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"Tristia - Eine Schwarzmeer-Odyssee" © Tag/Traum Film- und Videoproduktion / R.: Stanisław Mucha

„Tristia – Eine Schwarzmeer-Odyssee“ © Tag/Traum Film- und Videoproduktion / R.: Stanisław Mucha

Es war erst Anfang 2014 als sich Stanislaw Mucha auf den Weg zur Schwarzmeerküste machte und doch scheint es sehr viel länger her, denn jetzt, erst ein Jahr später hat die Geschichte den Film schon wieder überholt. In der langen und gewaltsamen Geschichte der Region irrt Mucha auf seiner Schwarzmeerodyssee und schaut sich um, was denn da eigentlich los ist. Sagenumwoben und auch Heimat der Barbaren, wie Amazonen, ist die Gegend rund um das Meer auch heute noch eine Schauplatz unendlicher Verkettung von Ereignissen der Gegenwart und Geschichte. Der Film verbreitet zunächst einmal so etwas wie Hoffnung, die Geschichte, die sich vor der russischen Annektierung der Krim abspielte, zu überwinden, doch dann setzt sich plötzlich ein Ahnung von sich immer wieder wiederholender Geschichte ein.

Im Tourbus um das Schwarze Meer

Fast schon symbolisch beginnt der Film mit dem Tourbus der Filmcrew, der im Sumpf steckengeblieben ist – als wäre Stillstand der Status quo, der sich festgesetzt hat. Der Einheimische, der an der Befreiung des Buses beteiligt war, nimmt, wie zur Einstimmung auf das Meer und seine fast beiläufige Rolle in der Geschichte rund um die sieben Länder des Schwarzen Meeres, ein Bad und erwähnt, dass es wohl egal sei, wie herum sie um das Meer fahren – sie würden wahrscheinlich steckenbleiben.
Gestartet wird in der Ukraine, in Odessa um genau zu sein und, um vielleicht einem großen Regisseur der Filmgeschichte zu huldigen, sieht man die berühmte Treppe aus Sergej Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN und sie ist schon das erste von Mucha präsentierte Denkmal, dass sich nicht nur in der Erinnerung von Cineasten eingebrannt hat. Von da aus geht es auf einem Flohmarkt, auf dem, neben zerschossenen Soldatenhelmen, auch die ein oder andere Feuerwaffe zu erstehen ist, wie uns ein Besucher und das Bild einer jungen Frau, die mit einem Maschinengewehr posiert, gleich bestätigt. „Wir haben keine Moral mehr! Alle und alles ist käuflich!“, bemerkt ein Marktbesucher. Das ist der in zwei Sätze zusammengefasste Status quo der Ukraine vor der Krimkrise. Alles Weitere ist bekannt.

Die nächste Station ist Owidiopol. Zu Füßen des Denkmals Ovids, der angeblich wegen seiner Schriften aus dem römischen Reich verbannt wurde, in Wahrheit aber Cäsar politisch im Weg stand, wie eine Dame am Straßenrand aufklärt. Dies ist nicht die erste Station, die Ovid vielleicht bei seiner Reise um das schwarze Meer machte und seine Klagelieder – Tristia, die den Titel für diesen Dokumentarfilm gaben – schrieb. In der Mitte der sieben Länder liegt das Meer, das in dem Leben aller Anwohner, von denen Mucha erzählt, eine Rolle spielt.. Er nähert sich den Menschen mit der Kamera, wobei er mal Gesprächspartner, mal Beobachter ist und mal sogar Regisseur, der den Personen Anweisungen gibt, aber dabei nie zum Voyeur wird. Zwischendurch setzt die Musik ein und melancholische Momente frei, die wie Ruhepausen bis zum Aufbruch zum nächsten Ziel sind; einen Moment verharrt man im Augenblick, in der Gegenwart.

Auf der Krim wird der Zuschauer Zeuge eines Gesprächs zweier Mädchen der Bevölkerungsgruppe der Tartaren, die ihre Wünsche für die Zukunft mit der Geschichte von gestern formulieren, die sie zum heutigen Zeitpunkt schon wieder eingeholt hat. Da wo früher eine Militärbasis war, lagen zum Zeitpunkt des Films Yachten und heute wahrscheinlich wieder Kriegsschiffe.

Der nächste Stop ist Russland und auch hier sind wir der Geschichte voraus. Was vor einem Jahr als eine vielleicht nur eine weitere Propaganda-Vorstellung des russischen Olympia-Komitees war, bekommt heute eine andere Bedeutung, vor allem wenn man an den vielen Denkmälern Lenins vorbeifährt. Und überhaupt – der Zusammenbruch der Sowjetunion hängt überall wie unsichtbar in der Luft und damit ebenso die Folgen für die Region um das Meer. Wir erfahren von Korruption und Zwangsumsiedelung der Bürger in Sotschi, über die man allerdings besser nicht vor laufender Kamera berichtet. In Georgien gibt es die Region Abchasien, deren Bewohner ihrerseits auf eine gewaltsame Vergangenheit mit ihren Nachbarn zurückblicken. So geht es weiter über die Türkei und Bulgarien bis nach Rumänien. Und während man die sich eigentümlich ähnelnden Geschichten der Menschen hört, die von gewaltsamen Kriegen berichten, gewinnt man gleichzeitig den Eindruck, dass der Feind möglicherweise nicht unbedingt der unmittelbare Nachbar ist, sondern irgendwer, der nach der Macht strebte und die Menschen instrumentalisierte.

Das Meer

Immer wieder fängt Mucha das Meer ein, immer wieder gibt es einen Steg zu sehen, der fast zur Mitte des Meeres zu führen scheint, wo sich alle irgendwann einmal treffen. Mal ist es einfach Hintergrund, mal wie ein Spielgefährte, vor dessen Wellen man wegrennt, mal steht es zu einem wohligen Bad zur Verfügung. Es ist nicht bedrohlich, aber immer anwesender stiller Zeuge der Ereignisse im Leben seiner Bewohner.

Muchas Reise – der Dokumentarfilm mutet manchmal wie ein Reisebericht an – um das Schwarze Meer ist eine Suche nach den Ursprüngen und der Geschichte seiner Anrainer und trifft auf mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, wie sie aufgrund ihrer Geschichte zu vermuten wären. Alle Menschen sind auf besondere Weise mit ihrer Region verbunden und die Konflikte um sie herum scheinen wie konstruiert, wie bei einer Partie Risiko. Auch wenn Muchas Blick auf die Menschen oft schonungslos und entblößend erscheint, so sind es seine einzelnen Porträts, deren Blicke eine manifeste Präsenz zeigen. Am Ende der Fahrt in Rumänien angekommen, treffen wir wieder auf Ovid und einen weiteren Mythos, der um ihn rankt. Im Hintergrund das verlassene Casino, das einst prachtvollste Gebäude am Schwarzen Meer. 2015 könnte die Fahrt von vorne beginnen, die Geschichte kann sich wiederholen und weitere Kapitel zu den Klageliedern der Irrfahrt hinzufügen.