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Dieses Jahr gewann Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul die Goldene Palme in Cannes. Schon 2004 wurde Weerasethakuls Tropical Malady dort mit dem Preis der Jury bedacht. Auch thematisch und stilistisch sind die beiden Werke verwandt, Uncle Boonmee wird sogar in einem Dialog der Hauptpersonen von Tropical Malady erwähnt, zudem erscheinen ähnliche Figuren.

Der Film ist in zwei Teile aufgeteilt, die zunächst Gegensätze präsentieren: Sonne – Schatten, Zivilisation – Wildnis, Sorglosigkeit der aufkeimenden Verliebtheit – zerstörerische Macht der Liebe, Beherrschung – Kontrollverlust. Doch wie sich zeigen wird, thematisiert der Film keine Gegensätzlichkeit sondern vielmehr die Einheit all dieser Dinge. Zunächst geht es darum, wie sich der junge Soldat Keng (Banlop Lomnoi) und der arbeitslose Dorfbewohner Tong (Sakda Kaewbuadee) kennenlernen und eine Freundschaft schließen aus der langsam Begehren und Liebe wird. Die Erzählung folgt dabei aber keinem klassischen Muster, es werden Situationen und Stationen aneinandergereiht, einzelne losgelöste Bilder und dokumentarische Aufnahmen eingefügt. Mitunter ist der Stil vergleichbar mit einer beobachtenden Kamera wie sie beispielweise bei Brillante Mendoza zu finden ist. Doch ist die tieferliegende Ebene trotz aller scheinbarer Beliebigkeit der Episoden und ihrer Anordnung zu offensichtlich. Diese wurde gleich zu Beginn durch ein vorangestelltes Zitat eingeleitet, das die menschliche Natur als Verbindungen von menschlichen und tierischen Attributen beschreibt und das Leben der Menschen zur Zähmung des inneren Biestes erklärt.

Genau um eine solche mystische Verbindung geht es in dem zweiten Teil, der nach einer kurzen Filmunterbrechung einsetzt und im Dschungel spielt. Der Film wird hier ebenfalls mehrfach von Zitaten unterbrochen, die auf eine Legende verweisen, nach der im Wald der Geist eines Tigers lebt, der sich den Körpern von Menschen bemächtig. Keng durchstreift nun den Wald auf der Suche nach Tong, der von dem Tiger besessen zu sein scheint. Ob es sich dabei um Realität handelt, ist unklar. Auf jeden Fall dient der zweite Teil dazu, die Schattenseiten der Liebe und des Begehrens darzustellen. Die Hingabe zur Liebe kann das innere Monster befreien und den Verstand fiebrig machen. Beinahe wie in einem Fieberwahn bewegt sich Keng dann auch durch den Wald. Die Naturbilder erscheinen dabei ebenso wie die Aufnahmen in der Stadt fast dokumentarisch. Es lassen sich keine Bilder des Dschungels wie beispielsweise in Terrence Malicks The Thin Red Line finden. Zunächst bewegt sich Keng wie ein Fremdkörper durch den Urwald und steht im Widerstreit mit der Natur. Nach und nach jedoch wird er immer mehr Teil davon, ausgedrückt auch dadurch, daß er sich mit Schlamm beschmiert. Außerdem beginnen Tiere mit ihm zu sprechen. Er öffnet sich also der Natur und sie sich ihm, gleichzeitig gerät er immer mehr in Bedrohung durch den Tiger. Die Legende vermischt sich mit der Realität, die Tiere mit den Menschen. Dies wird auf assoziative und auch nicht immer klar zu durchschauende Weise dargestellt. Zurück bleibt ein Bild der Einheit und Fortdauer. Die Teile des Films gehören zusammen, so wie die Liebenden füreinander bestimmt sind. Sichtbare Realität, Legenden, Geisterwelt, alles durchdringt sich und besteht gleichzeitig. Doch auch die gegensätzlichen Triebe und Emotionen fügen sich zu einem Ganzen. Die Natur der Menschen und die der Wildnis sind dieselben, das ist eine Wahrheit, die sich für immer im Rauschen der Urwaldbäume erkennen läßt.

Tropical Malady ist bei Salzgeber in Deutschland auf DVD erschienen.

Tropical Malady / Sud pralad
R: Apichatpong Weerasethakul
D: Banlop Lomnoi, Sakda Kaewbuadee
Thailand, Deutschland, Italien, Frankreich 2004, 118 Min.
Copyright: Salzgeber