Seite auswählen

Nostalgie für den Kalten Krieg, ästhetische Entscheidungen , und ein Triumph des Set-Design 

Venedig-Blog, Folge 7.

„Blogging is not writing. It’s grafitti with punctuation.“ Das ist so ein Satz, der noch hängenblieb von Stephen Soderberghs Seuchenthriller Contagion und für große Lacher im Kino sorgte. Dabei ist der Blogger in diesem Film, gespielt von Jude Law in einem fast komödiantischen Auftritt mit schlechten schiefen Zähnen, von denen einer auch noch schwarz angefault ist, gar kein Idiot und auch keine durchgehend unsympathische Figur. Er hat einen guten Instinkt, und eine plastische Sprache. Der Virus sagt er, sei „wie Godzilla, King Kong und Frankenstein zusammen.“ Allerdings ist der Blogger unsympathisch, denn er ist ein Fanatiker. Womit wir beim nächsten Film wären.

***

Es gibt bisher eigentlich nur zwei Filme, die einem bisher Lust machen, sich sofort nach dem Festival einen Stapel Bücher zu besorgen, und zu lesen. Einer ist David Cronenbergs Freud-Jung-Drama A Dangerous Method, der schon am Freitag lief, uns immer noch im Kopf herumspukt, und über den wir hier auch bald noch schreiben werden. (Gerade ist ja, das nur in Klammern, die Phase erreicht, in der wir beim besten Willen nicht mehr mit dem Schreiben hinterherkommen und eigentlich noch die Filme von Freitag und danach besprechen wollen, aber, weil es ja schon Montag ist, doch vieles vor und herschieben.) Das andere, was man lesen will, ist alles von John Le Carré. Schuld daran ist Tinker, Tailor, Soldier, Spy die langerwartete Kinoverfilmung von Le Carrés gleichnamigem Roman (auf deutsch: Dame, König, As, Spion) durch den Schweden Tomas Alfredson (Let the Right One In).

***

„The fanatic is always conceiving a secret doubt.“ – so lautet einer der schönsten Sätze in diesem Film. Und wäre dies nicht vor allem ein Style- und Fashion-Statement, dann wäre dieser Film auch eine wunderbare Ansammlung von Sätzen und klugen Gedanken. Etwa, als fast am Schluß des Films der entlarvte Smiley zugesteht, er sei von der Gegenseite als gefährlich eingeschätzt worden. Und dann erklärt: „But you have a mild spot: As Anna’s Lover, you were not able to see me straight.“ Er wurde nur deshalb der Liebhaber von Smileys Ehefrau, um als Verräter sicherer zu sein.
Ein Film der Sehnsucht auslöst. Ein Film, der nochmal gesehen werden will. Denn man kann hier alles Mögliche entdecken, soviel, wie bei einem Mal angucken nicht auszuschöpfen ist. Diese Sehnsucht hat ihre Ursache auch darin, dass dieser Film auf etwas völlig Irrationalem basiert, beziehungsweise es erst auslöst: Nostalgie nach dem Kalten Krieg. Nostalgie gegenüber einer grauen Welt ohne Mobiltelefone und Internet, nach einer modernen Kunst, die sich mit ihren Ecken, ihrem Grau in Grau, der dicken, hart und grindig gewordenen Farbpaste, in der die Quadrate auf ihren Leinwänden gemalt sind, in Kontrast befindet zu allem Plüsch und allem Runden, das die Einrichtungen dieser Jahre dominiert. Die aber nichts zu tun hat mit dem Medienkrimskrams und Installationsbudenzauber, der heute die Kunstwelt dominiert – zum Beispiel der Biennale ein paar Bootsminuten weiter.
Eine zweite zumindest bemerkenswerte, für mich interessante Gemeinsamkeit zum Cronenberg-Film ist, dass wir auch hier mit einem sehr überladenen, sehr klassischen, sehr braunen Herrenarbeitszimmer begegnen. Bei Cronenberg ist es das von Freud, hier das von Smileys Boss „Control“, den John Hurt spielt. Diese Arbeitszimmer sind von allen Ecken eingerahmt durch Bücherregale, die prall gefüllt sind. Dazwischen und vor den Büchern stehen kleine Mitbringsel, Statuen, Fotos im Rahmen, Kostbares neben billigem Tand. Auf dem schweren Schreibtisch türmen sich die Papierstapel, man meint, den Staub riechen zu können. Es ist das 20. Jahrhundert, dem man hier begegnet, und greift man wirklich zu hoch,wenn man sagt: Diese Arbeitszimmer in denen Forscher und Diktatoren arbeiteten, waren einer der paradigmatischen Räume dieses Jahrhunderts? In dem nichts klein und schnell zugänglich und digital war. Und dies nicht weiter ins Gewicht fiel. „Your generation, your legacy“ sagt einmal jemand zu Smiley, natürlich in anderem Zusammenhang, aber es trifft auch hier zu.

***

Ein Film der Objekte, des Set-Design, der Dinge, die hier mehr erzählen, als alle Worte. Die, wenn es sich um Kleidung handelt, ihre Figuren charakterisieren: Der Tweed, die Anzüge, die Trenchcoats, die Kravatten. Wenn Brazil die Komödie dieser vergangenen Welt war, dann ist Tinker, Tailor, Soldier, Spy ihre Tragödie. Es würde wahrscheinlich genügen, diese britischen Gesichter zu zeigen, in deren Reihe sich sogar Hurt und Colin Firth fügen. Dieser britschen Sprache zuzuhören. Auch die Sprache und die Gesichter sind hier reine Objekte.
Natürlich ist dies zugleich ein gradliniger Spionagethriller, voller Hard-Boiled-Talk wie „This meeting is not taking place. Is that clear?“ Oder: „This isn’t about soldiers and trenches anymore.“ Ein weiterer Aspekt ist die Kombination aus Wissen und Einsamkeit, Angst und Spießertum, die die Agenten auszeichnet.

***

„The mother of all secrets“ wird in den Untertiteln übrigens übersetzt in „Il padre de tutti secreti“.

***

Alfredson macht alles richtig und viel Kluges: Er ändert die Romanhandlung im Hinblick darauf, alles filmischer zu machen, ohne aber das Ganze anzutasten. Etwa als er die Weihnachtsfeier des „Circus“, des britischen Geheimdienstes, zeigt, kommt es zu einem der schönsten Momente: Da tritt ein Clown mit Lenin-Maske auf, und aus den Lautsprechern tönt die Sowjethymne. Fast alle singen mit. Großartig! Kommt aber im Roman nicht vor. Alfredson zeigt nie Karla, Smileys Gegenspieler in Moskau, er zeigt nie seine Frau Ann – wozu auch? Wir sollen sie fühlen, und wir sollen sie so fühlen, wie sie Smiley uns erzählt.
Die etwas Älteren von uns erinnern sich natürlich an den Fernseh-Siebenteiler aus den späten 70er Jahren, in denen Alec Guinness den britischen Geheimdienstler und Romanhelden George Smiley spielte. Diesmal wird er, ganz anders, aber nicht weniger überzeugend, von Gary Oldman gespielt.
„I am gonna miss the cricket in Moscou.“ sagt der von Colin Firth gespielte Entlarvte am Ende zu Smiley. Und dann begründet er seinen Verrat: „It was an aesthetic choice as well as a moral one.“ Dazu läuft das französische Chanson „La mere“ und das klingt dann zwar wie von Adamo, ist aber, wie der Abspann verrät, doch von Julio Iglesias gesungen. Der Osten! Als ästhetische Entscheidung!! Darauf muss man erstmal kommen. Das galt natürlich für Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und die ganzen anderen Großväter, die 1989 plötzlich triumphieren konnten, weil sie die schönen Allen von „Mitteldeutschland“ wiederbekamen. Aber für einen britischen Agenten im Jahr 1973?

***

Sehnsucht also nach dem Kalten Krieg. Aber auch diese Zeit hatte ihre Sehnsüchte, wie ein kleiner Dialog zwischen Smiley und seiner Ex-Kollegin Connie erzählt: „This was a good time, George.“ – „It was the war, Connie“ – „A real war. Englishmen could be proud then.“
Und sie war hellsichtig und es waren bereits seinerzeit Sätze möglich, die wir heute, leider mehr denn je unterschreiben können: „The west has become very ugly, George.“

Hier lesen Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus Venedig.