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Unter dem Motto „Jazz in Animation“ präsentierte das Wiesbadener Trickfilm-Festival auf Schloss Biebrich am vergangenen Samstagabend mit Chico & Rita ein sowohl akustisches als auch optisches Highlight. Chico & Rita ist eine Hommage an die kubanische Jazz-Musik und an die wahre Liebe. Die Musik und die Kultur Kubas verschmelzen in diesem Film mit Liebe und Leidenschaft und bilden eine stimmige Synthese aus Emotionen und Jazz. Die Geschichte, die der Film zu erzählen hat, ist in keiner Weise originell, aber dennoch zutiefst berührend. Es ist die Geschichte einer endlosen, wenn auch anfänglich scheinbar unmöglichen Liebe, aber auch eine Geschichte über Musik, eingebettet in die politische Zeitgeschichte Kubas, die in diesem Film jedoch eher nebensächlich ist. Das Schauspiel beginnt mit der ersten Begegnung der beiden Liebenden im Havanna der 1950er Jahre und erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte bis zu ihrer endgültigen Vereinigung in Las Vegas.

Havanna (Kuba) heute: Seinen Lebensunterhalt verdient Chico auf den Straßen als Schuhputzer für Touristen. Als er eines Abends einsam in seinem kleinen Zimmer sitzt und eine alte Jazznummer aus dem Radio ertönt, werden weit zurückliegende Erinnerungen geweckt und leiten die erste von vielen Retrospektiven zurück in seine Jugend, zurück zu seiner Liebe, ein:

Havanna, 1948: Chico ist ein junger und begabter Jazzpianist mit großen Träumen. Rita ist eine bildschöne Sängerin mit einer herausragenden Stimme. Bei ihrer Begegnung fühlt sich Chico von der ersten Sekunde an magisch zu ihr hingezogen. Sie verbringen schließlich eine leidenschaftliche Nacht miteinander und er widmet Rita einen selbstkomponierten Song. Eine Reihe von Missverständnissen führt jedoch dazu, dass die aufkommende Romanze im Keim erstickt wird. Dennoch ist dies der Beginn einer eindrucksvollen, musikalischen Zusammenarbeit. Chico und Rita sind füreinander bestimmt, soviel steht von Anfang an fest, jedoch treibt sie Eifersucht, Eigensinnigkeit und Stolz immer wieder weiter auseinander und schließlich ist es Ritas Erfolg, der ihre Wege ganz trennt. Als Rita bei einem ihrer gemeinsamen Auftritte mit Chico von einem amerikanischen Produzenten entdeckt wird, bietet sich ihr die Chance auf eine Karriere als Sängerin in New York. Eine Chance, die sie ergreift und sie zum Star werden lässt. An dieser Stelle könnte die Liebesgeschichte enden, doch das tut sie nicht, denn bald darauf findet auch Chico einen Weg nach New York. Während sich nun nicht mehr nur die Musiker Kubas vom amerikanischen Bebop inspirieren lassen, sondern auch der amerikanische Jazz mit der Zeit zunehmend von der kubanischen Musik beeinflusst wird, erlangt auch Chico mit seiner Musik in Amerika den ersehnten Erfolg. Sein größter Hit: der Song Rita. Rita dagegen wird trotz ihres Ruhms zusehends unglücklicher. Als Kubanerin wird sie in den Kreisen, in denen sie verkehrt, trotz ihrer Berühmtheit, als minderwertig behandelt. Als sie und Chico sich dann eines Tages in Las Vegas begegnen, kommen sie sich wieder näher. Doch durch eine Intrige wird Chico des Landes verwiesen und die Beiden werden von neuem getrennt. In Kuba hat derweil die Revolution unter Fidel Castro begonnen, so dass Chico das Land nicht mehr verlassen kann. Da der Jazz zu dieser Zeit als imperialistische Musik angesehen wird, ist auch seine Musikkarriere beendet.

Ein halbes Jahrhundert vergeht. Chicos Träume von einer Karriere als Jazzpianist und von einem Leben an der Seite seiner großen Liebe scheinen für immer geplatzt zu sein. Doch Chico hat einen unerwarteten, jungen Fan, eine bekannte und vielversprechende Flamenco-Sängerin, Estrella Morente, die sich auf die Suche nach Chico begibt um mit ihm ihren Lieblingssong von ihm aufzunehmen: Rita. Chicos Ruhm erblüht von neuem und es kommt zu einer Tournee, die sie durch New York, der Stadt, in der Rita sich immer noch aufhalten soll, führt. Und die Liebesgeschichte, die über Jahrzehnte still stand, nimmt weiter ihren Lauf…

Dass die Liebesgeschichte von Chico & Rita schließlich doch noch ein glückliches Ende findet, ist zwar nicht besonders überraschend, tut dem Ganzen aber keinen Abbruch, denn alleine die Musik, die authentische Atmosphäre und die graphische Darstellung machen den Film zu einem sehr bewegenden und sehenswerten Ereignis.

Chico & Rita ist das Werk von Regisseur und Oscar-Preisträger Fernando TruebaSpaniens renommiertesten Designer Javier Mariscal und Tono Errando. Die wundervolle Musik, welche die Bilder begleitet, stammt von dem bereits 93-jährigen Komponisten Bebo Valdés, der auch Chicos Klavierspiel im Film übernahm. Ritas Gesang kam von Idania Valdés. Flamenco-Star Estrella Morente spielte sich selbst in dem Film.

Chico & Rita präsentiert ein Havanna, das nach alten Stadtplänen detailgenau rekonstruiert wurde. Mit einer unglaublichen Liebe zum Detail gingen dem Trickfilm ganze vier Wochen Dreharbeiten im wahren Kuba voraus. Mariscal verschaffte sich Zugriff zu Bildern Havannas im Jahre 1949 aus dem Stadtarchiv, um sich ein genaues Bild des Szenarios zu kreieren, in das er die Protagonisten einbetten wollte. Die Orte, Straßen und Häuser – sowohl ihre Fassaden, als auch ihre Räume – sind dem originalen Havanna der 1950er nachempfunden und verleihen den Bildern der Geschichte von Chico & Rita, die sich zu eben dieser Zeit abspielen, ein historisch realistisches Ambiente und sehr viel Authentizität. Aber auch die Figuren des Films sind in ihrer Ausdrucksweise, in ihren Bewegungen, in der Gestik und Mimik den realen Einwohnern Havannas nachempfunden. Das Ergebnis ist eine Welt, in die der Betrachter nur zu gerne eintaucht und seine reale Umgebung vergisst, um sich völlig auf die Geschichte von Chico & Rita einzulassen.

Der Andrang des, in Relation zu den Vortagen, großen Publikums, der an diesem Abend im Biebricher Schloss herrschte, sprach, was die Erwartungen an den Film anbelangt, für sich. Erwartungen, die der Film zweifelsohne erfüllen konnte. Doch nicht nur Jazz-Begeisterte, so wie mein Sitznachbar, der sich sichtlich und hörbar völlig von der Musik einnehmen ließ und vom Kopf bis zu den Zehen zum Latin-Jazz mitwippte, kamen auf ihre Kosten. Der Film übte auch auf die nicht passionierten Jazz-Fans eine fesselnde Wirkung aus. Und so manchmal vergaß man, dass es sich bei den Musikszenen um Filmszenen und nicht um reale Darstellungen auf einer Bühne handelte und musste den Impuls zu applaudieren unterdrücken. Dass die Zuschauer gefühlsmäßig mit den Protagonisten des Films voll und ganz mitgingen, war ebenso unüberhörbar, wie das Geschnippe ab und an neben mir. Reaktionen, die angesichts der packenden Geschichte, des Szenarios, in welches sich diese einbettet und der gefühlvollen Jazz-Musik, die in perfektem Einklang zueinander stehen, nicht verwundern. Chico & Rita ist ein Film, an den man sich gerne erinnert.

Mehr zum Film gibt es auf der offiziellen Homepage sowie auf der Facebook-Seite. Erste Impressionen vermittelt der Trailer, den Ihr Euch hier ansehen könnt und auch unbedingt solltet:

Hier findet Ihr unsere gesamte Berichterstattung vom Trickfilm-Wochenende Wiesbaden 2011.

Bildmaterial: wiesbaden.de / Filme im Schloss – Trickfilm Wochenende Wiesbaden

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