivals mit einem schlauen Kopf der polnischen Filmindustrie und Festivalkenner ganz wundervoll aufschlussreich diskutieren ließ. Das soll jetzt keine Verschwörungstheorie werden, es ist schlichtweg Fakt und Ratio, dass eine Institution wie der Hubert Bals Fund nicht zehntausende von Euro in ein inhaltlich vielversprechendes Projekt investiert und dann formale Fehler vor Veröffentlichung nicht ausbessert. Und damit geht es eben um mehr, als um Nachwuchsförderung, es geht hier auch um Sehkonventionen, die lange bevor ein Film das Kino erreicht, durch Erfahrungswerte geschaffen und reproduziert werden. Sehkonventionen wollen bedient werden, um Vermarktbarkeit zu generieren, auch Prestige für die Festivals, die ihren Zöglingen durch Förderung und Preisgelder ihr „Vertrauen“ schenken. Ein System funktioniert nicht von alleine, wo Gelder fließen, wird eben nichts einfach bloß dem Zufall überlassen. Festivalgewinner in Rotterdam sind oft Debütfilme, natürlich, sie blicken aber neben ihrer Förderung auf intensive Projektunterstützung und viel viel Einflussnahme von Profis zurück. Hier gibt es Zufälle, aber es werden eben vor allem Regisseure gemacht. „Rotterdam sucht den Superstar.“

Eigentlich sollte es hier um den Transit vom Indiefilm zum Mainstream gehen, ein alter Hut. Der aber wie oben beschrieben eben ein wirtschaftlicher Hut ist und deshalb so spannend bleibt. Mainstream ist nun wirklich zu breit, um über eine inhaltliche Definition überhaupt noch zu sprechen, sondern Mainstream wird an der Kasse gemacht. Mainstream ist demokratisch. Und wenn die richtigen Schritte vor der Kinokasse geschehen, kann er sich in eine positive oder eine negative Richtung entwickeln. Und so viel ich auch in meinem eigenen Kampf mit dem Kino herumnörgle, ich ziehe Rotterdams-Mirkoindustrie natürlich vielem vor. Der neu eingerichtete Big Screen Award thematisiert die Relevanz des regulären Kinobesuchers hier beim Festival übrigens sehr bewusst. Ebenso wie der KNF Award garantiert der Preis dem Gewinner den Kinostart in den Benelux-Ländern und öffnet die Tür zur weiterreichenden Entdeckung. Tiger-Gewinnerfilme in Rotterdam haben selbstverständlich eine viel weitreichendere Chance, sie finden einen hervorragenden Einstieg in nachfolgende internationale Festivals und erreichen so flächendeckend die Scouts der nationalen Vertriebskontexte. Der erste Schritt ist getan auf dem Weg zu den großen Geldern und Produzenten. Der Rest liegt dann beim Regisseur.

Apropos Regisseur, eine Notiz am Rande: Steven Soderbergh, eine der großen Ikonen und ein Wegbereiter des unabhängigen Films, will das ganze Hin und Her nun übrigens hinter sich lassen, er erlebte wohl zweifellos alle denkbaren Wirren des Konsenskinos.

„The tyranny of narrative is beginning to frustrate me, or at least narrative as we’re currently defining it. I’m convinced there’s a new grammar out there somewhere. But that could just be my form of theism.“

MY DOGKILLER

MY DOGKILLER

Ein Blick auf seine Karriere wirft die Frage nach künstlerischer Authentizität – für mich auch nach Authentizität im Allgemeinen – und nach Autorenschaft auf. Eine ästhetische Frage, wie in obigem Zusammenhang, aber vor allem auch eine inhaltliche und konzeptionelle Frage, die viele der hier präsentierten Filme immer wieder berühren. Vor Beginn dieses Textes etwa MY DOG KILLER der slowakischen Regisseurin Mira Fornay. Ausgearbeitet wie eine Dokumentation – sie recherchierte mehrere Jahre für das Projekt innerhalb der Skinhead-Szene ihres Heimatlands und gewann schließlich sogar ehemalige Szenenmitglieder als Laienschauspieler. Der Film ist streng komponiert, sorgfältig ausgewählte Grautöne erfüllen das Bild und schaffen eine trübe Welt um einen verwirrten Jugendlichen. Natürlich eskaliert alles irgendwann, wir sind ja in Rotterdam. Und schon wieder ist das Ganze irgendwie hermetisch. Ein guter Film, keine Frage. Aber was bleibt außer dem Aktivismus der Regisseurin, den Workshops, die sie über lange Zeit mit Szenemitgliedern machte, um sie von ihrem Irrglauben abzubringen und zu verstehen. Ihre Klugheit im Umgang mit dem Thema hat Vorbildcharakter, aber nur wenn man ihr begegnet. Warum also bloß ein guter Spielfilm und keine Milieudokumentation? Vielleicht eben aus diesem Grund, die Betroffenen künstlerisch zu verfremden und ihnen eine Selbstreflexion zuzugestehen? Doch gerade an den Grenzlinien der Gesellschaft entfaltet keine filmische Ausdrucksform eine größere Intensität als eine gelungene Dokumentation, die uns das verdrängte Reale unanfechtbar, unverfälscht zeigt, uns konfrontiert. Der doppelte Boden des Fiktionalen wird nur von wenigen im Saal praktisch und gedanklich überbrückt. Ich werde die Regisseurin nach ihrer Ansicht zu der Sache fragen. Und ich frage mich, warum Rotterdam keinen Preis für Dokumentarfilme vergibt. An Beiträgen mangelt es nun wirklich keineswegs. Unter den Tiger Award-Anwärtern ist die Quote verschwindend, unter den Gewinnern der letzten Jahre entsprechend ebenso.

GFP BUNNY

GFP BUNNY

Natürlich, ich folge meiner These: Eine Dokumentation verwehrt sich den Homogenisierungsstrategien der Produktionsindustrie, denn die Kamera muss sich absolut der Substanz unterordnen. Nur in viel weniger Fällen erreicht die Form eine dem Spielfilm vergleichbare Perfektion und ein Projekt kann als geschlossenes Ganzes auch abseits seines Inhalts verkauft werden. Verkaufen lässt sich eben nur, was eingängig, was zugänglich ist. Als Zuschauer hat man mit dem Inhalt ja schon genug zu tun, wenn man sich schon mal auf einen Film mit Anspruch einlässt, da müssen formale Mängel nun wirklich nicht auch noch her. Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich das Publikum noch rabiat verteidigt. Aber meine Hoffnung bröckelt nach vielen Begegnungen mit Zuschauern in Kinos und dem Blick auf Besucherzahlen. Kinomacher haben Elefantenhaut. Aber es funktioniert vieles einfach nicht. Nur manches bekommt man entsprechend im Vergleich zu Festivals überhaupt auf der Leinwand zu Gesicht. Natürlich immer wieder das, was gefragt ist, wie die plumpen Ökodokumentationen, die ihre Themen, so wichtig sie auch sein mögen, in Dramatisierung der Realität und in Hochglanzbildern vom ach so faszinierenden Verfall der Welt verstecken. Manchmal erreicht den Zuschauer jedoch auch etwas Besonderes. BOMBAY BEACH war etwa so eine Arbeit, von den Festivals bis ins Kino (wenn auch nicht ins große)! Chapeau! Ich verliere keine Worte darüber, weil sonst wieder die Euphorie mit mir durchgeht, sondern bleibe beim Thema und sehe ihn mir einfach bald weiter in Endlosschleife an. Die neue Grammatik, die Soderbergh oben anspricht, dieser Film ist ein Beispiel dafür. Sich selbst neu erfinden, das ist es, was das Kino neben den wichtigen Inhalten der Gegenwart anstreben muss. In Rotterdam war bisher nur ein einziger meiner gesehenen Film vergleichbar originell: GFP BUNNY ist brillant, zwischen Spielfilm, Dokumentation und Essayfilm, er bekommt nach meinem Gespräch mit Tsuchiya Yutaka hoffentlich noch einen eigenen Text. PARADIES GLAUBE wäre noch zu nennen, der ist nun natürlich keine Doku, aber ein wenig doch auch, zumindest ähnlich versiert im Spiel mit dem Realen. In Seidls Kontext ist formale Perfektion aber nun nichts Neues. Und beweisen muss er wohl nach seiner Festivaltour über Cannes, Venedig und kommende Woche Berlin auch nichts mehr. Bei ihm ist es kein Wunder mehr, dass er überall gespielt wird. Dass PARADIES LIEBE so beeindruckend gut lief, hat mich letztlich dennoch überrascht.

DE DEFLOWERING OF EVA VAN END

DE DEFLOWERING OF EVA VAN END

Bei der Verbreitung des Kinos über die Nische des unabhängigen Films und des Kunstfilms (interessante Anmerkungen von Nicolas Provost) hinaus gewinnt, wer sich das ästhetische und narrative System des Vertrauten zu Nutze macht. Deshalb verlor etwa auch Béla Tarr, ganz einfach. Sein letzter Film THE TURIN HORSE hat kaum Dialoge und nicht einmal Farbe. Er startete trotz einer Festivalkarriere als internationaler Großmeister und Teilnahme am Berlinale-Wettbewerb damals nur mit einer verschwindend geringen Zahl von Kopien in den deutschen Kinos. Unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit. Natürlich ein extremes Beispiel. Aber schlichtweg demütigend, immer noch – und nicht nur für den Regisseur. Zurück nach Rotterdam: Ich sprach von den niederländischen Programmbeiträgen. THE DEFLOWERING OF EVA VAN END inszeniert augenzwinkernd die holländische Mentalität, als Collage mit Versatzstücken des US-Indies à la Wes Anderson und Todd Solondz. Ein völlig klischeehafter Hipster-Austausschüler aus Berlin bringt hier eine Familie von schrulligen Kleinbürgern durcheinander. Kalkulierte Zutaten und dennoch viel Substanz, eine Prise holländischer Exotismus. Ich sehe den Film jetzt schon auf unseren Kinoleinwänden. Und dann ist da etwa Harmony Korine, der alle oben genannten Zusammenhänge zu verstehen scheint und mit SPRING BREAKERS sicherlich einen wahren Amoklauf durch internationale Kinos starten wird. Sein Film hat Sex in Hochglanzbildern, einen Skrillex-Score, James Franco in einer Kultrolle als weißer Gangsterrapper, ein herausragendes Gespür für den Zeitgeist, Gewalt für die Jungs, viel Neonlicht, Feminismus, Drogen – und mehr als genug Substanz, um eine große Zahl von Kritikern auf seine Seite zu ziehen. Kein Film war stärker.

Eine neue Grammatik kann auch eine neue Poetik sein.

Nach kurzem Schlaf suche ich weiter und übergebe das Wort vorerst an dem New Yorker.

Fotos: © IFFR 2013

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