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Am Tag des Satans ist die Erde eine Scheibe, und auch sonst gilt in Venedig: „The time is out of joint…“ – Chronik eines angekündigten Chaos

Venedig-Blog, Folge 7.

„Dieses Jahr sind die vom Teufel besessen.“ meinte Kollegin Margret Köhler gestern. Wie recht sie hatte, konnte sie da noch gar nicht ahnen – oder doch? Ist Margret etwa selbst mit Satan im Bunde? -, aber der heutige Festivaldienstag, der siebte Tag des Festivals, schien tatsächlich vom Teufel besessen. Man könnte natürlich auch sagen: Venedig einmal wieder genau so, wie man sich Italien vorstellt.

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Vielleicht lag ja alles an der Apokalypse und an Abel Ferrara. Dessen neuer Film 4.44 Last Day on Earth hatte Festivalchef Marco Müller offenbar zum einem Akt des Wahnsinns verleitet. Müller verlegte aus völlig schleierhaften Gründen die Pressevorführung vom größten Saal (Palagalileo) in dem normalerweise sämtliche Wettbewerbsfilme gezeigt werden, in den kleinsten, den Sala Pasinetti. Es war auch die einzige Vorführung am Dienstag, zwei weitere sollen am Mittwoch ebenfalls im Pasinetti stattfinden, und die offizielle Premiere wie immer im Sala Grande des Palazzo. Weil im Pasinetti nur rund 100 Leute Platz haben, im Palagalileo fast 2000 war das Chaos vorprogrammiert. Manche entwickelten schon kreative, aber auch erkennbar verzweifelte Vorschläge: „Ich schließe mich vielleicht einfach beim Film davor auf dem Klo ein.“ meinte zum Beispiel die Redakteurin einer Berliner Tageszeitung.
Aber wozu das Ganze? Wollte Müller damit nun einen seiner gewohnt willkürlichen Hypes kreieren, oder musste hier ein Regisseur vor sich selbst gerettet werden?
Offenbar hat er sich dann später aber doch noch beraten lassen, und alle Pläne über den Haufen geworfen. Um 19.30 Uhr bekam man, jedenfalls die Besucher einer anderen Wettbewerbsvorstellung, einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem sämtliche Pasinetti-Vorführungen abgesagt wurden. Stattdessen setzte man für heute (!) 23 Uhr eine Vorführung im Palagalileo an. Wer das nicht mitbekam oder nicht rechtzeitig umdisponieren konnte, hatte halt Pech gehabt. Glück für Carlos vom BR, dass er mich anrief.
Die Italiener finden sich nun wahrscheinlich wieder ungemein kreativ, nur weil sie vor dem selbstangezettelten Chaos noch die Flucht ergriffen hatten, indem sie ein anders anzettelten. Alle anderen stöhnten nur: „Die Italiener!“ oder „This godforsaken festival.“

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Am Morgen des gleichen Tages wurde um neun der „Film Sorpresa“ gezeigt. Auch so eine Spezialität Marco Müllers. Jedes Jahr gibt es einen solchen „Überraschungsfilm“, über dessen Titel oder Macher im Vorfeld nichts zu erfahren ist, außer hunderten von Gerüchten. Fast immer handelt es sich allerdings um einen Film aus Asien. Auch diesmal. Diesmal war es People Mountain, People Sea vom Chinesen Cai Shangjun, der 2007 mit The Red Awn ein sehr schönes Debüt präsentiert hatte. Auch der lief um neun im Pasinetti, auch hier standen hunderte von Kollegen an – mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass es am Abend noch eine Pressevorführung angesetzt war, diesmal im großen Palagalileo. Das war auch ganz gut so, denn als die hundert Glücklichen es sich im Pasinetti bequem gemacht , und die anderen zwei-, dreihundert frustriert wieder gegangen waren – nach bestimmt 45 Minuten Wartezeit, wurde die Vorführung von People Mountain, People Sea nach wenigen Sekunden abgebrochen. Der Film hatte nämlich keine Untertitel!

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Die hatte er dann, als er am Abend im proppevollen Palagalileo gezeigt wurde. Trotzdem wurde der Abend noch lustiger, als die Vorführung am Morgen. Das lag gar nicht einmal an den überaus aufgeräumten Italienern, die warum auch immer bereits den dämlichen Festivaltrailer und dann auch diverse Logos euphorisch beklatschten. Sondern an der Vorführung selbst…

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Man muss das erlebt haben. Zuerst merkt man, während der Film etwa 45 Minuten alt ist, nur ganz unbewusst, „dass da etwas ist“. Dann denkt man an Gerüche, glaubt, den Film zu riechen, den Dreck und Ruß der Metropole Chongqing am Yang-tse Fluß. Dann ist klar: Es brennt! Rauchschwaden durchziehen sichtbar das Saalobere, und es stankt gehörig nach brennendem Holz. Innerhalb weniger Sekunden stehen viele im Saal auf, der Film läuft ungerührt weiter. Wir selbst bleiben ebenfalls ungerührt sitzen, verfolgen das Spektakel. Von der ersten Reihe aus kommt man immer noch raus, wenn es sein muss. Feueralarm gibt es auch keinen. Die die Türen gehen auf, um Frischluft reinzulassen, der Film läuft weiter. Irgendwann hört er auf. Was ist passiert? Der chinesische Geheimdienst? Während der Kulturrevoltion hätte es solche Filme jedenfalls nicht gegeben. Oder doch der Teufel? Es riecht tatsächlich ein bisschen nach Hölle. Dann ist klar: ein Lautsprecher ist durchgebrannt. Ein Mann auf der Leiter schraubt ihn ab. Alle paar Minuten die schon bekannte Ansage: „We are sorry for the interruption. The screening will start es soon as possible.“
Letztes Jahr hatte es sturzbachartig in den Presseraum geregnet. Diesmal Feuer ohne Feueralarm. Marco Müller muss sich jedenfalls inzwischen auch schon blöd vorkommen. Und Venedig wird allmählich seine eigene Parodie. Italien ist wirklich in der Krise. Dass heißt natürlich andererseits keineswegs, dass wir jetzt lieber in Toronto wären…

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Um auch jenseits solcher Erlebnisse zu verstehen, was das Festival von Venedig von dem in Cannes unterscheidet, könnte man jetzt natürlich über vorgeführte Filme reden. Oder über die Festivaldirektoren, die bis 2005 fast jährlich wechselten, während Marco Müller, der seit sechs Jahren amtiert, damit die längste Amtszeit aller Mostra-Direktoren aufweist.
Man kann aber auch mal über die Namen der Vorführsäle sprechen. in Cannes heißen sie seit Jahrzehnten „Lumiere“, „Debussy“, „Bunuel“, „Bazin“. In Venedig wechseln die Namen fast immer. Verständlich, wenn auch zu Missverständnissen führend ist das bei dem ein paar tausend Zuschauer fassenden Kinozelt, in dem die Wiederholungsvorführungen stattfinden, und das erst Pala BNL hieß, dann Pala TIM, 2005 einmal „Area Alice“. Heute nennt man es, weil man offenbar keinen Sponsor mehr gefunden hat, einfach PalaBiennale. Schwerer wiegt es bei dem wichtigsten und größten Kinosaal, einer ehemaligen Freiluftarena, die in den späten 60ern mit Beton ausgegossen und richtigen Kinosesseln sowie einem Holzdach versehen wurde. Jeder nennt ihn hier zwar Palagalileo, wie er auch über das Jahr hin heißt, aber in manchen Jahren wurde er aus undurchsichtigen Gründen offiziell als Pala Lido geführt, in diesem Jahr als Pala Darsena – also „Saal des Hafenbeckens“, womöglich weil sich daneben ein kleiner Anlegesteg befindet. Vielleicht aber auch, weil man es in Venedig mit einen Naturwissenschaftler wie Galilei nicht so gern hält, und weil Festivalboss Marco Müller die Erde wahrscheinlich lieber als Scheibe betrachtet.

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Wie gesagt: Der Tag des Satans ist noch nicht zuende. Wer weiß, was noch kommt? Um 23.45 Uhr, kurz vor der Geisterstunde erst einmal die Apokalypse… Und wenn die Erdscheibe dann wider Erwarten doch noch steht, und wir nicht alle am Rand heruntergefallen sind, dann geht es morgen wieder mehr um die Filme.

Hier lesen Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus Venedig.