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Le Rouge et le Noir: Strahlungen, elan vital, Energie-Filme von Zlotowski und Jodorowsky

„Es ist das Wallhalla des Kinos.“
Martin Scorsese über Cannes (in: SEDUCED AND ABANDONED von James Toback)

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Während Cannes haben immer ein paar geschätzte Menschen auf dem Festival Geburtstag. So Verena Lueken aus Frankfurt, der ich nur eine Zigarette schenken konnte, und die den Tag dann damit feierte, dass sie in ihrem, ich glaube recht engen, Hotelzimmer Texte schreiben musste – auch die FAZ hat ja jetzt einen täglichen Cannes-Blog, der sehr amüsant und anregend zu lesen ist, wenn mal davon absieht, dass man bei einem Aushängeschild des „Qualitätsjournalismus“ (Frank Schirrmacher) schon damit gerechnet hätte, dass ein Filmfestivalblog auch ein bisschen mit Filmkritik zu tun hat und von Filmen erzählt. Aber das müssen dann halt wir hier übernehmen.

Den anderen Geburtstag gab es schon am Freitag: Pamela Pienzobras hatte ihre Freunde in einen irischen Pub geladen, der den Vorteil hatte, dass auf großen Bildschirmen die „Copa del Rey“ lief, das spanische Fußball-Pokalfinale. Ich guckte mir mit Diego aus Argentinien die letzte Viertelstunde und die Verlängerung an, bald standen weitere acht Argentinier um uns herum, und als der Underdog Athletico Madrid das Siegtor über den Lokalrivalen Real schoss, gab es keinen, der traurig war. Jeder freute sich und ein paar dachten wohl wie ich: Hoffentlich ist das ein gutes Omen für den nächsten Samstag, wenn Borussia Dortmund die scheinbar unschlagbaren Münchner Bayern besiegen soll.

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Im Gegensatz zum Wettbewerb sind vor Beginn eines Films aus der Reihe Certain Regard auf der Kinoleinwand immer zwei Projektionen zu sehen. Zuerst eine Liste aller Filme der Sektion und ihrer Regisseure, dann über die ganze Leinwand der Titel des Films, der gleich gezeigt werden wird. Die Farben, in die das alles getaucht ist, sind in diesem Jahr besonders vornehm: Hellgrau, mittelgrau, weiß, darauf mit sattroter Schrift, einem Sattrot, das die Erinnerung an einen Nagellack heraufbeschwört, die Filmtitel. Das alles sieht sehr schön aus, und wie gesagt auch etwas vornehm.

Nicht minder das Design der diesjährigen Festivaltasche – wo andere Festivals sparen, regiert hier in Cannes der Überfluss.

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Dann beginnt GRAND CENTRAL. Schon die Titelsequenz… Sie macht genau das, was alle machen sollten und wo man sich dann immer fragt, warum es niemand macht: Fette rote Schrift – kein Nagellackrot, eher Revolutionsrot – auf schwarzem Grund. Le Rouge et le Noir. So laufen die Credits. Gegengeschnitten dazu sind Bilder eines fahrenden Zuges. Sofort strahlt der Film eine Energie, elan vital aus, den man in wenigen Filmen findet. Herzschlagkino. Der Film stammt von der Französin Rebecca Zlotowski, die vor drei Jahren mit BELLE EPINE ein feuriges Debüt hinlegte.

Im Zug steht aus dem Fenster schauend ein junger Mann, der Held des Films. Ein Underdog, man sieht es sofort, und er könnte selbst dieser kleine Dieb sein, der ihn jetzt beklaut. Er heißt Gary, wird von Tahar Rahim gespielt, der nicht nur ein Posterboy des französischen Kinos ist, sondern auch die Ausstrahlung von „streetwise“ und Rollcharme mitbringt, die auch Gary eigen ist. Nach fünf Minuten hat der Mann seine Geldbörse zurück, und sich mit dem Dieb angefreundet. Er heißt Tcherno und hat das gleiche Ziel: Eine große Kernkraftanlage, wo die zwei mit vielen anderen anheuern wollen. Es ist ein sehr spezieller, und fürs Kino unentdeckter Ort, den GRAND CENTRAL entfaltet: Die Welt der Saisonarbeiter der Atomindustrie. Sie machen die Drecksarbeit, für Ungelernte bekommen sie viel Geld, plus Gefahrenzulage. Und gefährlich ist ihre Arbeit, denn sie haben mit Sondermüll zu tun, sind erhöhter Strahlung ausgesetzt, werden zwar viel kontrolliert, aber es kann auch viel schiefgehen. Tut es auch. Wenn nur zehn Prozent von dem stimmt, was Zlotowski über die Arbeitsbedingungen der Atomkraftwerke erzählt, wäre das Grund genug, alles unter Kuratel zu nehmen.

Aber das ist kein Film über die politische Atomdebatte. Wichtiger ist: Zlotowski schildert ein sub-proletarisches Milieu, in dem alte Werte und Ehrbegriffe zählen, und doch jeder jeden und die Kraftwerksbetreiber alle ausbeuten, in dem jeder schon davon ausgeht, zu den Verlierern zu gehören. Die Arbeit ist hart und schwer, ein falsches Wort kann einen tödlichen Fehler auslösen, jedenfalls Zeitverlust bedeuten. Recht früh fällt der Satz, der auch an das Publikum gerichtet ist: „description is knowledge“.

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Die Regisseurin ist fraglos fasziniert von diesen verschwitzten muskulösen dummen Jungs, die zuviel trinken, an ihrem Strahlenmesser herumtricksen, um mehr Schichten schieben zu können, die in Baracken neben einem See in Doppelstockbetten wohnen. Sie zeigt ihr Leben: Gemeinsames Grillen, Karten spielen, baden. Sehen die Jungs gut aus? Nicht wirklich, aber vielleicht sieht Rebecca Zlotowski das anders. Steht sie auf die? Ganz bestimmt. Sie identifiziert sich allerdings mit den Frauen, die auch in der Anlage arbeiten. Sie sind die vernünftigeren, mächtigeren, die souveränen Bosse ihrer Männer, die eben Jungs sind, vorlaute Kinder, auf die nur halb Verlass ist. Eine von ihnen singt abends mal: „Liebe ist wie der Tod. Wie das Paradies.“

Vor allem identifiziert sie sich mit Karole, die von einer kurzhaarigen Léa Seydoux als Unnahbare, Schweigsame gespielt wird. Eine Göttin im Land der Stiere. Ihr erster Auftritt ist an der Seite des bulligen Toni, eines Atomveteranen, den sie heiraten wird. Gary fragt im Kreis der anderen nach dem Effekt einer Überdosis. Sie kommt langsam um den Tisch rüber, zieht ihn hoch, küsst ihn vor allen, und sagt: „Wie ging’s Dir jetzt? Du hast Angst gehabt, Deine Knie zittern. Das ist der Effekt einer Überdosis.“ Alle Lachen, nur Gary ist von nun an verstrahlt.

Bald entwickelt sich zwischen Gary und Karole eine Affaire. Sie findet zunächst nachts statt und zu den schönsten Momenten gehört der einer Bootsfahrt bei Mondschein. Die Natur ist hier sehr französisch die Gegenwelt zur Zivilisation, das Wilde, der Ort der Überschreitung.

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Zlotowski erzählt und filmt die Anlage, wie das Innere eines UFOs. Man denkt an technoide Utopien, Filme wie GATTACCA und könnte durch die besondere und besonders eingesetzte pulsierende Musik GRAND CENTRAL auch als Rock-Science-Fiction bezeichnen.

Filmemacher können von Zlotowski filmhandwerklich viel lernen, zum Beispiel wie einfach hier Figuren eingeführt und charakterisiert werden, wie wenig man braucht um Charakere und ihre Lage plausibel zu machen – wenn das wenige das Richtige ist. Immer wieder gibt es Momente des Überschusses, „unnötige“ Szenen, die gerade den Charme und die Besonderheit des Films ausmachen, und deren Freiheit die der Figuren widerspiegelt. Etwa eine energiegeladene Autofahrt. Oder ein Besuch im Zoo, mit einem einfach nur genialen Bild eines Haufens Krokodile bei der Fütterung. Auch bei der Geschichte dieses Doppellebens einer Frau zwischen zwei Männern ist interessant, was erzählt wird, und was alles nicht.

Es gibt Glücks- und Unglücksmomente, aber keine echte Entscheidung von Karoles Zwangslage. Am Schluß aber folgt sie ihm aus dem Kraftwerk, unter Tränen, dazu heult sieben Mal die Sirene.

Wir Zuschauer haben – „description is knowledge“ – vorher schon gelernt, was das bedeutet: „4x – c’est une exercise; 5x – c’est rien; 6x – c’est grave; 7x – très grave.

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GRAND CENTRAL sei der beste Film, den er bisher in Cannes gesehen habe – das sagt ausgerechnet Semih Kaplanoglu, der vor drei Jahren mit BAL – HONIG den Goldenen Berlinale-Bären gewann, als wir uns auf dem türkischen Empfang treffen, und das Programm durchgehen. Gerade von ihm hätte ich das nicht unbedingt erwartet, aber es freut mich. Semih sitzt hier in der Kurzfilmjury, sein Wettbewerb hat noch gar nicht begonnen und er guckt einfach den ganzen Tag lang Filme.

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Alejandro Jodorowsky ist vor allem eine Legende. Ein Hippie-Idol. Ein Schamane. Jodorowsky ist ein Spinner, aber er ist ein guter Typ. Was der für Bilder findet… Aber wer kennt überhaupt seine Filme noch? Nach drei Filmen – FANDO Y LIS, EL TOPO und MONTA SACRA zwischen 1968 und 1973 – war er der Regisseur der Stunde, der Esoterik und linke Politik, Psychoanalyse und Surrealismus zu tripartigen Filmen verarbeitete, in die man am besten schon bekifft, bedröhnt, besoffen hineinkommt. Der Castaneda des Kinos.

Dann verschwand er 15 Jahre von der Bildfläche, nachdem seine Verfilmung von THE DUNE gescheitert war, wurde Comic-Zeichner, dann kam er 1989 zurück mit SANTA SANGRE, verschwand wieder für 23 Jahre, und jetzt lief in der Quinzaine LA DANZA DE LA REALIDAD. Ein großartiges Comeback, ein Werk voller Liebe und Passion, das minutenlangen stehenden Applaus erhielt.

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Jodorowsky stammt aus einer Familie ukrainischer Juden, die „vor den kosaken“ geflohen waren, und nun in der nordchilenischen Hafenstadt Tocopilla ein „Casa Ukraina“ betrieben, wo sie Strümpfe verkaufen. Alejandro wurde 1929 dort geboren, gilt als Mexikaner, wie er dort seine Filme machte, und lebt heute in Paris und Sitges. Er selbst führt durch diesen autobiographischen Film, in dem er die Geschichte seines Vaters Jaime erzählt und seines unschuldigen Kindes Alejandro. Der Vater war nicht nur Jude, sondern auch Kommunist mit stalinistischen Neigungen und damit alles, was unter dem autoritären Regime von Präsident Ibanez del Campo – „der Pinochet der 30er“ sagte mir Jodorowsky – unerwünscht war.

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In einem Zirkuszelt beginnt alles, Geld liegt auf dem Boden, die Menschen tragen identische Masken. Alles drehe sich ums Geld, sagt der Meister. Der Vater ist ein Vater, der gleichzeitig Humanist, Stalinist und extrem autoritär war, der den Sohn, weil er ihn abhärten will, beim Zahnarzt ohne Betäubung operieren lässt, den Sohn schlägt und einsperrt, mit Verboten regiert. Es ist überhaupt eine sehr repressive Vaterfigur, der man hier begegnet. Doch dieser Jaime Jodorowsky ist auch der einzige in Tocopilla, der den bettelarmen Mineros, Minenarbeitern, die von den Bergen heruntergekommen sind, Wasser bringt – eine Episode aus der Jodorowsky, der später im Interview mit mir betonte, das Allermeiste in seinem Film habe sich tatsächlich so zugetragen, eine Parabel macht: Jaime bringt den Mineros mit seinem Karren Wasser, worauf sie auch noch gleich die Esel töten und schlachten – „Wie soll ich morgen Wasser bringen?“, fragt Vater Jaime. Er bekommt zur Antwort: „No way manana. We are hungry today.“

Nun wird er wie auch der Sohn Opfer antisemitischer Angriffe. Und plötzlich hat man Mitleid, begreift diesen Mann als einen Außenseiter im Kampf um Anerkennung. Selbst als er sich zum Attentat auf Ibanez entschließt, bleibt er der Außenseiter: „You are a jew. It has to be a chilean.“, bekommt er zu hören. Da hat er das Zuhause bereits verlassen, ein Überzeugungstäter auf Mission, der das Attentat nicht ausführt, sondern in den Folterkellern des Regimes landet.

Mit zwei gelähmten Händen landet er bei einem barmherzigen Tischler.

„If I forget you, oh Jerusalem, let my right hand…
Have you forgot so much?“

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Schamanische Kräfte hat die Mutter, eine Opernsängerin, die Jodorowsky im Film nie sprechen, sondern ihre Sätze nur singen lässt. Als der Vater mit einer seuchenartigen Krankheit angesteckt ist, sieht man, wie die Mutter auf ihn pisst – auch das zeigt Jodorowsky explizit wie alles. Wüsste man es nicht besser, würde man schreiben: Ein typisch lateinamerikanisch-katholischer Filmemacher. Eine komplexe Mutterfigur mit Zauberkräften. Ihrem Sohn gibt sie mit auf den Weg: „You belong to the darkness… Darkness is your kingdom.“

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Hinter dieser wahnwitzigen Geschichte, die man trotzdem nicht unter dem naheliegenden Etikett „magischer Realismus“ abtun sollte, stehen aber auch ungemein einprägsame Bilder: Wie Bilder von Dali dachte ich zwei, dreimal; Manierismen wechseln sich ab mit tollen Einfällen: Man sieht einen Strand voller toter Fische, man sieht Zwerge und unsäglich versehrte Krüppel, einen „Theosophen“, der eine Variation der Ringparabel darbietet, rote chaplineske-Schuhe, brennende Slums, ein mit Würmern und Schnecken übersäter toter Körper, Leguane, Seemänner, und so vieles mehr, einen einzigen großen Karneval der Bilder.

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Und dann noch ein paar Weisheiten: Von Bekanntem – „Dios no existe! … there is nothing behind, you die, you rott.“ – über Esoterisches – „Something is dreaming us. Beware the illusion!! Live!!!“ – kommt man auf Philosophie für den Hausgebrauch: „Suffering – relief – suffering – relief … La cadena no tiene fin.“ und Todessehnsüchte: „If you want to survive, you must connect to death. There is no difference between conscience and death.“

Zum Abschluß dieser chaplinesken Fabel über Wurzellosigkeit und das Lost Paradise der Kindheit, von dem so viele Filme zehren, sieht man weit offene Türen. Während das Bild sich in Weiß verwandelt, hört man: „El viento, nada mas que el viento.“

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„Film ist eine vitale Kraft, eine elementare Erfahrung“, sagt Jodorowsky dann nach der Premiere. Acht Familienmitglieder haben mitgespielt. Für die Familie sei alles ein „bomba psicologica tres forte“ gewesen. Bei der offiziellen Premiere am Abend wurde er dann von keinem Geringeren vorgestellt, als von Nicholas Winding Refn.

 

Bild-Copyright: Festival de Cannes 2013