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Bonsái


Piraten, „suspension of disbelief“, Pandoras Büchse und erste Filme – San Sebastian-Blog, Folge 2 

Die Eröffnungsparty fand in dem alten San Telmo-Kloster statt, das zum Teil in die Felsen hineingehauen ist, und während der letzten Jahre frisch renoviert wurde. Ein ungewöhnlicher Ort und eine feierliche Atmosphäre, die nur dadurch getrübt wurde, dass die scheinbar auserlesen Eingeladenen dann noch einmal in zwei Gruppen unterteilt wurden – und dank baskischer Sturheit war zur VIP-Lounge kein Durchkommen. Immerhin traf man bei guten Tapas, Wein, Bier oder Drinks, eine Menge Freunde und Bekannte. Dazu gehört die schon wegen ihres Vornamens sympathische, immer gut gelaunte, immer energische Pandora da Cunha Telles, Lissaboner Produzentin mit dänisch-kanadisch-portugisischen Vorfahren. In San Sebastian hat sie gleich zwei Filme: Bonsái vom seit seinem Debüt Ilusiones ópticas hoch gehandelten Chilenen Cristian Jimenez, der schon in Cannes lief, den ich aber leider auch diesmal verpasst habe. Alle, die ihn sahen, fanden ihn sehr schön. Und Tralas Luces von Sandra Sanchez, ein Dokumentarfilm über Zigeuner, die zwischen Portugal, Spanien und Frankreich als fahrende Händler leben. Mit der Bemerkung „of course, I am a good producer“ öffnete sie schon beim ersten Gin-Tonic ihre Pandorabüchse und drückte mir gleich vier Filme auf DVD in die Hand, die sie produziert hat.

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Tagsüber mussten auch hier all die kleinen spießigen Rituale erledigt werden, die zu einem Festival gehören: Die Telefonkarte aufladen, Schreibblöcke einkaufen, und Wasser im „Super Amara“, Akkrteditierungen und die in San Sebastian besonders guten – gleich vier – Kataloge abholen, sowieso.

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Jacques Demy

Während der Wettbewerb erst am nächsten Tag beginnt, gab es in den Festivalkinos auch schon die ersten Filme der Retrospektiven zu sehen.
Die Jacques-Demy-Retro ging mit vier Kurzfilmen los: Le sabotier du val de Loire von 1956 erzählt von einem Holzschuhmacher. Schwarzweiß, mit aller Ruhe der Welt und einem Erzähler aus dem Off: Ein Tagesablauf. Beim Aufstehen fällt auf, wie dick die Kissen und das Bettzeug sind. Ein Baum wird gefällt. Man sieht Holz hacken, schnitzen, schneiden, schaben, kratzen, er hat zig Hack- und Schnitzwerkzeuge. Musik beschwört die Heiligkeit des Lebens – „lui, ce cela lui fait heureux.“ – scheinbar ein Plädoyer für die Einfachheit. Kitsch, aber toll. Harte Arbeit prägt auch den Alltag der Frau, die einmal pro Woche zum Waschen an die Loire geht. Demy beobachtet mit einem gewissen Naturalismus, zeigt Armut, Einfachheit, Rituale und eine verlorene und vergangene Welt – wer trägt heute schon Holzschuhe? Zwischendurch geht es auch um den Sohn, der das Land nicht mag, den Nachbar der im Sterben liegt – „C’est dans l’ordre. Mais bien sur c’est dans l’ordre. Mais quand meme..“
50 Jahre ist das jetzt her. Wie gesagt: Eine total verlorene und vergangene Welt – was ja unter anderem den Gedanken nahe legt, dass auch von unserer Welt, und unseren Wichtigkeiten und Bedeutungen in 50 Jahren nicht mehr viel übrig sein wird.

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Le bel indifferent von 1957 zeigt in 29 Minuten in Farbe eine Theatersituation: Ein aufgedrehtes Melo in Rot, eine Frau und ein Mann, sie redet, er schweigt. Alles sehr nervig, sehr öde. Auch Ars von 1959 ist eine einzige Zumutung, das affirmative Portrait eines Heiligen: „Il est un force tranquille, come la force que vient de Dieu.“
Man will hier Jacques Demy schon fast aufgeben, da kommt zum Abschluss La Luxure, sein Beitrag zu einem Kompilationsfilm über Die sieben Todsünden (1962). Das ist dann großartig: Zwei junge Männer, einer ist Trintignant, reden vor einem Buchladen, kaufen einen Bildband von Hieronimus Bosch – im Schaufenster stehen auch Bücher von Roger Vadim und über Stan Laurel – und gehen in ein Cafe. Dort schlagen sie das Bild „La Luxure“ auf, und Trintignant erzählt vom Katechismus-Unterricht. Rückblick: Kleine Jungs auf der Straße, sie rauchen, paffen, reden über das, wovon der Pfarrer spricht: Todsünden, über Hölle („C’est pas drole.“, die dann aber in drolligen Bildern dargestellt wird: Nackte im Feuer), während im Hintergrund Marktstände aufgebaut werden. Einer geht nach Hause, Mittagessen bei einer Bürgerfamilie in großer Wohnung. Die Eltern streiten, nachdem er das Gespräch auf „La Luxure“ bringt.
Ende des Rückblicks. Während beide über Frauen reden, blättern sie auf den „Garten der Lüste“. Und die Kamera zeigt ihre Gedanken, indem sie Bildausschnitte auf Bar-Besucher überblendet, die dann nackt dastehen. Eine lustige Form, Tabus zu brechen und am Schluß der waghalsigen 14 Minuten die Quintessenz: „The Surrealists said it all.“

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Intruders

Über Intruders hatten wir in der ersten Folge unseres Blogs schon geschrieben. Aber was signalisiert eigentlich ein solcher Eröffnungsfilm? Will der neue Direktor José Luis Rebordinos, der nach zehn Jahren Mikel Olaciregui ersetzt hat, damit signalisieren, es werde nun mehr Genre geben? Will er insgeheim sagen, auch er sei ein „Intruder“ in der spanischen Festivalszene? „Suspension of disbelief“ heißt es glaube ich, wenn man etwas im Kino glaubt, das man eigentlich nicht im Ernst glauben kann und besser auch nicht glauben sollte, aber es für die Dauer des Films doch glauben will. Das hat beim Film gut funktioniert. Mal sehen, ob es sich auf das Festival übertragen lässt.
„Suspension of disbelief“ gilt auch für meine Haltung zum Thema Piraterie im Allgemeinen und zur Piratenpartei im Besonderen. Egal ob sie nun heute in Berlin ins Parlament kommen oder nicht – die zentrale Frage, die die Partei stellt, ob das klassische Eigentum in Zukunft durch Zugang und Zugangsrechte abgelöst werden, ist für die Zukunft von Kultur und Kulturjournalismus entscheidend. Man muss nicht darum herumreden: Digitalisierung zerstört Freiheitsrechte, klassischen Journalismus und die Kinokultur. Sie vereinfacht auch staatliche Überwachungsmechanismen und leistet der Ökonomisierung aller Lebensbereiche Vorschub. Was steht umgekehrt auf der anderen Seite der Bilanz? Zum Beispiel ein freies Film-Magazin wie NEGATIV und ein Blog wie dieser hier. Was noch? Vorschläge willkommen.
Es gibt jedenfalls keine einfachen Antworten. Aber die Fragen – ganz schlicht praktisch zum Beispiel nach Verdienstmöglichkeiten in der digitalen Umsonst-Welt und nach der Praktikabilität von Modellen wie der Kulturflatrate – müssen gestellt und debattiert werden und die Piraten stören den bürgerlichen Konsens, der auf ein Schweigekartell hinausläuft, und für derartige Vorschläge vorab Denkverbote verhängt.

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Zum Weiterlesen hier ein Buchtip, auf den wir bald noch eingehen werden: Adrian Jones: Piracy: The Intellectual Property Wars From Gutenberg to Gates

Hier finden Sie alle weiteren Berichte von Rüdiger Suchsland aus San Sebastián.