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the unknown known george orwell

Der etwas späte deutsche Kinostart von Errol Morris‘ neuem Film wird mittlerweile von einigen deutschen Kulturmagazinen besprochen. Der Protagonist Donald Rumsfeld wird als Propagandist bezeichnet, der sicher einer Orwellschen Sprache bedient. Noch vor zehn Jahren wären solche Phrasen als Ausdruck eines arroganten Antiamerikanismus, und einer kaltschnäuzigen linken Vermessenheit gewertet worden. Heute gehört es zum Status Quo, Rumsfeld als Überbleibsel einer steinzeitlichen Politik und rigiden Rhetorik zu sehen. Als wäre das schon immer so gewesen.

Hätte man Rumsfelds Soloshow (nicht Morris‘ Film, sondern seine Presseerklärungen) auch in Deutschland in ihrer vollen Länge übertragen, vielleicht hätten sich mehr Stimmen gegen den Irakkrieg gerührt. Eine halsbrecherische Performance voller bizarrer Ausweichmanöver und Wortakrobatik hat Rumsfeld vor der Presse abgeliefert. Jeder gute Magier weiß, wie wichtig es ist, den Zuschauer abzulenken, am besten mit klugen, unterhaltsamen, vielleicht auch leicht vertrackten Sätzen. Der Anschein des Seriösen und Komplexen ist wichtiger als das Seriöse und Komplexe an sich. Zumindest bis man die Menge nicht mehr hinhalten kann. George Orwell wusste, dass Sprache sich als Waffe sehr gut eignet. Schon vor 1984 hatte er diese Erkenntnis in seinem bekannten Essay POLITICS AND THE ENGLISH LANGUAGE festgehalten. Dort heißt es, man muss das Konkrete abstrahieren, um es aufzulösen.

Gab es Massenvernichtungswaffen im Irak? „Absence of evidence is not the evidence of absence.“ Klingt wie eine alte, chinesische Weisheit, vor der man Respekt haben sollte. Ist es aber nicht. Nur ein weiterer Trick, der zum Repertoire gehört, und auch noch vom Astronomen Martin Rees abgeguckt wurde, der sich aber auf außerirdisches Leben im All bezog. Ein Trick, der die Reporter übrigens mit einschließt, denn die wissen genau, dass sie bei diesen Briefings nichts Konkretes erfahren (dürfen). Also spielen sie ihre Rolle und fragen mal mehr, mal weniger provokante Fragen. Und es ist ja auch nicht so, als wäre Rumsfeld der Star der Ausweichmanöver. Auch sein Nachfolger und früherer CIA-Chef Robert Gates übte sich in den Sphären der unendlichen Bedeutung von Sprache (s. seine Unterscheidung von „secrets“ und „mysteries“).

Und doch hat Rumsfeld etwas, was Gates nicht hatte. Da ist dieses Unumstößliche, Unwiderlegbare, Unumgängliche, das bereits in seiner Physiognomie zu liegen scheint. Sein Blick scheint klar, scheint aber auch nur in eine einzige Richtung zu deuten. Das macht uns THE UNKNOWN KNOWN deutlich. Anderthalb Stunden lang folgen wir diesem Gesicht, und versuchen es zu ergründen, die heimtückischen Motive dahinter zu erspähen (was bei Dick Cheney einfacher gewesen wäre). Doch wir schaffen es nicht. Weil da nichts ist?

Morris sagte in Interviews, er halte THE UNKNOWN KNOWN für seinen furchterregendsten Film, weil er die Leere hinter diesem Grinsen einfängt, und diese Leere mitverantwortlich für Afghanistan und Irak ist. Oder man denke an Rumsfelds im Film geäußerte Einschätzung des Vietnamkriegs: „Some things work out. Some things don’t. That didn’t.

Der Mann sagt viel in diesem Film, aber vor allen Dingen sagt er, ohne es zu wollen, dass er in einer Position ist, die eine Reflektion seiner Taten und Worte überflüssig macht. Morris schreibt in seinem Essay THE CERTAINTY OF DONALD RUMSFELD, das eine wichtige Ergänzung zum Film darstellt:

I don’t think anyone could ever get him to admit or regret or question his past actions. It’s not in his DNA, and I don’t think he feels regret for anything. This is a supremely self-assured person who believes he makes the best decisions possible given the information and the situation at hand, and then lets the chips fall where they may.”

Wer in einer Position ist, die einem Recht gibt, kann sich nicht irren. Nicht mehr. Das Amt gibt einem Recht. Liegt es also an den Strukturen? Oder zieht das Amt ebenjene Individuen an, die nach einer Stellung streben, die ihnen alles erlaubt?

George Orwell gibt folgende Antwort:

A speaker who uses that kind of phraseology has gone some distance towards turning himself into a machine. The appropriate noises are coming out of his larynx, but his brain is not involved as it would be if he were choosing his words for himself. If the speech he is making is one that he is accustomed to make over and over again, he may be almost unconscious of what he is saying, as one is when one utters the responses in church. And this reduced state of consciousness, if not insdispensable, is at any rate favourable to political conformity.“

Wohnten die Pentagon-Journalisten also letztlich keinem Vaudeville-Akt bei, sondern einer religiösen Messe mit ihrer eigenen kryptischen Liturgie? Vielleicht kommen Rumsfelds Phrasen in Morris‘ Film deshalb so viel absurder daher: weil sie außerhalb ihres quasi-religiösen Kontexts keinen Sinn mehr ergeben.

In diesem Sinne sollte man THE UNKNOWN KNOWN weniger mit Morris‘ THE FOG OF WAR vergleichen, sondern eher mit GATES OF HEAVEN, VERNON, FLORIDA und MR. DEATH, die ebenfalls eigene, abgeschlossene (Kopf-)Welten portraitieren, in denen die Realität (die man ab und zu immer noch adressieren sollte) keine oder eine untergeordnete Rolle spielt. Das erklärt auch, warum sich Rumsfeld überhaupt dazu bereit erklärt hatte, den Film zu machen. Hätte er sich näher mit Morris‘ Filmen auseinandergesetzt, hätte er vielleicht festgestellt, dass es in dem Film nicht einfach darum gehen würde, Anschuldigungen weg zu argumentieren oder ihm gar ein tränenreiches Geständnis abzuluchsen (wovon weder Filmemacher noch Zuschauer etwas hätten). Morris fragt Rumsfeld sogar am Ende, warum er sich eigentlich auf den Film eingelassen hat, und Rumsfeld weiß darauf keine Antwort. Morris schreibt in seinem Essay: „He is, I believe, exactly who he presents to the world.“ Darum.
Safarow-schreibt.blogspot.com

 Quellen:

Orwell, George: Collected Essays. London: Mercury Books, 1966.
Morris, Errol: The Certainty of Donald Rumsfeld
http://articles.latimes.com/1991-09-23/news/mn-2051_1_cia-nominee

Fotos: ©NFP