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Für jeden Filmwissenschaftler gilt als eine Pflichtlektüre: DIE DRAMATURGIE DES FILMS von Michaela Krützen. Laut Krützen zeichnen sich viele Hollywoodfilme durch eine sogenannte Backstorywound aus, die das Verhalten einer Figur motiviert. Markantes Beispiel ist SILENCE OF THE LAMBS: Clarice Starling wurde Polizistin aus Leidenschaft um ein Kindheitstrauma zu verarbeiten – sie hörte die Lämmer schreien, die geschlachtet werden sollen. Das Verhältnis von Trauma zu Film ist aber mehr als bloße Dramaturgie. Julia Barbara Köhne widmet dem Thema daher einen Sammelband, der eine Reihe vielversprechende Essays enthält.

Zunächst fallen beim Durchblättern des Bandes mit dem Titel TRAUMA UND FILM kleinere Schwächen auf, die den ersten Eindruck ein wenig trüben: Die Einteilung der Beiträge in mehrere Kapitel ist nicht geglückt. Überschriften wie „Amnesien – Phantasien – Ethik“ und „Wiederholen – Re-Enactment – Spiel – Gender“ erscheinen wie beliebige Aufzählungen und strukturell nicht einleuchtend. Auch wären ein den gesamten Band umfassendes Literaturverzeichnis und eine Filmographie wünschenswert gewesen, aber auch angesichts der finanziellen Rahmenbedingungen kaum machbar. Diese kleinen Mängel übersieht man gerne, bemerkenswerter ist, dass die Texte ein stimmiges Gesamtbild ergeben, das durch die Einleitung der Herausgeberin zusammengehalten wird.

Neben einen eigenen Essay hat die Herausgeberin noch vierzehn weitere Beiträge zusammengetragen, die von WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Fachrichtungen und Länder verfasst wurden. Interdisziplinarität und Interkulturalität, die Zauberwörter des jüngeren Wissenschaftsdiskurses, sind auch Köhne wichtig. Erfreulicherweise schafft sie es durch eine genaue Zielsetzung ein chaotisches Nebeneinander der einzelnen Disziplinen zu verhindern. Alle Texte haben einen roten Faden und fokussieren sich auf einen bestimmten Aspekt. Die einzelnen Wissenschaftler berufen sich vorwiegend auf die Kompetenzen als Experten ihrer Disziplin, um sich dem gemeinsamen Thema TRAUMA UND FILM zu nähern. Das kommt wiederum der Qualität der Texte zugute. Das besprochene Trauma reicht vom individuellen zum kollektiven. Neben allgemeineren Überlegungen sind konkrete Fallbeispiele zu finden.

Die englischen Texte des Bandes erweisen sich eher als willkommene Abwechslung denn als Hindernis. Ebenso abwechslungsreich ist der Blickwinkel, mit denen das gemeinsame Thema betrachtet wird: Beispielsweise beleuchtet der philosophische Ansatz von Raz Yosef, wie Ethik innerhalb der Filme über den Konflikt im Nahen Osten zum Ausdruck kommt; Sabine Sielke vermag es als Anglistikprofessorin über den filmwissenschaftlichen Rahmen hinaus zu gehen und Scorseses TAXI DRIVER in einem gesellschaftspolitischen Rahmen zu betrachten.

Leider können nicht alle Texte überzeugen. Shireen R.K. Patell versucht in ihrem Beitrag „traumatic memory“ und „cinematic syntax“ zu verbinden. Dabei verstrickt sie sich aber zu sehr in psychologische Überlegungen und verliert die filmische Narratologie weitgehend aus den Augen, wodurch aus ihrem Text keinerlei Erkenntnisse über die titelgebende „cinematic syntax“ zu gewinnen sind. Allerdings bleibt ihr Artikel, der zugleich den Band eröffnet, die einzige größere Enttäuschung. Besonders gelungen ist hingegen Lars Kochs Analyse von Bigelows THE HURT LOCKER. Koch betrachtet den Film konsequent als filmisches Kunstwerk. Ihn interessiert nicht der Realitätsgehalt des Films, sondern dessen Umsetzung traumatischer Ereignisse durch filmische Mittel. Indem er sich im Sinne eines close-reading eng am Film bewegt, kann er die Bedeutung vieler Details erkennen und zeichnet die scharf durchdachte Komposition von Bigelows Oscar-prämierten Kriegsfilm sorgfältig nach. Weitere Stärken des Band sind Anna Martinez’ Überlegungen zur parallel verlaufenden Entwicklung der Traumaforschung und des Mediums Film. Sie zeigt darin, dass der Film des öfteren der Psychologie vorrausgeeilt war. Und nicht zuletzt ist auch der Essay der Herausgeberin selbst ausgezeichnet: Köhne widmet sich THE NIGHT PORTER, vor allem in der Absicht ihn nicht als Skandalfilm zu betrachten. Sie plädiert zurecht für eine Wertschätzung jener Filme, die durch das Ansprechen eines gesellschaftlichen Tabus eine Randstellung einnehmen. Abschließend bleibt zu hoffen, dass Köhnes Band den Weg in die Bibliotheken der Universitäten schafft und damit Studenten wie Dozenten unterschiedlicher Fächer es rezipieren können.

© Kadmos Verlag

© Kadmos Verlag

 

 

Köhne, Julia Barbara (Hg.):
Trauma und Film.

384 Seiten
Januar 2013 im Berliner Kulturverlag Kadmos erschienen.

ISBN: 978-3-86599-173-7
29.80 €.

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