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Miss Bala

Verdammt sind sie alle: Die Retrospektive „American Way of Death“ und Spuren des Film-Noir im Gegenwartskino – San Sebastián-Blog, Folge 8

Zwei, drei Meter hoch sind die Wellen am Ufer der Stadt. Eine Glocke aus feuchtem frischem Dunst steht über der Stadt, die Gischt liegt regelrecht in der Luft. Das Wetter ist immer noch sonnig, aber kühler. Drinnen ist die Luft umso schlechter: Das Festival hinterlässt seine Spuren auch im Kino. Eine Woche nach Beginn stinkt es im „Principe“ schon am Morgen nach dem Schweiß des Vortages.

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San Sebastián ist mit fast 400 Filmen allemal viel mehr, als sein Wettbewerb: Berühmt sind die Retrospektiven, und auch, wenn man mit guten Gründen fragen kann, ob es eigentlich nötig ist, dass ein Festival gleich drei Retrospektiven auf einmal zeigt, wie es hier alljährlich geschieht, versiegen derartige Gedanken schnell beim Blick auf die langen Schlangen des neugierigen Publikums. Wer es schafft, die Massen für gute und auf den ersten Blick schwierige Filme zu gewinnen, der hat Recht.
Alles ist ziemlich klar gegliedert: Es gibt eine historische Werkschau zu einem Regisseur, eine zeitgenössische Retrospektive – meist noch ein lebender Filmemacher wie Volker Schlöndorff, Michael Winterbottom, Phillippe Garrel oder Barbet Schroeder oder Neues französisches Kino – und eine thematische Schau: „50 Filme aus den 50ern“, „Dokumentarfilm im Spielfilm“ hießen sie in vergangenen Jahren. Sie bieten auch hauptberuflichen Kinogängern noch viel Neues. Zudem können selbst Kino-Profis wohl nur selten von sich behaupten, das komplette Werk von Anthony Mann, Don Siegel oder in diesem Jahr Jacques Demy zu kennen, und wenn dann noch Agnes Varda und Catherine Deneuve persönlich anreisen, um die Filme zu präsentieren, bleiben wenig Wünsche offen. Als die fürs Gegenwartskino interessanteste Retro entpuppte sich nun nicht etwa die Schau des neuesten chinesischen Kinos, und der Chancen, die digitale Techniken unter Zensurbedingungen bieten, sondern die thematische Retrospektive, die unter dem Titel „American Way of Death“ dem amerikanischen Neo-Noir der letzten 20 Jahre gewidmet ist. Cine negro heißt das hier.

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„Von den Filmen, die da laufen, kenne ich mindestens 80 Prozent“, hatte der eine oder andere auch noch während des Festivals gesagt. Ich habe meinen Quotienten zwar nicht ausgerechnet, aber vermutlich liegt er nicht soviel niedriger. Aber davon abgesehen, dass jeder immer irgendwelche Kenntnislücken schließen muss, oder Lieblingsfilmen gern nach Jahren wieder einmal auf der Leinwand begegnet, sieht man die Werke Jahre später ja auch oft genug mit anderen Augen. So belegt James Grays Little Odessa, wie ruhig und sensibel vor nur zwanzig Jahren auch das Genrekino noch sein durfte, wieviel Zeit man sich nehmen konnte, um Figuren zu entwickeln und Milieus zu inszenieren. Ein Film wie eine antike Tragödie, in der der Zyklus des Verhängnisses durch die Generationen weitergegeben wird. Der Film erinnert an das heute auch stark gewandelte russisch-jüdische Milieu von Brighton Beach in Brooklyn – Tim Roth spielt den Sohn eines schwächlichen Bücherliebhabers (Maximilian Schell), der mit den Kindern „Schuld und Sühne“ gelesen hat. Er musste Brighton Beach verlassen, und verdingt sich heute an der Westküste als Hitman. Schließlich kommt er gezwungenermaßen zurück, um seine sterbende Mutter – Vanessa Redgrave – noch einmal zu sehen; letztendlich aber, um seine Familie in den Abgrund zu reißen: Edward Furlong spielt den kleinen Bruder, der am Ende ebenso dran glauben muss, wie seine Freundin. Verdammt sind sie alle. Wie sein böser schwarzer Engel erscheint Roth in Brooklyn, mit schwarzer Lederjacke, schwarzen Handschuhen, und wenn er später im Schnee den eigenen Vater dazu zwingt, die Hose auszuziehen, und ihn fast erschießt, dann muss man auch an SS denken.

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„Brooklyn sollte ‚Rumors“ heißen.“, sagt Roth irgendwann. Hat jemand schon einmal den amerikanischen Kriminalfilm nach Ost- und Westküstenfilmen kategorisiert? Die interessantesten Filme der Reihe spielen jedenfalls an der Ostküste, die meisten in New York. Hier atmen die Milieus und ihre Stories mehr Geschichte. „There are eight million stories in a naked city“, heißt des zu Beginn von Spike Lees Summer of Sam, „this is one of them.“ Besser kann man nicht beginnen.

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Spike Lee, Copyright: David Shankbone

Dies ist wohl Spike Lees bester Film, und jeder, der ihn noch nicht kennt, sollte ihn sich schleunigst auf DVD besorgen. Später als ich Fran Gallo erzähle, dass ich ihn gesehen hätte, sagt er dasselbe. Wir unterhalten uns darüber, welches Lees beste Filme seien, und sind völlig einer Meinung: Do the Right Thing, Summer of Sam, Inside Man, mit Abstrichen dann 25th Hour und Malcolm X.
Summer of Sam stammt von 1999, dauert zweieinhalb Stunden, und ist so vielfältig und reich, dass man ihn schwer zusammenfasssen kann. Es ist der erste von Lees Filmen, der nicht unter Schwarzen spielt, sondern unter Italoamerikanern in Queens. Grob gesagt, geht es um zwei Freunde um die 20 und ihre Probleme, um das Viertel, in dem sie leben, und um das Jahr 1977, vor dem Hintergrund eines Sommers, in dem ein Serienkiller New York unsicher machte und eine allgemeine Hysterie verursachte. Der Mörder tötete nur weiße Frauen oder Paare, die dunkle Haare hatten. Der Boulevard nannte ihn den 44-Kaliber-Killer, er selbst nannte sich in diversen Schreiben an die Polizei „Son of Sam“ – wie die Vietnam-Veteranen. Man kann dies aber auch nach den Anfangsbuchstaben als „SOS“ lesen.
Das alles erzählt Lee, und dabei die Geschichte eines Milieus, einer Generation und des Zusammenpralls von disco-Kultur und Punk.
Das was an diesem Film so wahnsinnig gut ist, sind vor allem drei Szenen und – neben den Hauptdarstellern Adrien Brody (in seiner ersten tollen Rolle) und John Leguizamo – zwei Nebendarsteller: Mira Sorvino und Ben Gazzarra. Sorvino spielt eine Disco-Queen, die mit dem Friseur und notorischen Frauenvernascher Vinny verheiratet ist, einem Vorstadt-John-Travolta. In einer der ersten Szenen singen Abba „Fernando“, und Sorvino betritt im knallroten Kleid mit Vinny einen Club, beide tanzen. Das Ganze dauert vielleicht sechs, sieben Minuten. Die ersten zwei sind ungeschnitten, in einer einzigen langen Bewegung filmt Ellen Kuras das anfahrende Auto und die ganze Szenerie vor der Tür vom Kran, steigt dann mit den beiden aus, geht rein und beginnt zu tanzen. Das ist nur einfach schön, immerhin. Groß ist die zweite Szene, in der Sorvino zu Abbas „Dancing Queen“ im Auto auf der Heimfahrt von „Plato’s Retreat“ plötzlich ganz und gar die Contenance verliert, ausrastet, ihren Mann minutenlang beschimpft, flucht und wütet, schließlich aus dem Auto schmeißt und stehenläßt.
Die beste Szene ist die von Ben Gazzarra, der den Paten des Viertels spielt. Mit zwei anderen sitzt er im italienischen Restaurant, da kommt die Polizei rein, zwei Ermittler in der Mordserie, die seine Hilfe wollen. Man muss das sehen, kann es nicht beschreiben, in welchem Tonfall und welchem Gesicht Gazzarra das Ansinnen zurückweist. Aber man kann es sich vielleicht doch ein wenig vorstellen, wenn ich hier aus seinen Dialogsätzen zitiere: „Look who’s here: ‚Starsky and Hutch‘ – two setups for the New Yorks finest.“ Stühle kommen, dann werden mit den Cops Spaghetti geteilt. … „What do you want me to do? Arrest myself? hahahah … I am just a plummer. … You know, you’ve been busting my balls, since you’ve been promoted. I treated you like a son. I took you to the stadium. And now you have the balls to come and ask me. When you became a cop, did you come over and ask me? And you would have been a good plummer.“

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„This whole system fancies the scumbags.“ In King of New York aus der Zeit als Abel Ferrara noch tolle Filme machte, entdeckt man heute manches, was Dominik Graf im Angesicht des Verbrechens dann für Berlin erzählte. Sinnlichkeit, einen gewissen Überdruck, der aber nie unrealistisch ist. Ein Film, in dem endlich einmal der Exzess gezeigt wird, die Sinnlichkeit, der sich das Augenzwinkern mit der Filmgeschichte gönnt, der sehr gut gefilmt ist, manchmal over the top erzählt, ohne deshalb völlig absurd zu werden, und der – mehr als viele – Gesellschaft miterzählt. Der eine atemberaubende Verfolgungsjagd enthält. Und eine Frauenfigur, Anwältin der Gangster, auf der Grenze zwischen Legalität und Kriminalität balancierend, und gespielt von einer gut spielenden, gut aussehenden völlig Unbekannten (Janet Julian). Wenn Walken dann in der U-Bahn an ihr herumfummelt, während die Kleingangster kommen, dann sind das schon Wahnsinnsmomente. Ein Film, der unglaublich viele solche Einzel-Momente besitzt. Ob sie sich zu einem Ganzen fügen, ist die Frage. Bestimmt nicht zu einem Ganzen im Sinne üblicher Film-Narration. Aber wer will das schon immer? Eher ist King of New York wie eine Oper, die aus einzelnen szenischen Höhepunkten besteht, exemplarischen Momenten, Arien, die nur lose verbunden werden. Romantik, Todessehnsucht liegt von Anfang an in allem drin. Auch das Gefangensein.
Der beste Dialog: „Frank, I wanna talk to you.“ – „I don’t think so.“
Der treffendste Satz: „I am not your problem. I am just a businessman.“

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Grandios war schließlich die Begegnung mit David Mamets heute fast vergessenem Homicide von 1992. Entstanden vor der gleichnamigen Fernsehserie spielt auch dies unter Polizisten der Mordkommission von Baltimore. Tolle Revier-Innenansichten zeigen die Cops am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein ungemein eleganter, von Roger Deakins Kamera in sehr eigene Bilder getauchter Film, in dem Mamet seine Kunst des blitzschnellen „hard-bolied“ Dialoges in den Dienst einer politisch hellwachen Geschichte um Identität und Loyalität stellt. Joe Mantegna spielt hier die Rolle seines Lebens als erfolgreicher Polizist, der aber als Jude zugleich immer Outsider bleibt, und selbst von Seiten der schwarzen Kollegen unterschwelligem Rassismus ausgesetzt ist. Stilistisch wie inhaltlich ist hier fast alles vorweggenommen, was man heute erst in den Erfolgsformaten des Fernsehens zu entdecken glaubt – aber das Kino wurde im Kino schon längst gerettet.

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Asalto al Cine

Das zeigt auch die Begegnung mit dem neuesten Kino aus Lateinamerika – auf diesem Festival ein traditioneller Schwerpunkt -, das belegt, wie lebendig die Noir-Tradition des gesellschaftskritischen Genrekinos und seines anthropologischen Pessimismus heute ist. Lange Schatten wirft der Film Noir etwa in dem hervoragenden Miss Bala, in dem der Mexikaner Gerardo Naranjo von einer jungen Frau erzählt, die den Cinderella-Traum einer Karriere als Schönheitskönigin bitter bezahlen muss. Nachdem sie zufällig in eine blutige Schießerei zwischen Polizei und Drogenmafia hineingerät, und so gerade noch mit dem Leben davonkommt, zwingen sie zunächst ein Drogenboss, später auch die Polizei in die Rolle der Komplizin und des Lockvogels. Unter der Hand erzählt dieser souverän inszenierte, harte und schmutzige Thriller eine Menge darüber, was auf den Straßen und in den Köpfen Mexikos gerade los ist. Mexiko erscheint als ein Land, in dem Anarchie, Korruption und Verbrechen das Gesetz längst überwunden haben. Davon erzählt auch Iria Concheiros Gangsterfilm Asalto al Cine, in dem fünf arbeitslose Straßenkids einen Raubüberfall auf das Multiplex ihres Viertels unternehmen.

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Todos Los Muertos

Als eiskalter Thriller fast ohne Dialoge beginnt Todos Los Muertos aus Kolumbien. Eine Gesellschaft in Angst, ein Land als Groteske. Ein Bauer findet eines Morgens in seinem Maisfeld einen Haufen von rund 50 Toten. Über die Frage, was passiert ist und wie man – am Tag der Bürgermeisterwahlen, an einem Ort, an dem an jeder Ecke Plakate für die Verschwundenen herumhängen – mit den Toten verfährt, wandelt sich Carlos Morenos und Alonso Torres‚ Film dann zunehmend über ein kafkaeske Paranoia-Drama zu einer politischen Farce, wie sie wohl nur in Kolumbien spielen kann – auch wenn die existentielle Melancholie des Noir natürlich universal ist.

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„Evil spelled backwards, means life.“ (Aus Summer of Sam)

Hier finden Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus San Sebastián und in Kürze auch die Bekanntgabe der Preisträger.